"Ausdruck österlicher Freude": Kirchenhistoriker Tim Lorentzen im Interview
epd: Ostern hat viel mit Ritualen und Symbolen zu tun. Welche Bedeutung haben der Osterhase oder das Osterlachen?Lorentzen: "Beginnen wir mit zwei ganz vertrauten Ritualen - dem Eiersuchen und der Gestalt des Osterhasen. Das österliche Aufspüren von Süßigkeiten ist ja mit Umwegen und kleinen Misserfolgen verbunden, sodass der heimische Garten gewissermaßen zu einem unsichtbaren Labyrinth wird. Aber durch Ostern ist es ein Kinderspiel, die vielen krummen Wege fallen nicht ins Gewicht, sie machen jetzt Spaß. Und der Hase? Ihn kennzeichnet eine hohe Paarungsaktivität, und dass er Haken schlägt, um dem Jäger zu entwischen. Darum bezeichnete er im Mittelalter das sündige Gewissen, das immerzu Haken schlägt, sich dreht und entwindet, nie zu packen ist.
Zu Ostern darf aus dem Sünder eine freundliche Witzfigur werden. Diese neuzeitlichen Beispiele, die entfernt auf mittelalterliches Denken zurückgehen, gehören in den Zusammenhang des liturgischen Osterlachens (risus paschalis). Am Ostersonntag wurden auf den Kanzeln oft Witze gemacht, die gern auch ins Zotige gehen konnten, um der Osterfreude Ausdruck zu geben. Auch bei der Aufführung von Passions- und Osterspielen kam es regelmäßig zu komischen Einlagen wie dem ,Wettlauf der Jünger zum Grab'. Die Zuschauer bogen sich vor Lachen, auch wenn sie dabei im Grunde selbst aufs Korn genommen wurden."
epd: Und wie war das mit dem mittelalterlichen "Labyrinth-Tanz" der Priester an Ostersonntag?
Lorentzen: "Es ist ein schöner Gedanke, dass mit Ostern alle Hindernisse auf dem Weg zur Erlösung ausgeräumt sind - der Tod selbst, aber auch, dass das Leben so krumm verlaufen ist. Aus der Kathedrale von Auxerre ist zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert ein opulentes Festival aus Ballspiel, Tanz, Orgelmusik und Gesang bezeugt, das jährlich am Ostersonntag wiederholt werden musste, die "Pilota": Der Dekan bewegte sich singend in der Mitte des Labyrinths, während weitere Geistliche in einem Reigen außen herumtanzten, und warf jedem einzelnen einen schweren Ball zu, der tanzend zurückgespielt werden musste - eine schwierige Choreografie! So hielt man es bis ins 16. Jahrhundert, und zwar als Rechtsgewohnheit, die einklagbar war. Dabei ging es um den sinnfälligen Ausgleich widerstrebender Kräfte im Lichte einer anschaulichen und hörbaren Osterfreude. Denn im übrigen Kirchenjahr waren Tanz und Spiel verpönt."
epd: Ist das Labyrinth ein christliches Symbol?
Lorentzen: "Das Labyrinth selbst ist stumm - genauso wie der Pelikan, das Dreieck, die Farbe Blau und seine unzähligen Kollegen, die zum christlichen Zeichenhaushalt des Mittelalters gehörten. Um damit etwas anfangen zu können, musste man wissen, was es bedeutet. Für ein Symbol fehlen dem Labyrinth - nach der Symboltheorie des evangelischen Theologen Paul Tillich - aber die Kriterien der Anerkanntheit und Selbstmächtigkeit. Sagen wir also, es war eine Zeit lang ein christliches Zeichen. Heute ist es ein spirituelles Kontemplationsinstrument. Wegen seiner Bedeutungsoffenheit gibt es heute nicht ,die' kirchliche Interpretation des Labyrinths. Das Labyrinth bestätigt sich gewissermaßen selbst, weil auch die Deutungen labyrinthisch sind."
Quelle: epd


