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"Wer bin ich und wer darf ich sein?"

Frau Miederer, warum ist Religionsunterricht wichtig in der Schule?
Gertrud Miederer:
„Das ist eine Frage, die sich künftig immer häufiger und möglicherweise auch immer drängender stellen wird. Welchen Stellenwert hat der Religionsunterricht im Fächerkanon der Grundschule? – Das ist die eine Frage. Die andere, die sich gleichzeitig aber auch stellt, ist die: Wie und in welcher Weise kommt Religion im Schulalltag, im Schulleben, im Schulprofil vor? Hier denke ich an die Angebote von Schulseelsorge, an kirchliche Angebote in Ganztagsschulen, an Räume der Stille, die häufig von Religionslehrkräften eingerichtet und betreut werden. Ich glaube, die Sehnsucht nach und der Bedarf an diesen Angeboten ist riesengroß. Ausgangspunkt für religiöses Lernen aber ist und bleibt ein guter Religionsunterricht.“

Warum?
Miederer: „In der Menge der Angebote bietet der Religionsunterricht immer wieder auch vor allem Orientierung – nicht Indoktrinierung -  in der Vielfalt der Sinnangebote. Er befähigt Schülerinnen und Schüler, sich mit den Sinnfragen ihres Lebens zu befassen - zum Beispiel ,Wer bin ich und wer darf ich sein?´ ,Warum müssen Menschen sterben?´ ,Wo finde ich Schutz und Geborgenheit?´ ,Warum soll ich andere gerecht behandeln?´ - und ihren Glauben auch ins Gespräch zu bringen. Guter Religionsunterricht kann damit helfen, sich auch im Hinblick auf die Sinnfragen des Lebens in einem immer vielfältiger werdenden Umfeld zu positionieren. Schule kann so ein wunderbares Übungsfeld sein für die friedliche Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Religionen. Darüber hinaus kann ein guter Religionsunterricht mit der Vielfalt seiner Angebote auch über den Religionsunterricht hinaus ein gutes Stück zu einer Kultur der Nachdenklichkeit beitragen, die in unseren Schulen so dringend nötig geworden ist.“

Wodurch ist diese „Kultur der Nachdenklichkeit“ gekennzeichnet?
Miederer: „Innehalten – verlangsamen – sich besinnen – achtsam miteinander umgehen – einander wertschätzen – das sind Verhaltensweisen, die in einer menschenfreundlichen Schule unabdingbar sind und für die der Religionsunterricht aus seiner Perspektive und vom christlichen Menschenbild her gute Impulse und Anregungen, auch Lern- und Erfahrungsräume einbringen kann.“

Welche Möglichkeiten birgt das Fach Religion noch für die kindliche Entfaltung?
Miederer (Foto):
„Welchen Beitrag leistet der Religionsunterricht zur Persönlichkeitsentwicklung der Kinder? – Das muss die Kernfrage all unseres Tuns sein. Was hat guter Religionsunterricht zu bieten, was andere Fächer vielleicht nicht in dieser Form bieten können? Ich denke hier nicht in erster Linie an die schönen wohltuenden Erzählsituationen, die Lieder, die schönen Bilder, die Gespräche und die Gemeinschaft. All das leistet ein guter Unterricht in anderen Fächern auch, und all das zeichnet natürlich auch einen guten Religionsunterricht aus. Die Eltern der Schulanfänger erhalten im Rahmen der Schuleinschreibung einen – wie ich meine – sehr eindrücklichen und auch anschaulichen Flyer, in dem genau auf diese Frage eingegangen wird. Es sind dort verschiedene Bereiche genannt, die für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder unendlich wichtig und wertvoll sind und die eben nicht in dieser Form von anderen Fächern auch wahrgenommen werden können.“

Zum Beispiel?
Miederer: „Das Kind erlebt zum Beispiel im Religionsunterricht die großen Feste im Kirchenjahr und erfährt dabei deren inneren, bereichernden Sinn – ein wertvoller Beitrag zu einer Kultur des Zusammenlebens angesichts einer zunehmend pluralen Welt. Die Kinder werden mit ihren Fragen und Gedanken ernst genommen und können eine Gemeinschaft kennen lernen, vielleicht auch  in eine Gemeinschaft hineinwachsen, die sie – im günstigen Fall über viele Jahre ihres Lebens – in ihrem Nachdenken über Gott, über Sinnfragen, auch über ethische Zusammenhänge begleiten kann.“

Damit skizzieren Sie das Profil eines guten Religionsunterrichts als einen Ort, an dem schon Kinder erleben und erfahren können, was es heißt, sich in einer Glaubensgemeinschaft beheimatet zu fühlen, als eine Art Schonraum zur Vorbereitung für das echte Leben?
Miederer:
„Ja. Der Religionsunterricht führt Kinder auch in der Grundschule schon an Grenzsituationen ihres Lebens heran, aber er tut das sanft, und er versucht den notwendigen Vertrauensgrund zu legen. In der Auseinandersetzung mit biblischen Geschichten können Kinder beispielsweise wertvolle Botschaften erfahren, wie ,Ich bin angenommen, so wie ich bin, ich bin in seinen Augen kostbar und wertvoll, ich muss mich nicht abhängig machen von ständigen Vergleichen mit anderen, ich bin nie ganz alleine, Gott geht mit – auch in Leid, Schuld, Ungerechtigkeit.‘ Das sind doch Zusagen, die unendlich wertvoll für ein gelingendes Leben auch schon für Sechsjährige in der Schule sein können.“

Zusagen, die eigentlich in jedem gesunden Elternhaus selbstverständlich sein sollten . . .
Miederer: „. . . und trotzdem erleben wir immer wieder, wie schon Kinder gar keine Fantasie mehr entwickeln können, dass und wie etwas gut werden kann. In der Auseinandersetzung mit den biblischen Geschichten können wir ihnen ein reiches Potential an Hoffnungs- und Mutmach-Geschichten anbieten. Alle Geschichten vom Reich Gottes sind zum Beispiel Geschichten, die diese Fantasie ohne Ende anregen können. Last but not least hilft der Religionsunterricht Kindern aber auch, zu einer gesunden Spiritualität zu finden, der Seele Raum zu geben, still zu werden, zu lauschen, zu staunen, eigene Gefühle und Gedanken wahrzunehmen und Worte dafür zu finden im Gebet. Bei all dem können sie erleben, was es bedeutet, in eine Gemeinschaft hineinzuwachsen, dort vielleicht auch beheimatet zu sein und dabei offen zu bleiben für die Anliegen von Menschen anderer Religionen und Sinndeutungen."
 
Das hört sich alles gut an, steht und fällt aber auch mit der fachlichen, aber fast mehr noch sozialen, empathischen Kompetenz des Religionslehrers, der Religionslehrerin. Wie bemühen Sie sich darum, die Lehrkräfte entsprechend auszubilden, aus Ihnen richtig gute Religionslehrer zu machen?
Miederer: „,Machen' können wir in Aus- und Fortbildung sicher keine guten Lehrerinnen und Lehrer, aber wir können Angebote bereitstellen, ein anregendes Umfeld schaffen, das dazu motiviert, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen, aber auch jeden und jede ernst nimmt und auch der Spiritualität der Lehrerinnen und Lehrer Raum einräumt. Dazu zählen neben den spezifischen Fortbildungsangeboten, etwa der Schulseelsorge, der Meditation, … Elemente des Kurstages, der Kurswoche, die Nachdenklichkeit, Zeit zum Verweilen. Eine herzliche Begrüßung gehört ebenso dazu wie die täglichen Andachten oder die Zeit für intensive Gespräche untereinander. Ich bemühe mich sehr, mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern während der Fortbildungen genau das zu leben, was sie auch in ihrem Unterricht mir ihren Schülerinnen und Schülern realisieren sollen."

Nämlich?
Miederer:
"Die Weitergabe fachlicher Kenntnisse gepaart mit gegenseitigem Respekt in einer Atmosphäre, die Lust macht, sich mit Religion und Glauben in einem wunderbaren Schulfach auseinanderzusetzen."

Frau Miederer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Interview: Almut Steinecke

Zur Person: Gertrud Miederer, 61, ist Seminarrektorin i.K. und Referentin für die Grundschule am Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn (RPZ). In dieser Funktion ist sie unter anderem für die Fortbildung für Religionspädagogen zuständig.