Vollversammlung des ÖRK - Berichte und Eindrücke

9. Vollversammlung des ÖRKStimmungsbericht von Oberkirchenrat Michael Martin, offizieller Delegierter der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Bayern:

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„In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt“ (Eröffnungsgottesdienst)

Eröffnung der Vollversammlung: Die gemeinsame Feier im GottesdienstzeltIm voll besetzten Gottesdienstzelt auf dem Gelände der päpstlichen katholischen Universität in Porto Alegre, Brasilien, ist die neunte Vollversammlung des Weltkirchenrates eröffnet worden. Die Augen der Weltökumene waren in dieser Stunde voller Sorge und mit großen Erwartungen auf den Eröffnungsgottesdienst gerichtet.

Nach der Auseinandersetzung mit den orthodoxen Kirchen durfte es kein Gottesdienst, sondern nur noch ein Gebet sein. Und doch war es eine Feier, von der Metropolit Gennadios, der Vorsitzende des Gottesdienstausschusses, auf Nachfrage sagte: "Auf Deutsch gibt es kein anderes Wort als 'Gottesdienst'." Über 1.500 Menschen aus allen Teilen der Welt feierten also einen farbenfrohen Gottesdienst mit liturgischen Elementen der verschiedenen Kirchenfamilien dieser Welt.

Höhepunkt für viele waren die Selbstverpflichtungen, die die Gemeinde des Weltkirchenrates abgab. Frauen und Männer riefen sich zu den Klängen der Liturgie aus Tahiti zu, sich aktiv aufzumachen, diese Welt zu verändern. „In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt“, der Gebetsruf, der das Leitmotiv der neunten Vollversammlung des Weltkirchenrates ist, bekam auf bewegende Weise tausende von Händen und Füßen. Pfarrer Martin Wirth, Mitglied des Synodalausschusses unserer Kirche, sagte voller Begeisterung: “Diesen Gottesdienst sollten alle Kirchengemeinden mitfeiern können”.--> Weitere Information finden Sie auf der Homepage der Vollversammlung.

Ivo Huber, Ökumenereferent, von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Konsensus - Ein farbenfroher Abschied vom Mehrheitsprinzip

Die mit Spannung erwartete erste Sitzung der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Porto Alegre, Brasilien, hat begonnen. Es war der erste Testlauf des neuen Konsensverfahrens. Anstatt durch Abstimmungen wird der Weltkirchenrat seine Positionen in einem Konsensverfahren festlegen.

Für hart gesottene Europäer, die es gewohnt sind, Entscheidungen über klare Abstimmungen zu finden, klingt das wie die Quadratur des Kreises. Stimmungskarten, wohin mag das führen? Kritiker fürchten neben den Schwierigkeiten, überhaupt eine Position zu bestimmen, dass kontroverse Themen unter den Tisch fallen. “Im Gegenteil”, so Eden Grace, ÖRK-Zentralausschussmitglied von der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker), "ich hoffe, dass mehr kontroverse Themen zur Sprache kommen werden. Niemand braucht mehr zu befürchten, dass er durch eine Abstimmung in die Enge getrieben wird."

Grußwort: der brasilianische Staatspräsident Luiz Inácio Lula da SilvaDie ersten Erfahrungen scheinen die Hoffnungen zu bestätigen. Das Chaos blieb aus, und letztlich sind Positionen nur dann tragfähig, wenn sie von überzeugenden Mehrheiten getragen werden. Es klappte, auch wenn die afrikanische Moderation am Nachmittag etwas unwirsch reagierte, als bei der Konsensfindung über den Bericht des Vorsitzenden des Zentralausschusses, Arm I., ein einziger Delegierter eine blaue Tendenzkarte (Ablehnung bzw. Distanz) in das Meer der orangenfarbenen Karten (Konsens) reckte.

Auf die Nachfrage, warum er allein im Gegensatz zur gesamten Vollversammlung keinen Konsens sähe, nutzte jener Delegierte die Aufmerksamkeit geschickt dazu, die verdutzte Vollversammlung auf die Probleme Afrikas hinzuweisen. Die Vollversammlung reagierte trotzdem mit gelöstem Gelächter.

Ivo Huber, Ökumenereferent, von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen.

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Generalsekretär Dr. Samuel Kobia gibt seinen ersten Bericht ab

Mit Spannung erwartete die Vollversammlung den ersten Bericht ihres Generalsekretärs Samuel Kobia. Dr. Kobia war im Jahr 2004 als Nachfolger von Prof. Dr. Konrad Raiser zum Generalsekretär des Weltkirchenrates gewählt worden. Die Wahl des Afrikaners Kobia wurde allgemein als eine Akzentverschiebung der Arbeitsschwerpunkte des Weltkirchenrates in Richtung auf Fragen der Gerechtigkeit verstanden.

Der Bericht des Generalsekretärs gilt auf den Vollversammlungen des Weltkirchenrates immer als ein erster Versuch, den Schwerpunkt der nächsten Legislaturperiode zu bestimmen. Insbesondere nach den großen Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen und der zunehmenden Marginalisierung der Bedeutung des Weltkirchenrates waren die Erwartungen der Delegierten hoch. Doch nicht nur die Delegierten, auch viele Menschen auf der ganzen Welt, die die Vollversammlung des Weltkirchenrates beobachteten, erhofften sich eine deutliche Wegweisung, wie gegen die Bedrohung durch eine ungerechte wirtschaftliche Globalisierung vorgegangen werden kann.

Generalsekretär Samuel Kobia mit seiner Frau RuthAuf diese Herausforderung antwortete der Generalsekretär mit einer Rede, die in weiten Teilen die weltweiten Ungerechtigkeiten geißelte. „Gott“, so Kobia, „hat uns das Geschenk des Lebens gemacht, und wir haben es missbraucht. Menschliche Habgier und menschlicher Machthunger haben Strukturen geschaffen, die Menschen zu einem Leben in Armut zwingen und systematisch unsere Lebensgrundlagen zerstören. Selbst das Klima ist in Gefahr. In einer Zeit, in der mehr als genug Nahrungsmittel vorhanden sind, um ein Vielfaches der Menschheit zu ernähren, hungern weltweit 852 Millionen Menschen; 2003 waren es noch 842 Millionen. Täglich verhungern 25.000 Menschen. Täglich sterben über 16.000 Kinder aufgrund von Unter- oder Mangelernährung – das ist der Tod eines Kindes alle fünf Sekunden!“

Gleichzeitig blieb Kobia aber nicht bei der Kritik stehen, sondern rief den Weltkirchenrat dazu auf, den Ungerechtigkeiten dieser Welt eine neue Kultur ökumenischer Spiritualität, ein Fest des Lebens, entgegenzusetzen. Mit der Kraft des gemeinsamen Gebetes der Kirchen gelte es, sich für bessere Ausbildung einzusetzen, die Jungend ernst zu nehmen und das Wagnis auf sich zu nehmen, für eine verwandelnde Gerechtigkeit zu kämpfen.

Die Rede Kobia gipfelte in dem Aufruf an die Kirchen, sich nicht mehr auf sich selbst zu beschränken, sondern die nächste Vollversammlung des Weltkirchenrates gemeinsam mit allen Kirchenfamilien auszurichten. „Ich bin der Überzeugung“, so Kobia, „dass die ökumenische Bewegung durch eine gemeinsame globale Plattform gestärkt wird. Diese könnte ein Medium der gemeinsamen Planung sein, so dass wir noch effizienter zusammen sprechen und handeln könnten.“

Ivo Huber, Ökumenereferent, von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen

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Debatte über die wirtschaftliche Globalisierung

Mit Spannung erwartet, begann am Donnerstag auf der ÖRK-Vollversammlung die Debatte über wirtschaftliche Globalisierung. Viele Delegierte und Gäste sind vor allem mit Fragen und Positionen zu diesem Thema angereist. In meinen Gesprächen am Rande der Sitzungen konnte ich viel von der regen Diskussion innerhalb der Kirchen mitbekommen. So war das Plenum überfüllt, als die Trommeln endlich zur Sitzung “Global Justice” riefen.

Irritierend war allerdings, dass die Tagungsleitung lediglich eineinhalb Stunden auf der gesamten Vollversammlung zu Thema Globalisierung vorgesehen hatte. Als dann die erste halbe Stunde des Plenums auch noch mit (durchaus sehenswerter) Samba verging, beschlich mich das ungute Gefühl, dass der echte Diskurs hier gar nicht vorgesehen war.

Hielt eine Rede vor der Vollversammlung: Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang HuberInhaltlich wurde das Plenum vom EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber eröffnet. Er warf einen differenzierten Blick auf die seit der 8. VV in Harare laufenden ökumenischen Debatten sowie die unterschiedlichen Gesichter der Globalisierung. Er betonte, es ginge um die Überwindung der strukturellen Armut im 21. Jahrhundert im Sinne einer alle Menschen einschließenden Globalisierung, deren Konturen Solidarität, eigenständige Zivilgesellschaften und Gerechtigkeit seien. Der Weg gehe nun von Proklamationen zu alternativen Handlungsmöglichkeiten unter der Leitfrage, wie die biblische Option für die Armen und wirtschaftliche Kompetenz sinnvoll aufeinander zu beziehen seien. Die konkreten Alternativen blieb er allerdings – sicher auch aus Zeitgründen – schuldig.

Der Ton änderte sich dann radikal, als die brasilianische Methodistenpfarrerin Dr. Nancy Cardoso Pereira ihre als theologisches Grundsatzreferat angekündigte Rede begann. Mit einem Glas Gen-Saatgut in der erhobenen Hand paraphrasierte sie das Vaterunser und prangerte die Anbetung des Kapitals an. Ihre kompromisslose Kritik an der Globalisierung führte vor allem bei den Delegierten des Nordens zu heftiger Ablehnung.

Im Plenum war eine Aussprache aber leider nicht vorgesehen. Stattdessen wurden drei Fallbeispiele zur “Agape”-Ökonomie der Fokolar-Bewegung, aus der Karibik und aus Russland vorgestellt. Überzeugend war vor allem Vsevolod Chaplin vom Außenamt der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK), der einen ethischen Kodex der ROK für russische Unternehmen vorstellte. Er plädiert für ein alternatives Wirtschaftssystem und Bankwesen, das von der Bevölkerung demokratisch kontrolliert werden müsse.

Der abschließende „Agape-Aufruf zur Liebe und zum Handeln“ – verkürzt vorgetragen von Bischof Huber – in einer Mischung aus Schulderkenntnis und Klage hatte die Form eines Gebetes. Die folgende Verpflichtung benennt die Handlungsfelder Beseitigung der Armut, Handel, Finanzen, nachhaltige Nutzung von Land und Ressourcen, öffentliche Güter und Dienste, Leben spendende Landwirtschaft, Arbeit sowie „Kirchen und die Macht des Imperiums“ (ohne klarzustellen, was damit gemeint ist). Jugendliche sprachen diese vorformulierten Texte und standen stellvertretend für eine Vollversammlung, der man dieses an ein Bekenntnis erinnernde Gebet vielleicht doch nicht zumuten wollte, und das als liturgisches Element sehr befremdlich wirkte in dieser thematischen Veranstaltung, in der kein einziger Redebeitrag von Delegierten zur Sache möglich war.

Die differenzierten Positionen vieler europäischer Kirchen (auch der bayerischen Landeskirche) und Kirchenbünde haben in dieser Veranstaltung, außer in der Position Wolfgang Hubers, keinen Platz gefunden. Man wird sich kaum auf ein praktisches Programm einigen können, wenn man sie außen vor lässt

Nach deutlichen Unmutsäußerungen zum Verfahren hat die Versammlungsleitung für den Samstag eine weitere Stunde zur Aussprache angesetzt. Ich bin gespannt, ob es dann zu einem konstruktiven Diskurs kommen wird.

Thomas Prieto Peral, Referent für Konziliaren Prozess und Ökumene

Die Redebeiträge von der Vollversammlung können Sie hier abrufen: --> Zu den Redebeiträgen

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Gewalt überwinden

In Brasilien ist das Thema Gewalt für die meisten Menschen eine sehr konkrete und ständige Wirklichkeit. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelt sich die Stadt Porto Alegre in einen Ort, wo die Angst vor Raubüberfällen allgegenwärtig ist. In dem Stadtteil, in dem die bayerische Delegation gewohnt hat, im Zentrum der Stadt, wird sehr davor gewarnt, nachts das Hotel zu verlassen - oder wenn schon, dann sofort ein Taxi zu nehmen.

Eine Kampagne der Kirchen, die Waffen abzugeben, hat so gut wie keine Resonanz gefunden. Wie auch, wenn die eigene Sicherheit ständig bedroht ist. Solange es so viel Armut in Brasilien gibt, solange viele Menschen hier nicht die geringste Chance auf Arbeit haben, solange wird auch die Gewalt nicht aufhören.

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit: Verletztes afrikanisches KindAuf einem anderen Kontinent, in Afrika, in Uganda, findet derzeit unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, nicht beachtet von der Weltpresse, erneut ein Genozid statt. Die Bevölkerung in einem Teil des Landes wird systematisch dezimiert. In einem bewegenden Appell rief der frühere Außenminister von Uganda, Olara A. Otunnu, die Kirchen auf, Stellung zu diesem Völkermord zu beziehen. Eine christliche Hilfsorganisation berichtet in einer Studie, dass jede Woche rund 1.000 Kinder in den Konzentrationslagern der Regierung ums leben kämen. Wir brauchen die laute Stimme der Kirchen!

Die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen hat sich erneut zu einer Kultur des Friedens und der Gewaltüberwindung verpflichtet. Dabei wurden die Kirchen aufgefordert Geist, Logik und Ausübung von Gewalt zu überwinden sowie auf jede theologische Rechtfertigung von Gewalt zu verzichten. Stattdessen solle die Spiritualität von Versöhnung und aktiver Gewaltlosigkeit bekräftigt werden.

Bericht von Heinz Dunkenberger-Kellermann, Referat Ökumene, Partnerschaft, Mission der ELKB

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Dokument: Konsensus - Ein farbenfroher Abschied vom Mehrheitsprinzip

Dokument: Debatte über die wirtschafltliche Globalisierung

Dokument: Generalsekretär Dr. Samuel Kobia gibt seinen ersten Bericht ab

Dokument: Gewalt überwinden

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