Partnerschaft mit der Ukraine

Auferstanden aus Ruinen – St. Paul in Odessa

Ein Wochenende lang stand die kleine evangelische Gemeinde in Odessa  im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die ganze Stadt feierte die Auferstehung aus Ruinen für eines der Wahrzeichen der Hafenmetropole. Einst an der höchsten Stelle der Altstadt erbaut, diente ihr Turm den Schiffen als Orientierungspunkt und in der Stadt, in der um 1900 über 10.000 lutherische Gemeindeglieder lebten, als Zentrum des kirchlichen wie öffentlichen Lebens der evangelischen Gemeinde, umgeben von evangelischer Schule, Altenheim, Pfarrhaus und sozialen Einrichtungen auf dem „deutschen Hügel“.  

Von den Odessiten liebevoll mit dem aus dem deutschen entlehnten Wort „Kircha“ benannt, war sie weit mehr als das Gotteshaus einer von vielen Konfessionen in der Stadt. Die St. Paulskirche gehörte mit zur Identität der Stadt. So wagten es die Kommunisten nach der Revolution nicht, sie zu sprengen, wie die orthodoxe Kathedrale in Odessa und auch später, als das benachbarte Fernmeldeinstitut an dieser Stelle ein Studentenwohnheim bauen wollte, setzten sich die Bürger der Stadt für den Erhalt der lutherischen Kirche ein und erreichten, dass sie zu einem nationalen Baudenkmal erhoben wurde. Dass die St. Paulskirche in Odessa 1976 völlig ausbrannte und seitdem als Ruine langsam verfiel, führen in Odessa viele auf Brandstiftung zurück.   Diese Ruine wieder aufzubauen war die Auflage der Stadt, als die St. Pauls- Kirche 1992 an die neu entstandene lutherische Gemeinde in Odessa  zurückgegeben wurde. Ein Unterfangen, mit der die nur noch ein paar hundert Mitglieder zählende Gemeinde bei weitem überfordert war, zumal eine Kirche mit 1200 Sitzplätzen nicht mehr gebraucht wurde und völlig offen war, wie dieses Symbol der Stadt wieder sinnvoll genutzt werden konnte.  

Vom Schandfleck zum Wahrzeichen  

Doch als die Presse in Odessa sich über das fehlende Engagement der Deutschstämmigen und ihrer Partner beschwerte, die Kirche als Schandfleck der Stadt bezeichnete und forderte, der deutschen Gemeinde die Rechte an diesem Gebäude zu entziehen, stand bereits der Plan fest, wie die Kirche wieder aufgebaut und in Zukunft genutzt werden konnte: Zusammen mit dem Bundesinnenministerium und dem bayerischen Sozialministerium wurde die Idee eines Deutschen Zentrums St. Paul geboren: der zur Straße gewandte Teil der Kirche sollte als  gottesdienstlicher Raum erhalten und wieder aufgebaut werden, und anstelle der abgesunkenen und baufälligen Apsis im hinteren Teil sollte ein Kultur- und Begegnungszentrum errichtet werden, das einen Kristallisationspunkt für die deutsche Repräsentanz in Odessa bildet. Am 17. und 18. April 2010 konnte nach fast  fünfjähriger Bauzeit die Kirche St. Paul eingeweiht werden. Zehnmal so viele Besucher, wie die Gemeinde Mitglieder zählt, kamen an diesem Wochenende in die Kirche. Über 50 Journalisten, Fernsehteams und Fotografen drängten sich bei der Pressekonferenz vor der Einweihung. Der Oberbürgermeister und Vertreter der Regierung gaben sich die Ehre, um mitzuerleben, wie das Wahrzeichen Odessas der Stadt wieder zurückgegeben wurde.

In dem modern gestalteten Gottesdienstsaal klingt nun die einzige funktionierende Orgel der Stadt, die von der Gemeinde Nürnberg St. Leonhard an die Ukraine abgegeben wurde. Die geschnitzten Barockfiguren von Petrus, Paulus und dem Gekreuzigten sind Dauerleihgabe der Diözese Regensburg an die Gemeinde in der Partnerstadt und die Bänke wurden von St. Ulrich in Augsburg gespendet. Viele bayerische Beziehungen hat St. Paul in Odessa, die vor allem Claus Jürgen Roepke geknüpft hat. Als Baubeauftragter für dieses Projekt hat er die Wiederaufbauarbeiten begleitet und viele Spender und Partner gefunden.

Wichtiger ökumenischer Schwerpunkt   

Er hatte auch als Oberkirchenrat für Ökumene den ersten finanziellen Grundstock für die Renovierung aus Abteilungsmitteln schon im Jahr 2001 gelegt. Es wurde jedoch bald klar, dass diese Mittel nicht ausreichen würden für das größte Projekt der bayerischen Landeskirche in Osteuropa. So war es eine der größten Herausforderung für Oberkichenrat Michael Martin als Abteilungsleiter, die nötigen Mittel zu finden, um das Projekt fertig stellen zu können. Erfolgreich wurden Verhandlungen mit dem Bundesinnenministerium über einen Zuschuss für die Deutsche Minderheit ebenso wie mit dem Freistaat Bayern geführt. Innerhalb des Handlungsfeldes Ökumene konnten Fürsprecher gefunden werden, die diese Kirche in Odessa als einen wichtigen ökumenischen Schwerpunkt ansehen, für den es sich lohnt, über fünf Millionen Euro an kirchlichen Mitteln zu investieren.
 
Mit der Einweihung der Kirche St. Paul ist dieses Großprojekt abgeschlossen und muss zeigen, dass es den hohen Erwartungen gerecht wird. Dabei wurde schon bei den Feierlichkeiten der Symbolwert der Kirche mehr als deutlich. Auch nach dem Fest kommen jeden Tag Besucher, wollen die Kirche sehen, der Orgel lauschen oder feiern die täglichen Andachten  mit. Das Spendenaufkommen in der Gemeinde stieg schlagartig um mehrere hundert Prozent, aber noch viel wichtiger für die Gemeinde ist, dass sie nun einen Namen hat in der Stadt als eine der historischen Kirchen.  

Bewähren muss sich noch das Zusammenspiel von Gemeinde und deutscher Minderheit, Bayerischem Haus Odessa und Kirche im Kultur- und Begegnungszentrum, Mieter müssen noch gefunden werden, durch die die laufenden Kosten und die Arbeit der DELKU auf  Dauer finanziert werden können. Noch ist es zu früh, ein Resümee für dieses Projekt in Odessa zu ziehen. Die Reaktion der Odessiten, die diese Kirche nach der Einweihung in ihr Herz geschlossen haben, gibt mir die Hoffnung, dass es sich trotz des enorm hohen Aufwandes gelohnt haben könnte, der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche ein Symbol wiederzugeben, das nicht in der Vergangenheit stehen bleibt, sondern in eine Zukunft weist, in der die Kirche einen festen Platz in der Stadt Odessa und in der ukrainischen Gesellschaft gefunden hat.       

Ansprechpartner: KR Ulrich Zenker; Email: ulrich.zenker@elkb.de