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Überwindung von Gewalt - Impulse, Perspektiven

Ausschnitte aus den Grundsatzreden auf der bayerischen Auftaktveranstaltung zur Dekade "Gewalt überwinden - eine Kultur des Friedens schaffen":
Beide Vorträge finden Sie in voller Länge in der Dokumentation des bayerischen Dekade-Auftaktes am 8./9. April 2000 in Regensburg. Mit Ausführungen zu angebotenen Workshops, vielen Internet-Adressen. 80 Seiten DM 3,- zzgl. Porto gegen Rechnung. (Ihre Bestellung per E-Mail wird an die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen weitergeleitet). Weitere Informationen finden Sie auch in unserer Gottesdienstarbeitshilfe "Dekade-Auftakt" (54 Seiten), die Sie über unseren Bestellservice anfordern können - oder direkt per E-Mail.


Download beider Beiträge:
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Fernando Enns,
Mennonitischer Pfarrer, Mitglied im Exekutivkomitees des Ökumenischen Rates der Kirchen:

"Wir wissen, dass es nicht einfach wird. Wir lassen uns auf eine Thematik ein, deren Komplexität wohl kaum zu überbieten ist. Wir stolpern erneut in die Ambivalenzen eines von Zweifeln und Versuchungen verminten Feldes.
Niemand von uns kennt die endgültigen Antworten, weil die Situationen immer anders und komplizierter sind, als es vorher je gedacht wurde. Einmal gefasste Überzeugungen drohen im nächsten Moment schon wieder zu entgleiten, weil es hier buchstäblich um Leben und Tod geht. Gewalt ist offensichtlich existentialer Bestandteil unseres Lebens - und Gewaltverzicht überlebensnotwendig.

Gewalt wird es immer geben auf dieser Welt, aber daraus ergibt sich noch kein Argument für ihre Legitimation. Durch Gewalt sterben Menschen - wird ihr Leben aber nicht auch durch Gewalt geschützt? Gewalt produziert oft Chaos - aber wird durch eine Monopolisierung der Gewalt nicht auch Ordnung erhalten, vor Anarchismus bewahrt? Gewalt verletzt die Würde der Menschen, oft irreparabel - aber muss die Würde des Menschen zur Not nicht auch durch Gewalt verteidigt werden? Eine differenzierte Sicht der Gewalt tut Not! …

Noch ist kaum zu erahnen, wie viele Fratzen der Gewalt und Fenster der Gewaltüberwindung sich auftun werden. Das soll uns aber gerade nicht dazu verleiten, vorschnell eingrenzend definieren zu wollen, was Gewalt eigentlich sei, damit alles überschaubar und hübsch behandelbar bliebe. Im Gegenteil: das Erfassen der Komplexität wird uns nur gelingen, wenn wir alle Stimmen zu Wort kommen lassen. Das ist die erste Voraussetzung zur Überwindung von Gewalt. …

Johannes Paul II. hat in den kürzlich vorgetragenen Schuldbekenntnissen u.a. so gebetet: "Herr der Welt, Vater aller Menschen, durch deinen Sohn hast du uns gebeten, auch den Feind zu lieben, denen Gutes zu tun, die uns hassen, und für die zu beten, die uns verfolgen. Doch oft haben die Christen das Evangelium verleugnet und der Logik der Gewalt nachgegeben." Damit bekennt der Papst: wir Christen haben das evangeliumsgemäße Zeugnis der Gewaltfreiheit verraten. Zu oft haben Kirchen sich mit der Macht arrangiert, waren mehr um ihre eigene Sicherheit besorgt als um das Recht der anderen, sind ihrem Auftrag dadurch nicht gerecht geworden.
Frieden schaffen gehört aber zum Wesen der christlichen Kirche.
(…)

z.B. Überwindung von Gewalt in lokalen Gemeinschaften
Gibt es in Regensburg oder in Bayern Ausländer, Flüchtlinge, Asylsuchende, die Ziele von Gewalttaten geworden sind? Gibt es hier Schulen, an denen die Gewalt zunimmt, Schüler sich gar bewaffnen? Welche Aufgabe stellt sich für die Kirchengemeinden? Welche Möglichkeiten haben Sie ausprobiert, den unglaublichen Hass und die Aggression zu überwinden? Welche Ansätze gibt es in Ihrem lokalen Kontext, der eigenen Lähmung zu entkommen? Haben Sie in Ihrer Gemeinde schon einmal ein Training für gewaltfreie Konfliktlösung organisiert? Auch der Umgang innerhalb der Gemeinde wird sich verändern.

Überwindung von Gewalt zuhause und in der Familie und Überwindung von sexueller Gewalt
Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, und Kindesmisshandlungen sind nur die krassen Spitzen dieser Form von Gewalt. Wie viele Gewalttaten kommen niemals ans Licht? Wie viele Frauen und Kinder sind Ziel der Aggression ihrer Ehemänner oder Väter? Die DÜG will auch diesen Raum öffnen, behutsam grausame Geheimnisse aus dem Dunkel der Verzweiflung holen. Es darf nicht sein, dass die Opfer von Gewalt durch das Verdrängen und Schweigen der Umgebung erneut zu Opfern werden, dass Schamgefühl und Erpressung die Würde gänzlich zerstören. Könnten Gemeinden nicht zum geschützten, zum heiligen Ort des Mutes werden, durch wahrhaftige Seelsorge zur Heilung solcher Verletzungen beitragen?

Überwindung von Gewalt an der Schöpfung
Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ist Gewalt an der Natur. Könnte doch die Dekade zur Überwindung auch von solcher Gewalt Räume öffnen: für alternative Energiequellen, für den Schutz allen Lebens, für die Erhaltung und Wiedergewinnung der Lebensgrundlagen für unsere Kinder und Enkel. Völlig neue und z.T. noch ungeahnte Herausforderungen kommen im Bereich der Genforschung und der medizinischen Ethik auf uns zu. Wir werden dem nicht ausweichen dürfen, sondern uns eine gehörige Portion Sachkompetenz zu Nutze machen."

 

Hans Koschnick,
Bürgermeister a. D., Bevollmächtigter der Bundesregierung für Bosnien:

"Wir haben unsere Chancen in der Vergangenheit unzureichend genutzt. Es gibt aber immer noch Chancen. Sie wachsen sogar, weil sich immer mehr Menschen aus der alten Sicht der Geschichte lösen, um neue Wege zu gehen. In Sarajewo haben wir heute zum Beispiel ein interreligiöses Zentrum, an dessen Spitze der katholische Kardinal, der Metropolit der orthodoxen Kirche, der Leiter der Islamischen Gesellschaft und der Vorsitzende der jüdischen Gemeinschaft stehen. Sie versuchen gemeinsam, der Bevölkerung klarzumachen, daß die Gewalt ein Ende haben muß, daß es gilt, wie seit 500 Jahren in Respekt vor der Kultur der anderen zusammenzuleben.

Nicht multikulturell, sondern interkulturell zu akzeptieren, daß jeder seinen Weg zu Gott suchen kann, wenn er dem anderen in Frieden und mit Respekt begegnet. Auch anderswo gibt es Hoffnungsträger in den zivilen Organisationen: in den Kirchen und Friedensorganisationen ist die Bereitschaft vorhanden, neue Wege zu gehen.

Gewalt ist immer noch Realität in diesem Land. Aber es ist auch Friedenswille da. Er verkümmert nur leicht, wenn er keine Unterstützung erfährt. Dabei geht es nicht um die materielle, sondern um die geistige Unterstützung, d.h. daß jemand auftritt und sagt: "Ich will einen anderen Weg gehen, und ich weiß, ich habe Freunde in der Welt, die mich in dieser Frage unterstützen." Das hat mit Cash nichts zu tun, sondern mit Bewußtsein. Dieses Bewußtsein können wir fördern, wenn wir es wollen. Wir haben eine Perspektive.

Friedenswille, was heißt das? Als ich nach Mostar kam, habe ich versucht, mit dem katholischen Bischof und dann auch mit dem Mufti zu reden, stundenlang. Später konnte ich auch mit dem orthodoxen Erzpriester sprechen. Ich sagte: "Wir Christen haben die Heilige Schrift. Die Verheißung des Friedens ist uns gegeben, und das Friedensgebot ist uns gegeben. Der Friedensstifter ist auch im Koran zuerst gefordert, nicht derjenige, der Gewalt anwendet. Können wir nicht gemeinsam einen Weg gehen, daß Sie einwirken auf Ihre Gläubigen, diesen Weg des Friedens ein bißchen sichtbarer und konkreter zu machen?" Die Reaktion war: "Ich mache es unter meinen Gläubigen schon, aber nur für mein Volk, nicht für die anderen." Und der Mufti sagte: "Ja natürlich, der Friede ist bei uns in den Suren genauso gefordert, aber Sie können doch nicht erwarten, daß ich das jetzt für alle predige, solange sich die Katholiken nicht entschuldigen." Wenn das die Antwort ist - beide Seiten verlangen, daß die andere sich zuerst entschuldigt -, ist es nicht möglich, etwas Gemeinsames zu erreichen. Einzelne waren zur Zusammenarbeit bereit, und so habe ich mit einzelnen gearbeitet. Aber es war schwierig. Ich werte das nicht als Vorwurf.
Es muß uns gelingen, die Menschen in dem Land wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.
(…)"