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Theologische Gewalt
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Wie stellt sich die Bibel zum Problem von Gewalt?
Wie können wir mit gewaltigen Aussagen in der Heiligen Schrift umgehen?
Eine Auseinandersetzung mit theologischen Ursachen von Gewalt ist wichtig und nötig. Hier finden Sie einen ersten persönlichen Diskussionsbeitrag - wir freuen uns über Ihre Reaktionen und Zuschriften:
Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen
Gewalt in der Bibel
Es ist eine verstörende Geschichte, geradezu abstoßend in ihrer Brutalität und Härte: die Erzählung von der Verwerfung des Königs Saul im 15.Kapitel des 1.Samuelbuches. Saul erhält vom Propheten Samuel den göttlichen Auftrag, das Volk der Amalekiter auszulöschen. Weil diese zur Zeit des Mose den Israeliten schwer zugesetzt hatten, verordnet Gott den "Bann": "Verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel." (1.Samuel 15,3). Saul führt diesen Befehl nur teilweise aus - nicht, weil er ihm Gewissensbisse bereiten würde, er erhofft sich vielmehr mit ein paar verschonten Opfertieren und dem König als Geisel Vorteile. Aber Gott verwirft Saul: Er war "ungehorsam", er hat den Bann nicht in der geforderten Härte vollzogen.
Nur ein einziges Mal schimmert in dieser Geschichte ein menschliches Gefühl durch. "Fürwahr, bitter ist der Tod!", sagt der gefangene König der Amalekiter, bevor Samuel selbst ihn "in Stücke hiebt" (1.Samuel 15,32-33). Hilflos setzt die Lutherbibel ein Wort Samuels in Fettschrift, um der Geschichte so etwas wie eine vertretbare Botschaft zu geben: "Gehorsam ist besser als Opfer" (1.Samuel 15,22). Aber was für ein Gehorsam ist das, den Gott hier fordert? Kadavergehorsam im wahrsten Sinne des Wortes? Töten im Namen Gottes? Völkermord als Erfüllung des göttlichen Willens?
Die Bibel mutet uns viel zu. Gewaltgeschichten und Gewaltphantasien ziehen sich durch viele biblische Bücher. Die Urerfahrung Israels, die Befreiung aus Ägypten, ist der "gewaltige" Sieg Gottes über das Heer des Pharao. Die Landnahme Israels nach dem langen Zug durch die Wüste ist eine Kette von Schlachten und Gemetzeln. Die Psalmen beschwören in geradezu fiebrigen Gewaltphantasien den Sieg über die Feinde Gottes: "Sollte ich nicht hassen, Herr, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?" (Psalm 139,21)
Es ist nicht leicht, diesen aggressiven Teil der biblischen Botschaft in den Blick zu nehmen. Die Geschichten sind unangenehm und anstößig. Sie widersprechen der Vorstellung eines Gottes, der Liebe ist und den Frieden für alle will. Schnell gibt es Erklärungen, mit denen die Gewaltbilder der Bibel eingeordnet werden. Aber gerade das gängigste Deutungsmodell greift zu kurz.
Es ist die Überzeugung, das Alte Testament predige Gewalt und Rache, das Neue Testament dagegen den Gott der Liebe und der Versöhnung. Fatal ist diese Ansicht nicht nur, weil sie das Alte Testament oft mit dem Judentum gleichsetzt, das Neue Testament aber mit dem Christentum. Fatal ist sie auch, weil sie die Bibel selbst nicht zu Wort kommen lässt. Im Alten Testament wird keine ethische Regel so eingeschärft, wie die Hilfe für Fremde und Flüchtlinge. Das Gebot Jesu zur Nächstenliebe ist ein wörtliches Zitat aus dem Alten Testament (3.Mose 19,18). Und selbst das Gebot der Feindesliebe hat Jesus in seiner Bergpredigt keinesfalls neu erfunden. Gebote praktischer Feindesliebe finden sich durchaus auch in der hebräischen Tora (z.B. 2.Mose 23,4-5).
Andererseits kennt auch das Neue Testament Texte von großer Gewalttätigkeit. Die Visionen der Offenbarung schildern den endzeitlichen Kampf gegen die widergöttlichen Mächte. Und dann spricht auch Jesus selbst dieses beunruhigende Wort: "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert." (Matthäus 10,34) Schließlich ist auch der ganze Kreuzweg Jesu eine Geschichte der Gewalt - nach biblischem Zeugnis von Gott gewollt und um des Heiles willen notwendig.
Dieser Fluchtweg ist also versperrt: Das Neue Testament überwindet nicht die Gewalt des Alten Testaments. Und doch ist die Überwindung von Gewalt das Thema der Bibel - der ganzen Bibel! Die Überwindung von Gewalt kann aber nicht einfach nur das Verbot von Gewalt sein. Gewalt hat meist tiefe Ursachen und wurzelt tief in der individuellen und kollektiven Psyche. Eine lange Geschichte von Verletzungen, Demütigungen und Ängsten geht der Gewalt oft voraus. Theologisch gesprochen: Gewalt ist ein Ergebnis des Sündenfalls, der Brudermord ist der Beginn der langen Gewaltgeschichte der Menschheit.
Im heutigen Israel gibt es die Redewendung, dass nur ein Falke den Frieden bringen kann. Und die Erfahrung scheint dem Recht zu geben: Es sind ehemalige Hardliner gewesen, die zu Friedensstiftern wurden. Menachem Begin und Itzchak Rabin kannten als Generäle die Gewaltgeschichte ihres Volkes. Nur sie konnten - quasi von innen heraus - die Gewalt zu einer Friedensgeschichte wandeln, weil sie um die tiefen Gründe der Gewalt wussten.
Nur wer die Kräfte kennt, die Menschen gewalttätig werden lassen, wer sich hineinbegeben hat in diesen reißenden Strom, der wird Gewalt letztlich auch überwinden können. Gutgemeinte Appelle, Demonstrationen und Predigten sind wichtig, können aber nicht so tief reichen.
Der französische Soziologe René Girard versucht aus diesen Erfahrungen, das Phänomen Gewalt zu deuten. Alle Völker haben nach ihm eine "Ursprungserfahrung", die durch Chaos und Gewalt geprägt war. Die Überwindung dieser Urbedrohung wurde als ordnungsstiftend erfahren. Die Rückbesinnung auf diese Anfangsgewalt vermag die latente Gewalt zu bändigen und in geordnete Bahnen zu lenken. Dieses Phänomen ist im Deutschland der Nachkriegsgeschichte gut nachvollziehbar. Die politische Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch das regelmäßige Gedenken an die Kriegsgewalt gefestigt und verwurzelt.
Für Israel war zur Zeit des Alten Testament das babylonische Exil im 6.Jahrhundert vor Christus die historisch fassbare Ursprungssituation. Die Gewalt, die Israel so oft im Namen Gottes gegen andere Völker vollzogen hatte, kam unausweichlich auf Israel selbst nieder. Krieg und Gewalt wurden in solchem Ausmaß als zerstörerisch erlebt, dass jede Rechtfertigung von Gewalt sich zukünftig an diesen Erfahrungen messen lassen musste. In dieser Zeit entstanden wichtige Schriften der Bibel, der Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel genauso wie prophetische Visionen vom Frieden für alle Menschen. Durch die Gewalterfahrung des Exils hindurch hatte sich für Israel der Glaube an den einen Gott von einem Schutz vor anderen hin zu einem Auftrag an anderen gewandelt: "Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes." (Jesaja 52,9-10)
Israel erinnert sich seither an das Exil und an die anderen "Urgewalten" seiner Geschichte, den Exodus aus Ägypten genauso wie den Holocaust. Die Erinnerung an die Geschichte der Gewalt, der eigenen und der erfahrenen, ist ein Puzzle, dessen Motiv die Überwindung sein wird. Deshalb können auch die dunklen Stellen im Bild, die grausamen Geschichten der Bibel nicht fehlen. Sie erinnern daran, wie Gewalt auch einmal erlebt wurde - bevor sie sich zurückwandte.
Als Christen erinnern wir uns neben der Geschichte Israels an den Kreuzestod Jesu Christi. Er ist für unseren Glauben die tiefste Einsicht, dass die Gewalt der Welt nicht allein durch gute Worte überwunden wird. Gott selbst musste sich dieser Gewalt aussetzen, sie erfahren, um sie überwinden zu können. Dies ist der Grund, warum uns auch die Evangelien so unverblümt die Gewalt des Kreuzweges schildern: In der Erinnerung an die geschehene Gewalt liegt der Keim für die Überwindung der Gewalt.
Thomas Prieto Peral
Kirchenrat
Ökumenereferat
E-Mail: thomas.prietoperal@elkb.de


