Rückblick auf die neunte Vollversammlung des Weltkirchenrates in Porto Alegre

von Ivo Huber / Thomas Prieto Peral / Heinz Dunkenberger-Kellermann, München

Die neunte Vollversammlung des Weltkirchenrates (ÖRK) ist vorbei. Vom 14. bis 23. Februar diskutierten, stritten und feierten 691 Vertreter von über 348 Kirchen mit mehr als 500 Millionen Mitgliedern auf der neunten Vollversammlung in Porto Alegre, Brasilien. Was ist dabei herausgekommen?

Menschen vor WandbildDie Einschätzung reichen von deutlicher Kritik - „...wenn heftiger Antikapitalismus in ein anklagendes Gebet verpackt wird, weiß ich nicht, was das bedeuten soll…“, so Margot Käßmann, die hannoversche Bischöfin mit langer ÖRK-Erfahrung, in der Süddeutschen Zeitung vom 23. Februar - bis zur positiven Selbsteinschätzung des ÖRK: „starke Wirkung, bleibende Eindrücke!“. Die Unterschiedlichkeit der Einschätzungen mag verwundern, lässt sich aber vor dem Hintergrund der Geschichte des ÖRK leicht erklären.

Im Verlauf seiner achten Vollversammlung vor acht Jahren in Harare, Zimbabwe, stand der ÖRK kurz vor der Spaltung. Der Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs hatte die orthodoxen Kirchen frei gemacht, nun forderten sie auch im Weltkirchenrat eine stärkere Rolle ein. Nach Harare wusste niemand, wie es weitergeht. Einige orthodoxe Kirchen, wie die Kirche von Georgien, sind ausgetreten, mit den anderen begannen schwierige Verhandlungen. Kurz vor der neunten Vollversammlung in Porto Alegre einigten sich die verschiedenen Kirchenfamilien auf einen Kompromiss: Von nun an sollten Grundsatzentscheidungen nicht mehr in Abstimmungsprozessen, sondern in einem breit angelegten Konsensverfahren erarbeitet werden. Gleichzeitig verzichtete man auf gemeinsame Gottesdienste und einigte sich auf gemeinsame Gebete.

Es sollte deutlich werden: Man ist auf einem gemeinsamen Weg, aber eben noch nicht am Ziel angekommen. Letzteres ist insbesondere in den deutschen Kirchen - Margot Käßmann ist wegen dieser Entscheidung aus dem Zentralausschuss des Weltkirchenrates ausgetreten - teilweise auf scharfe Kritik gestoßen. Das Konsensverfahren hingegen wurde als ein den Kirchen angemessenes Instrument begrüßt. Gleichwohl schwang die Sorge mit, es könnte dazu führen, dass wegen des anzustrebenden Konsenses notwendige Diskurse ausgeklammert würden.

Mit Porto Alegre stand nun die Generalprobe an. Eine Generalprobe, die darüber zu entscheiden hatte, ob es für den Weltkirchenrat überhaupt noch eine Zukunft gibt, oder ob in der altehrwürdigen Institution Weltkirchenrat die Zeit abgelaufen ist und somit neue Formen kirchlicher Zusammenarbeit gesucht werden müssen.
 
Unterschiedliche Erfahrungen

Zuerst einmal: Die Generalprobe ist gelungen. Entgegen aller Befürchtungen wurden bewegende Gottesdienste gefeiert, auch wenn man sie gemeinsame Gebete nannte und man auf manches verzichten musste, über das wir in uns Deutschland bei ökumenischen Gottesdiensten freuen. Es war eine Gott lobende und in der Bibel lesende Gemeinschaft, die sich in Porto Alegre getroffen hat. Eine Gemeinschaft, die sich vom Lob Gottes und seinem Wort hat bewegen lassen. Damit hat sich das entscheidende Fundament des Weltkirchenrates als tragfähig erwiesen.

Problematischer war die Generalprobe des Konsensverfahrens. Obwohl im Prinzip gut und auch präzise vorbereitet, war die Versammlung in Porto Alegre von der Erfahrung in Harare geprägt. Man wollte keinesfalls den Streit von damals wiederholen. Entsprechend gestalteten sich die Plenumssitzungen oft als multimediale Shows, die wenig, manchmal auch gar keinen Raum zum Meinungsaustausch vorsahen. Das hat unter den Delegierten zu Recht erheblichen Unmut ausgelöst. Konsens ja, aber für einen echten, einen tragfähigen Konsens muss man sich zuvor auf einen Diskurs einlassen, ja manchmal auch streiten. Das gilt insbesondere dann, wenn höchst unterschiedliche Erfahrungshorizonte aufeinander prallen.

Spürbar wurde diese insbesondere in den Vorstellungen der Kirchen aus der südlichen Hemisphäre, die in einer teilweise abenteuerlich-simplen Art und Weise versuchten, die Missstände ihrer Länder durch eine scharfe Verurteilung des Kapitalismus anzugehen. Hierzu war kaum eine Aussprache möglich. Entsprechend groß war das gegenseitige Unverständnis. Hier besteht eindeutig noch Nachbesserungsbedarf.

Nach der in vielem gelungenen Generalprobe sollte inzwischen auch die Zuversicht in die Reihen des Weltkirchenrates zurückgekehrt sein. Ein sicherlich sehr wichtiges Ergebnis.

Wichtig ist aber auch, dass der Vorschlag von Generalsekretär Samuel Kobia aufgegriffen wurde, in Zukunft enger mit den Weltbünden, dem Lutherischen Weltbund (LWB) wie auch dem Reformierten Weltbund, zusammenzuarbeiten und in zehn Jahren unter der Leitung des Weltkirchenrates zu einer gemeinsamen Vollversammlung zu kommen. Wie ernst dieser Vorschlag genommen wird, zeigt die Wahl des Kirchenpräsidenten der Evangelisch Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilen (IECLB), Walter Altmann, zum neuen Vorsitzenden des Zentralausschusses des Weltkirchenrates. Damit sind in der Persönlichkeit Walter Altmanns, der auch Mitglied des Exekutivkomitees der Lutherischen Weltbundes ist, ÖRK und LWB eng miteinander verbunden. Für den Erfolg der weltweiten Ökumene ist das ein ausgezeichneter Ausgangspunkt und für die bayerische Landeskirche, deren Partnerkirche die IECLB ist, ein Grund der Freude. 

Gerechte Globalisierung

Palmen in BrasilienViele Delegierte und Gäste sind mit Fragen und Positionen zum Thema „Gerechte Globalisierung“ nach Porto Alegre gereist. In Gesprächen am Rande der Sitzungen konnte man viel von der regen Diskussion innerhalb der Kirchen mitbekommen. So war das Plenum überfüllt, als die Trommeln endlich zur Sitzung “Global Justice” riefen.

Irritierend war allerdings, dass die Tagungsleitung lediglich eineinhalb Stunden der gesamten Vollversammlung zu Thema Globalisierung vorgesehen hatte. Spätestens als die erste halbe Stunde des Plenums auch noch mit (durchaus sehenswerter) Samba verging, beschlich einen das ungute Gefühl, dass der echte Diskurs hier gar nicht vorgesehen war.

Inhaltlich wurde das Plenum vom EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, eröffnet. Er warf einen differenzierten Blick auf die seit der achten Ökumenischen Vollversammlung in Harare laufenden ökumenischen Debatten sowie die unterschiedlichen Gesichter der Globalisierung. Er betonte, es ginge um die Überwindung der strukturellen Armut im 21. Jahrhundert im Sinne einer alle Menschen einschließenden Globalisierung, deren Konturen Solidarität, eigenständige Zivilgesellschaften und Gerechtigkeit seien. Der Weg gehe nun von Proklamationen hin zu alternativen Handlungsmöglichkeiten - unter der Leitfrage, wie die biblische Option für die Armen und wirtschaftliche Kompetenz sinnvoll aufeinander zu beziehen seien. Die konkreten Alternativen blieb er allerdings, sicher auch aus Zeitgründen, schuldig.

Der Ton änderte sich dann radikal, als die brasilianische Methodistenpfarrerin Dr. Nancy Cardoso Pereira ihre als theologisches Grundsatzreferat angekündigte Rede begann. Mit einem Glas Gen-Saatgut in der erhobenen Hand paraphrasierte sie das Vaterunser und prangerte die Anbetung des Kapitals an. Ihre kompromisslose Kritik an der Globalisierung führte vor allem bei den Delegierten des Nordens zu heftiger Ablehnung.

Deutliches Dilemma

Im Plenum war eine Aussprache aber leider nicht vorgesehen. Stattdessen wurden drei Fallbeispiele zur “Agape”-Ökonomie der Fokolar-Bewegung aus der Karibik und aus Russland vorgestellt. Überzeugend war vor allem Vsevolod Chaplin vom Außenamt der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK), der einen ethischen Kodex der ROK für russische Unternehmen vorstellte. Er beklagte die Gefährdung der Demokratie durch eine ungesteuerte Wirtschaft und plädierte für ein alternatives Wirtschaftssystem und Bankwesen, das von der Bevölkerung demokratisch kontrolliert werden müsse. Das war insofern bemerkenswert, als sich die ROK bisher schwer getan hat, demokratische Prinzipien zu fordern und zu fördern.

Der abschließende „Agape-Aufruf zur Liebe und zum Handeln“ - verkürzt vorgetragen von Bischof Huber - in einer Mischung aus Schulderkenntnis und Klage, hatte die Form eines Gebetes. Die darauf folgende Verpflichtung benennt die Handlungsfelder Beseitigung der Armut, Handel, Finanzen, nachhaltige Nutzung von Land und Ressourcen, öffentliche Güter und Dienste, Leben spendende Landwirtschaft, Arbeit sowie „Kirchen und die Macht des Imperiums“ - ohne jedoch klarzustellen, was damit gemeint ist.

Das vorformulierte Agape-Dokument macht das Dilemma dieser Vollversammlung deutlich: Es schien schier unmöglich, so viele verschiedene Positionen aus völlig unterschiedlichen kirchlichen und sozialen Kontexten in eine dynamische Diskussion zu bringen. Andererseits sollte unbedingt das geistliche Fundament des ÖRK gestärkt werden. Und so wurde dann fast diskussionslos ein Text veröffentlicht, der eine recht plakative Analyse in die Form des Gebets packt. Das mag der Selbstvergewisserung dienen, das Gespräch mit den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wird das kaum befördern.

Dennoch hat die Vollversammlung deutlich gemacht, wie drängend das Thema „Gerechte Globalisierung“ für die meisten Kirchen der Welt ist. Der ÖRK hat im Hintergrund durchaus gut gearbeitet, die Dialoge mit der Weltbank waren auf einem hohen Niveau, die Positionen der Kirchen, darunter die der bayerischen Landeskirche zum Soesterberg-Brief, wurden lebhaft ausgetauscht - nur geschah all dies im Vorfeld und am Rande. Die Tagung selbst bot dafür zu wenig gestalteten Raum und war zu sehr auf Konsens ausgerichtet.

In mehrerlei Hinsicht präsent: das Thema Gewalt

Hochhäuser in Porto AllegreNach Einbruch der Dunkelheit verwandelt sich Porto Alegre in eine Stadt der Angst. Raubüberfälle im Schutz der Dunkelheit sind an der Tagesordnung. Mitten im Zentrum, dem Standort der bayerischen Delegation, wird dringend geraten, nachts das Hotel nicht zu verlassen oder sämtliche Wege mit dem Taxi zurückzulegen. Ein Appell der Kirchen, die Waffen abzugeben, hat so gut wie keine Resonanz gefunden. Wie auch, wenn die eigene Sicherheit ständig bedroht ist. Solange es so viel Armut in Brasilien gibt, solange viele Menschen nicht die geringste Chance auf Arbeit haben, solange wird auch diese Art von Gewalt nicht aufhören.

Was würde ich tun, wenn ich arm wäre und auch noch von meinem Stückchen Land verjagt würde, weil ein Großgrundbesitzer sich ganze Landstriche einverleibt? Wenn ich mir weder von der Regierung noch von einem Gericht Hilfe erwarten kann, weil es hohe Beamte sind, die sich dieses Land unter den Nagel reißen? Solange diese Willkür besteht, solange das Recht des Stärkeren gilt, wird Brasilien die Gewalt nicht überwinden können. Gerechtigkeit heißt hier das Schlüsselwort für eine friedliche Gesellschaft. Die Forderung der Propheten des Alten Testaments nach Gerechtigkeit für die Unterdrückten wird hier in bedrückender Weise konkret.

In Afrika, in Uganda, findet derzeit fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit und weitgehend ignoriert von der Weltpresse erneut einer der umfassendsten Völkermorde statt, die wir uns vorstellen können. Die Bevölkerung im Norden des Landes, gefangen zwischen den Rebellen der Lord´s Resistance Army (LRA) und den Truppen der ugandischen Regierung, wird systematisch dezimiert. Die Studie einer christlichen Hilfsorganisation berichtet, dass jede Woche rund 1000 Kinder in den Konzentrationslagern der Regierung ums Leben kommen. In einem bewegenden Appell rief der frühere Außenminister von Uganda, Olara A. Otunnu, die Kirchen auf, Stellung zum Völkermord zu beziehen „Wir brauchen die laute Stimme der Kirchen“, um die UN zum Einschreiten zu bewegen!

Wichtige Voraussetzung

In Westeuropa dagegen spielen sich häufig versteckte Formen von Gewalt ab. Nicht Mord oder Raubüberfälle, sondern Gewalttaten gegen die eigenen Familienmitglieder sind die häufigsten Delikte. Konrad Raiser, der ehemalige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, rief dazu auf, den interpersonalen Bereich der Gewalt stärker in den Blick zu nehmen: Könnte nicht die Hinwendung zu einer gewaltfreien Erziehung der Kinder in den Familien und Schulen zu einer wichtigen Voraussetzung und Grundlage für eine Kultur des Friedens werden und auch zu einer spirituellen Aufgabe für uns Kirchen? Wie könnten wir Kinder, Jugendliche und ihren Eltern lehren, konstruktiv mit Konflikten umzugehen, sich gewaltfrei wehren und behaupten zu können, gewaltfrei für die eigenen Überzeugungen einzutreten, den Friedensappell der Bergpredigt in den Alltag zu übersetzen?

An allen Schulen Schwedens findet jährlich eine einwöchige Projektwoche zur gewaltfreien Erziehung statt. Wäre dies nicht eine Möglichkeit für unseren evangelischen Religionsunterricht?

In vielen Gesprächen wurde das Thema Zwangsprostitution aufgeworfen. Können wir Kirchen hier etwas tun? Viele meinten ja: Das Thema in die Öffentlichkeit bringen, vorhandene Beratungsstellen wie beispielsweise „Jadwiga“ in Bayern unterstützen und mit Projekten Arbeitsmöglichkeiten für Frauen in Ländern wie z. B. der Ukraine schaffen. Hier ist die Osteuropa-Arbeit unserer Kirche immens wichtig. Und im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft Aufklärungs-Kampagnen unterstützen, die sich gezielt an potenzielle Freier richten.

Zum Abschluss der Vollversammlung erneuerte der Ökumenische Rat der Kirchen seine Verpflichtung zu einer Kultur des Friedens und der Gewaltüberwindung. Dabei werden die Kirchen aufgefordert, Geist, Logik und Ausübung von Gewalt zu überwinden und auf jede theologische Rechtfertigung von Gewalt zu verzichten. Stattdessen gilt es Wege zu finden, Versöhnung und aktive Gewaltlosigkeit im eigenen Kontext Wirklichkeit werden zu lassen. Machen wir uns auf den Weg für die zweite Hälfte der Dekade!

(der Artikel ist den "Nachrichten" der Evang.-Luth. Kirche in Bayern erschienen)

Kirchenrat Ivo Huber ist Referent für Ökumene im Landeskirchenamt, Kirchenrat Thomas Prieto Peral ist Referent für den Konziliaren Prozess im Landeskirchenamt, Heinz Dunkenberger-Kellermann ist im Ökumenereferat des Landeskirchenamtes für ökumenische Gremien- und Gemeindearbeit zuständig.