Osteuropa ist verschieden
von Oberkirchenrat Michael Martin, Referat für Ökumene, Partnerschaften, Mission und Entwicklungsdienst
Die Frage wo Osteuropa beginnt, bringt sehr schnell die Erkenntnis, dass man von dem Osteuropa nicht sprechen kann. Allenfalls in der Zeit des Kalten Krieges wurde alles was hinter dem eisernen Vorhang lag und der eigenen Erfahrung schwer zugänglich war unter Osteuropa subsumiert. Dass es sich dabei nicht um ein homogenes Territorium handelt, zeigt schon ein erster Besuch in diesen Ländern.
Heute hat man den Eindruck, dass dieser Raum sich immer stärker ausdifferenziert. Wirtschaftlich gesehen kann man immer noch von einer Treppe sprechen, bei der das Bruttosozialprodukt an der Ostgrenze Deutschlands um etwa den Faktor vier abfällt, um an der Ostgrenze der Europäischen Union zu Staaten wie der Ukraine noch einmal um den gleichen Faktor zu sinken. Ein West-Ostgefälle ist aber in der Regel auch innerhalb der einzelnen Länder spürbar. So ist der Osten Ungarns bedeutend ärmer als die Hauptstadt oder die an Österreich angrenzenden Gebiete.
Dazu kommen große Unterschiede zwischen den Metropolen und den ländlichen Bereichen. Während in den Großstädten die Wirtschaft boomt, steigt auf dem Land die Arbeitslosigkeit so stark, dass viele junge Leute wegziehen und nur die Alten zurück bleiben. Diese sind ohnehin zumeist die Verlierer der Wende. Während sich junge Leute leichter auf die neuen Wirtschaftsformen und Möglichkeiten einstellen konnten und auch den Leistungsdruck im zum Teil neoliberalen Kapitalismus besser durchstehen, halten die Renten der Alten schon lange nicht mehr mit den Preissteigerungen mit. Zwar haben sich auch die Sozialsysteme in den letzten 15 Jahren in den neuen EU-Ländern deutlich entwickelt, doch können auch sie den in Armut lebenden Teil der Bevölkerung zum Teil noch nicht einmal eine ausreichende medizinische Versorgung bieten, geschweige denn eine Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.
Der Auftrag der Kirchen
Schon vor der Wende war auch die Situation der Kirchen in den einzelnen Ländern im Osten Europas sehr unterschiedlich. Während die lutherische Kirche in der Sowjetunion praktisch ausgelöscht war, konnte die orthodoxe Kirche weiter existieren, wenn auch nur in einzelnen wenigen Kirchen und unter der ständigen Aufsicht und Kontrolle des Regimes. In Ungarn und Tschechien blieben kirchliche Strukturen dagegen erhalten. Überall jedoch war in den Kirchen jegliche Art von Werbung in der Öffentlichkeit, die pädagogische Arbeit und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie Diakonisches Engagement untersagt. Betroffen waren von diesen Schikanen sowohl die kleinen Minderheitskirchen wie auch die großen Mehrheits-Kirchen wie etwa die Russisch-Orthodoxe Kirche.
Die Gemeindearbeit beschränkte sich auf die Seelsorge an den wenigen, die sich aktiv zur Kirche hielten. So entsteht heute z.B. in Westböhmen der Eindruck, dass die Gemeinden alt geworden sind und manchmal die missionarische Perspektive verloren haben. Dabei besteht heute durchaus die Möglichkeit sich wieder aktiv in der Gesellschaft zu beteiligen, Verantwortung zu übernehmen und über den internen Kreis an aktiven Mitgliedern hinaus tätig zu werden. Dieser Prozess der Veränderung kann von den Kirchen jedoch nicht von heute auf morgen geleistet werden.
In den Zentren wie Moskau oder St. Petersburg hat die orthodoxe Kirche heute einen großen Aufschwung durch die Unterstützung des Staates erfahren. Im Norden Russlands dagegen kämpfen Priester immer noch um die Rückgabe von Kirchen und Klöstern, die sie dann mit wenigen Mitteln notdürftig reparieren. Auffällig ist das große soziale Engagement, das als Liturgie nach der Liturgie ganz selbstverständlich dazugehört. Mit der Aktion Fastenopfer werden die Kirchen in ihrem Engagement ermutigt Kranke zu besuchen, Schwache zu stärken und für Unterdrückte einzutreten und damit in ihre Gesellschaft hinein zu wirken, und nach Möglichkeiten zu suchen, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.
Vielfältige Beziehungen
Dies ist eine dringliche Aufgabe der Gemeinden, denn in der Regel gibt es dort keine eigenständig organisierte Diakonie.
Vielfältig sind die Beziehungen der evangelischen Landeskirche und ihrer Gemeinden, Werke und Dienste in den Bereich Mittel-Osteuropa. Sie schließen vertraglich geregelte Partnerschaften ein, aber auch persönlich gewachsene Beziehungen, Zusammenarbeit in Einzelprojekten, konfessionell übergreifende Kontakte und Beziehungen im Rahmen der Diasporaarbeit.
Wir danken für Ihre Bereitschaft zur Mitarbeit in der Aktion Fastenopfer und wünschen Ihnen Gottes Segen und viel Erfolg bei der Durchführung der einzelnen Maßnahmen vor Ort.


