Mit den geschenkten Reichtümern gegenseitig bereichern
Aus dem Einführungsvortrag von Kardinal Kasper
Zur dritten europäischen ökumenischen Versammlung sind Spitzenvertreter vieler Kirchen angereist. Die orthodoxe Welt ist mit dem Patriarchen von Konstantinopel ebenso prominent vertreten wie die deutschen evangelischen Kirchen durch den Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, die Lutheraner durch den Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Ismael Noko, und die römisch-katholische Kirche durch den Präsidenten des päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Walter Kardinal Kasper.
Kasper unterstrich in seiner Einführung die gemeinsame Basis des Glaubens an Jesus Christus, die mittlerweile zwischen den Kirchen unstrittig sei, den die römisch-katholische Kirche gegen alle Widerstände nicht mehr loslassen wolle. Er betonte allerdings auch die noch bestehenden gravierenden Unterschiede: „Die Unterschiede betreffen also nicht das Christsein, sie betreffen nicht die Frage des Heils; die Unterschiede beziehen sich auf die Frage der konkreten Heilsvermittlung und auf die sichtbare Gestalt der Kirche“.
In diesem Zusammenhang ging Kasper in sehr offener Weise auf das jüngste Dokument der Glaubenskongregration ein. Dazu Kasper: „Was können wir tun? Vor jeder Therapie muss die Analyse kommen. Meine Kirche, die katholische Kirche, hat jüngst in einem Dokument der Glaubenskongregation die Unterschiede, die leider bestehen, herausgestellt und sie hat damit an die Aufgabe erinnert, die noch vor uns liegt. Ich weiß, dass viele, vor allem viele evangelische Brüder und Schwestern, sich dadurch verletzt fühlen. Das lässt auch mich nicht kalt; das macht auch mir Beschwer. Denn das Leid und der Schmerz meiner Freunde sind auch mein Schmerz.“ An dieser Stelle wurde Kaspars Referat von lang anhaltendem Beifall unterbrochen. „Es war nicht unsere Absicht irgendjemand zu verletzen oder herabzusetzen. Wir wollten Zeugnis geben von der Wahrheit, so wie wir dies auch von den anderen Kirchen erwarten, und so wie es ja auch die anderen Kirchen tun. Auch uns gefallen nicht alle Erklärungen anderer Kirchen, und schon gar nicht, was sie gelegentlich über uns sagen. Aber was soll’s. Eine Kuschel- und eine Schummelökumene, die bloß nett miteinander zu sein will, helfen nicht weiter; weiter hilft nur der Dialog in der Wahrheit und in der Klarheit.“
Erstaunlich waren Kaspers Anmerkungen zur Zukunft und Methode der Ökumene: „Bei dem Versuch, über die Gräben hinweg zu einem Konsens zu kommen hat sich die bisherige Methode Konvergenzen aufzuzeigen als fruchtbar erwiesen und in vielen bislang kontroversen Fragen weitergeführt. Ich erinnere etwa an den Fundamentalkonsens in der Rechtfertigungslehre. Aber inzwischen hat sich diese Methode offensichtlich erschöpft; wir kommen auf diesem Weg im Augenblick nicht mehr viel weiter. Das ist für mich kein Grund zur Resignation. Wir können unsere jeweilige Position in ehrlicher und in einladender Weise einander bezeugen. Wir können dies in einer nicht polemischen, nicht abgrenzenden positiven Weise tun. Wir können dies tun in der Hoffnung, dass so ein Austausch der Gaben – wie Papst Johannes Paul II. das genannt hat – möglich wird. Das heißt: Wir können voneinander lernen. Statt uns auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu treffen können wir uns mit den uns geschenkten Reichtümern gegenseitig bereichern.“ Hier muss man fragen, welche neue Perspektiven sich für das ökumenische Miteinander in Zukunft zeigen sollen?
Kasper schloss mit einer Erinnerung an das christliche Erbe Europas, das für alle Kirche ein gemeinsamer Auftrag sein müsse: „Unser Ziel ist die Einheit, nicht die Einheitlichkeit Europas. Die verschiedenen Kulturen sind ein Reichtum. Aber uns verbindet die Idee von der von Gott gegebenen Würde jedes Menschen, von der Heiligkeit des Lebens, von einem Zusammenleben in Gerechtigkeit und Solidarität, von der Achtung vor der Schöpfung und von einer neuen Kultur des Erbarmens und der Liebe. Für diese Alternative aus dem Geist des Evangeliums sollen wir gemeinsam Zeichen, Zeugen und Werkzeuge sein. Wir sollen dabei die Andersheit der anderen Religionen achten, aber wir sollen auch den Mut zu unserem eigenen Anderssein haben, den Mut zur Unterscheidung als Christen, den Mut uns zu dem Licht Jesu Christi, das allen scheint, zu bekennen und es hinauszutragen in die Welt, die seiner so dringend bedarf. Denn wer kann uns Besseres geben? Wo finden wir sonst solche Worte des Lebens?! (Vergleiche: Johannesevangelium Kapiel 6 Vers 68).“
Von Ivo Huber



