Landesbischof Dr. Johannes Friedrich zu Besuch in der Ukraine

Eine der zahlenmäßig kleineren Partnerkirchen der Evang.-Luth. Kirche in Bayern ist die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine, kurz DELKU. Mehrere ihrer Gemeinden bekamen vor einigen Wochen Besuch von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich; auf dem Programm standen die Städte Kiev, Charkov und Odessa. Anlass der achttägigen Reise waren neben der Information vor Ort die Verabschiedung des bisherigen sogenannten Bischöflichen Visitators Edmund Ratz und Einführung seines Nachfolgers Georg Güntsch sowie der feierliche Beginn des Wiederaufbaus der Kirchenruine St. Paul in Odessa. Außerdem waren Begegnungen mit Politikern und Vertretern der Orthodoxen Kirche und ein Besuch der Gedenkstätte Babi Jar in Kiev vorgesehen. Begleitet wurde der Landesbischof von Dr. Dorothea Deneke-Stoll, Vizepräsidentin der Landessynode, Ulrich Zenker vom Ökumenereferat der Landeskirche sowie mehreren Pressevertretern. Auch Dekan Güntsch gehörte zur Delegation – er blieb anschließend in Odessa, um seine neue Aufgabe anzutreten.

Kiev

In Kiev wurde die Delegation empfangen von Dietmar Stüdemann, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Ukraine. Einen Gottesdienst mit anschließendem Gemeindeempfang in St. Katharinen in Kiev gab es am nächsten Tag als ersten Einblick in ein aktives städtisches Gemeindeleben. Pfarrer Peter Sachi, ebenso wie etwa fünfzehn weitere Pfarrer in der Ukraine von der Bayerischen Landeskirche zur DELKU entsandt, erinnert sich gut an die offizielle Rückgabe der vom Staat 1938 enteigneten Kirche in der Lutherischen Straße 22  am 1. Advent 1998. Danach wurde sie mit finanzieller Hilfe der Bayerischen Landeskirche umgebaut und renoviert und dient heute gleichzeitig als Gemeindezentrum. Neu für die bayerischen Protestanten war die Zweisprachigkeit der Gottesdienste, die dadurch selten unter zwei Stunden dauerten. Alle Texte und Gebete werden nacheinander auf deutsch und russisch vorgetragen, die Liedstrophen abwechselnd auf deutsch und russisch gesungen. 

Foto: ELKB / Susanne Hassen

Ein Höhepunkt der Reise war der Besuch der Lawra, des berühmten Kiever Höhlenklosters.  Gespräche mit Abt Pavel und seinem Verwalter, Archimandrit Vasonofij, sowie mit dem Rektor der Theologischen Akademie gaben einen Einblick in das Klosterleben, das hautnah bei einem gemeinsamen Mittagessen mit den Mönchen im Speisesaal des Klosters, dem Refektorium, erlebt werden konnte. Metropolit Vladimir empfing den Landesbischof sehr herzlich, und natürlich führte der Weg auch unter die Erde, in die historischen Höhlen, in denen in früheren Jahrhunderten Mönche in winzigen Erdhöhlen gelebt hatten. Für Protestanten fremd anmutend, aber auch faszinierend waren die zahlreichen Sarkophage mit Heiligen in den engen, nur von Kerzen erleuchteten Gängen. Das Höhlenkloster gilt als eine der ersten Stätten im Prozess der Christianisierung des alten Russland vor über 1000 Jahren. Auch die Sophienkathedrale in Kiev blickt auf eine solche Geschichte zurück. Einer der ersten christlichen Großfürsten liegt hier begraben.

Foto: ELKB / Susanne HassenIn das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte führte der Besuch der Gedenkstätte Babi Jar, einer inzwischen zugeschütteten Schlucht am Rande Kievs, in der während des Zweiten Weltkriegs über 33.000 Juden und später zahllose weitere Menschen grausam ermordet wurden. Rabbi Alexander Duchovny von der Jüdischen Liberalen Gemeinde führte die Gruppe durch das parkähnliche Gelände. Am Denkmal für die ermordeten Kinder legten Landesbischof und Synodal-Vizepräsidentin einen Kranz nieder, und gemeinsam wurde gebetet.

Charkov

Die nächste Station war Charkov, eine Flugstunde von Kiev entfernt. Die Charkover Gemeinde hat ihr vor zehn Jahren gebautes Gemeindehaus mit Gottesdienstraum am Rande der Eine-Millionen-Stadt –Beim Gemeindeabend präsentierten sich die Charkover sowie zwei weitere Gemeinden aus dem Umland fröhlich und engagiert. Die Gottesdienste – unter anderem ein ökumenischer Gottesdienst zum Erntedank während des Besuchs der Delegation, werden hier durchgeführt von einem Vikar und monatsweise von einem Ruhestandspfarrer, beide aus der bayerischen Landeskirche.

Odessa

Mit dem Nachtzug ging es weiter in die Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer.  Gottesdienst am Morgen im Haus der Kirche, Stadtführung am Nachmittag, und am Abend ein ökumenischer Empfang der DELKU.

Foto: ELKB / Susanne HassenZum feierlichen Start des Wiederaufbaus von St. Paul, einer Ruine direkt neben dem Haus der Kirche.
kamen Vertreter aller großen Konfessionen, die stellvertretende Bürgermeisterin und neben etwa 200 Besuchern zahlreiche Medien. Das Gotteshaus, neben St. Petersburg und Moskau die dritte große protestantische Kathedrale in Osteuropa, brannte 1976 nieder, vermutlich durch Brandstiftung. Die Ende des 19. Jahrhunderts erbaute „kircha“, wie die Odessiten sagen, hat neben seiner originären Funktio auch einen hohen Symbolwert für die Stadt – war doch der Kirchturm das erste, was vom Meer her kommende Besucher von der Stadt erblickten. Der Wiederaufbau, der in zwei Jahren vollendet sein soll, wird finanziert durch die bayerische Landeskirche, den Freistaat Bayern und die Bundesregierung. Er beinhaltet einen Wiederaufbau des Hauptschiffs sowie anstelle der zerstörten Apsis den Anbau eines modernen Gebäudes. Alles zusammen soll als deutsches Zentrum mit verschiedenen Dienstleistern aus Bildung und Wirtschaft, eine geistliche und zukunftsorientierte Ausstrahlung in die gesamte DELKU haben.

Foto: ELKB / Susanne HassenAm Nachmittag besuchte die Delegation einige Dörfer, in denen früher vor allem Deutsche gelebt haben. Den Besuchern wurde die schwierige Arbeit der Ärzte und der Mitarbeiterin einer Sozialstation vorgestellt. Am letzten Tag der Reise verabschiedete Landesbischof Friedrich in Odessa den bisherigen Bischöflichen Visitator für die Ukraine, Edmund Ratz, der als Erzbischof der Evang.-Luth. Kirche in Russland, der Ukraine, Kasachstan und Mittelasien nach St. Petersburg geht, und führte seinen Nachfolger Georg Güntsch in sein Amt ein.

Mit Eindrücken reichlich versehen, geistlich gestärkt durch sechs zweisprachige Gottesdienste in acht Tagen, trat die Gruppe danach Heimweg an.

Susanne Hassen

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