Kein goldener Vorhang zwischen der EU und "dem Rest Europas"
Interview mit Ökumenereferent Ivo Huber
Aus: Sonntagsblatt – Evangelische Wochenzeitung für Bayern, Nr. 30, 29. Juli 2007
Sonntagsblatt: Herr Huber, können Sie dem in ökumenischen Angelegenheiten nicht ganz so fitten Zeitgenossen mit drei, vier Sätzen einmal klarmachen, worum es bei der Europäischen Ökumenischen Versammlung geht?
Ivo Huber: Europa steht vor großen Herausforderungen, das hat der letzte EU-Gipfel auf dramatische Weise deutlich gemacht. In der EU geht es darum, ob die Union eine Wirtschaftsgemeinschaft ist oder ob sie darüber hinaus in der Lage ist, für bestimmte Werte zu stehen. Ich nenne nur die Charta der Grundrechte, über deren Geltung heftig gestritten wurde. Die Kirchen in Europa wollen die EU, aber nicht als Wirtschaftsgemeinschaft allein, sondern als Wertegemeinschaft. Das ist einer der zentralen Punkte, um die es in Sibiu gehen wird.
Sonntagsblatt: Die früheren Ökumenischen Versammlungen auf den diversen Ebenen (national, Europa, die Welt) haben einige wichtige, fast schon kirchenhistorisch bedeutsame Ergebnisse gezeitigt. Was ist denn in Sibiu der »Knackpunkt«, an dem sich entscheidet, ob diese Versammlung ein Erfolg wird?
Ivo Huber: Eben dies: Europa als Wertegemeinschaft. Damit ist natürlich nicht nur die EU gemeint, sondern das ganze Europa bis hin nach Russland. Das klingt zwar auf den ersten Blick sehr plausibel, ist aber natürlich noch kein konkretes Programm. Die Kirchen werden in Sibiu versuchen müssen, zu klaren Aussagen zu kommen, was sie darunter meinen und wie sie sich einbringen können. Letztlich geht es darum, ob es den Kirchen gelingt, mit einer klaren Programmansage zu Europa sich als unverzichtbare gestaltende Kraft zu erweisen. Das ist bei so vielen Kirchen, die aus den unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen kommen, keine leichte Aufgabe. Hier ist es wichtig zu wissen, dass die Kirchen nicht bei null anfangen. Es ist bereits die dritte Europäische Ökumenischen Versammlung, und alle Vorgängerversammlungen sind von der Öffentlichkeit mit großem Interesse begleitet worden. Hinzu kommt die Charta Oecumenica, eine Selbstverpflichtung aller Kirchen zusammenzuarbeiten, die auf der letzten Versammlung initiiert worden ist. Das ist eine gute Voraussetzung, wirklich etwas zuwege zu bringen.
Sonntagsblatt: Wie sieht's eigentlich mit der »Legitimität« dieser Versammlung aus?
Ivo Huber: Die Versammlung ist kein Parlament. Sie ist auch nicht gewählt. Ihr Ziel ist es, Anstöße zu geben, Perspektiven aufzuweisen, die dann hoffentlich den Menschen einsichtig und vielversprechend sind, sodass sie aufgenommen werden.
Sonntagsblatt: Welche Rolle spielt der Ort Sibiu/Hermannstadt?
Ivo Huber: Eine große Rolle. Zum einen ist Sibiu am Rand der neuen EU. Rumänien ist etwas unbemerkt von der Öffentlichkeit Anfang 2007 EU-Mitglied geworden. Zum anderen liegt Sibiu zwar am Rand der EU, aber in der Mitte Europas. Allein dies macht deutlich, Europa ist mehr als die EU. Die Kirchen machen damit deutlich, sie wollen einen goldenen Vorhang zwischen der EU und dem Rest Europas nicht dulden. Zum Letzten ist Sibiu/Hermannstadt ein Ort, an dem sowohl die Orthodoxen als auch die Lutheraner und die katholische Kirche Zentren haben, die gute Zusammenarbeit pflegen. Sibiu ist damit vielleicht ein Beispiel mulitkonfessionellen und multiethnischen Zusammenlebens.
Sonntagsblatt: Und gibt es einen speziell deutschen, gar bayerischen Ansatz, Sibiu zu beurteilen?
Ivo Huber: Was Deutschland angeht, so steht zweierlei im Mittelpunkt: Kirchlich sind wir ein Land der getrennten Kirchen, deswegen liegt uns sehr viel an der Ökumene. Politisch sind wir ein Land, das Trennung intensiv erfahren hat, deswegen haben wir ein großes Interesse am europäischen Einigungsprozess. In der Perspektive der bayerischen Landeskirche kommen dazu die intensiven Beziehung nach Siebenbürgen und, wichtiger noch, die eigene Kompetenz als früheres Grenzland im zwischenkirchlichen Miteinander von evangelischen Minderheitskirchen und der Orthodoxie dazu. Wir werden deswegen in Sibiu intensiv mitarbeiten.
Ivo Huber ist Ökumenereferent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Die Fragen stellte Lutz Taubert.



