Halbzeitbilanz

Eine persönliche Halbzeitbilanz und ein Ausblick auf die nächsten Jahre der Dekadearbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern von Heinz Dunkenberger-Kellermann, Ökumenische Studienarbeit in der ELKB

In der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern wurde der Fokus der Dekadearbeit in den Jahren 2002 bis 2005 frühzeitig auf die „Familie“ gelegt. Zerstörerische Gewalt in Familien geschieht im Stillen, im Unsichtbaren. Viele Leidensgeschichten gibt es hier zu erzählen von Frauen und Kindern und manchmal auch von Männern. Diese lautlose Gewalt sichtbar machen – dies wollten wir mit unserer Kampagne „Gewalt in Familien wahrnehmen und überwinden“, die vom November 2002 bis ins Frühjahr 2005 stattfand.

Ziel: Konkret werden

Ausgangspunkte für Gewalt in Familien sind oft die eigene Ohnmacht der Eltern gegenüber ihren Kindern, nicht gelöste Konflikte, wenig Möglichkeiten mit Konflikten fair und offen umgehen zu können sowie Meinungsverschiedenheiten in einer guten Weise austragen zu können. Gewalt sichtbar machen und benennen - deshalb lauteten Ziele unserer Kampagnenarbeit:

- Konkret werden
- Über das Abstrakte und die bloßen Zustandsbeschreibungen von Gewalt hinausgehen
- Sich heraus wagen aus der (Beobachter-) Zuschauerrolle, weg von gut gemeinten Ratschlägen und Weltverbesserungsvorschlägen
- Dinge konkret anpacken

Praxishilfe

Konkret werden: Eine umfangreiche Praxishilfe zum Thema „Gewalt in Familien wahrnehmen und überwinden“ versammelte Anregungen und fertig ausgearbeitete Bausteine für die Planung und Durchführung von Veranstaltungen, Projekte und Ausstellungen in Gemeinden, Bildungseinrichtungen und Schulen. Informationsflyer wurden gedruckt, Plakate in vielen Schaukästen aufgehängt und zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt.

Prävention

Der Schlüssel zur Eindämmung von Gewalt war und ist die Prävention. Einige gelungene Beispiele der Dekadearbeit möchte ich hier nennen und Sie ermuntern, reinzuklicken:
- der Kurs „Starke Eltern – starke Kinder“ in den Evangelischen Bildungseinrichtungen,
- Kurse in denen das Handwerkszeug für konstruktive Lösungen für Konflikte erlernt werden können,
- die Qualifizierung zum Streitschlichter an Schulen für Lehrkräfte.
- ein Kurs der Arbeitsstelle Kokon (Konstruktive Konfliktbearbeitung in der ELKB)  für Erzieherinnen von Kindergärten für gewaltfreie Konfliktbearbeitung
- die FriedensWirkstätten im Dekanatsbezirk Bamberg und viele andere mehr.
- Ausstellungsprojekt Gewaltfrei leben.

Mediation
 
Und wir haben uns an die eigene Nase gefasst. Wir streben eine neue Konfliktkultur in unserer eigenen Kirche an. Dass Konflikte normal sind unter Menschen und sich manchmal sogar festfahren können. Seit dem Sommer 2005 gibt es in unserer Kirche ein offizielles Unterstützungssystem Mediation. Für Konflikte zwischen Personen oder Gruppen im Raum unserer Kirche bieten ausgebildete Mediatoren und Mediatorinnen ihre neutrale Unterstützung an. Es scheint mir ein Paradigmenwechsel zu sein, wenn wir zugeben können, dass auch wir in der Kirche Schwierigkeiten mit vielen Konflikten haben und manchmal Unterstützung von außen brauchen, um diese gut und fair lösen zu können.

Aber schnell und trotz aller Erfolge zeigte sich auch, das Thema ist „schwer“, sperrig. Veranstaltungen zum Thema mit dem Begriff „Gewalt“ im Titel wurden höchstens von Fachleuten besucht. Und ich gestehe, ich selbst wäre nicht hingegangen, denn dann hätte ich mich ja anscheinend als eine Person geoutet, die Probleme mit Gewalt zuhause hat.

Engagement

Die Dekade „Gewalt überwinden“ ist leider kein Hauptthema geworden in unserer Kirche. Es sind jedoch einzelne Personen, viele Dekanatsfrauenbeauftragte und viele Initiativen und Gruppen, die sich auf vielfältige Weise zu diesem Thema engagieren. Sie wollen wir weiterhin stärken, unterstützen, ihnen die Möglichkeit geben sich zu vernetzen und voneinander zu lernen. Denn wir wollen weiterhin das Stille, Unsichtbare sichtbar machen und konkret anpacken.

Blick in die Zukunft

Welche Themen möchten wir noch anpacken?
Eine Umsetzung der Beschlüsse für eine gerechte Globalisierung (strukturelle Gewalt). Das Aufgreifen der Themen Gewaltfreie Erziehung und Frauenhandel/Zwangsprostitution.
Wieder gilt: konkret werden. Mal sehen, wie uns das diesmal gelingen wird.

Heinz Dunkenberger-Kellermann
Ökumenische Studienarbeit in der ELKB

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