Hermannstadt – erste Eindrücke

Am Tag der Eröffnung der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung präsentiert sich Hermannstadt/Sibiu im strahlenden Sonnenschein – die Kulturhauptstadt Europas hat sich schön geschmückt. In der Altstadt sind viele Häuser, Paläste und nicht zu vergessen die Kirchen an den Hauptplätzen aufs Feinste renoviert.

Schon am Vorabend hatten wir die Gelegenheit, uns mit der Stadt zumindest ansatzweise vertraut zu machen. Am Morgen wurde uns durch die profunden Kenntnisse von Pfr. Dr. Jürgen Henkel (Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen), der das Rahmenprogramm unserer Reise dankenswerterweise zusammengestellt hat und uns auch begleitet, einen tieferen Einblick in die Verhältnisse des Landes und seiner religiösen Landschaft gewährt.

Charakteristisch für Rumänien ist die Vielfalt seiner Konfessionen, ihre lange, bis auf den heutigen Tag nicht spannungsfreie Geschichte, die vor allem das Verhältnis zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche belastet. Der Stachel im Fleisch – die Zustimmung zum für mehrheitlich orthodox geprägte Länder außerordentlich liberalen Religionsgesetz unmöglich gemacht. Gleichzeitig scheinen die Beziehungen zwischen der lutherischen Kirche und der Orthodoxie traditionell gut zu sein, vor allem weil die Lutheraner Konversionsversuchen im großen Stil widerstanden haben. Wie dies in Zukunft aussehen wird, da die neoprotestantischen Kirchen auf dem Vormarsch sind, wird sich erweisen. 

Rumänien hat ein doppeltes Gesicht: auf der einen Seite leben hier seit Jahrhunderten die unterschiedlichen Ethnien seit vielen Jahrhunderten ausgesprochen friedlich nebeneinander. Der Wille, dieses Erbe auch in Zukunft zu pflegen, ist deutlich spürbar: alle Volksgruppen verfügen über eigene Schulen, z.T. auch über eigene Universitäten. Andererseits haben der Kommunismus und die Zeit nach der Wende das soziale Gefüge gewaltig durcheinander gebracht. Die Roma beispielsweise, die im früheren Gesellschaftssystem verhältnismäßig gut aufgehoben waren, finden in dem neuen Staat nur schwer ihren Platz. Aber auch der Mittelstand, vor allem Staatsbedienstete stehen auf der Verliererseite der jungen Demokratie. Mein Eindruck lässt sich mit dem Begriff, der in unseren Gesprächen am häufigsten gefallen ist -  „speranza“ -  zusammenfassen: Hoffnung, dass das Gute bewahrt und die Schwierigkeiten überwunden werden können.

Von Andrea Wagner-Pinggéra