Grundsätze evangelischer Bildung
Protestantismus und Bildung sind seit jeher eng miteinander verknüpft. In der Geschichte des Christentums spielt das Thema Bildung von Anfang an eine zentrale Rolle – wie etwa beim Kirchenvater Augustinus, im Mönchtum und mit der Kirche als Bildungsinstitution im Mittelalter. Mit der Reformation rückt der selbstständige, urteilsfähige Mensch in den Mittelpunkt der Bildungsdebatte: die Übersetzung der Bibel ins Deutsche, die Berufung auf das eigene Gewissen, das Priestertum aller Gläubigen sind Ausdruck einer Emanzipationsbewegung, die den Menschen aus seiner Unmündigkeit befreien soll.
Martin Luther unterscheidet zwei Dimensionen von Bildung: Bildung mit Blick auf den Glauben und die Kirche und Bildung mit Blick auf den Menschen und die Gesellschaft. Der gebildete Mensch soll auf der einen Seite einen bewussten Glauben entwickeln, über diesen Rechenschaft ablegen und ihn weitervermitteln können. Auf der anderen Seite soll der gebildete Mensch bewusst in dieser Welt leben, soll die verschiedenen Möglichkeiten menschliches Leben zu leben, zu verstehen und zu deuten wahrnehmen, sich selbst orientieren und gleichzeitig andere tolerieren.
Denn Bildung aus evangelischer Sicht…
...erzieht zur gegenseitigen Toleranz, zur Verständigung, zu Gerechtigkeit, zum Frieden.
…fördert das Miteinander ohne die individuelle Entwicklung und persönliche Lebenssituation des Einzelnen aus den Augen zu verlieren.
...Sie schöpft aus der jüdisch-christlichen Tradition, lernt aus der eigenen Geschichte, hält die Erinnerung wach.
…stellt sich gegen Antisemitismus und engagiert sich für Menschenrechte.
…erinnert an die Maße und Grenzen menschlichen Lebens und Handelns und ermutigt im Glauben an das Evangelium von Jesus
Christus Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen und in die aktuelle Wertedebatte christliche Inhalte und protestantische
Standpunkte einzubringen.
…bezieht sich auf Menschen in allen Alters-, Lebens- und Bildungsbereichen und versteht Bildung nicht als isolierten Teilbereich der
Kirche, sondern entfaltet Bildung in allen kirchlichen Arbeitsfeldern.
Evangelische Bildung ist gekennzeichnet durch Offenheit, weite und reiche Vielfalt. Dieser Ansatz gründet in der christlichen Botschaft, dass jeder Mensch von Gott bejaht ist in seiner Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit, zugleich jedoch lebenslang lern-, veränderungs- und entwicklungsfähig bleibt und auf jene Fülle hin wachsen soll, die ihre Vollendung im Reich Gottes findet.
In diesem Sinne bedeutet Bildung immer auch „Bildung zur Menschlichkeit“ (Herder), zu Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft und Toleranz, zur Wahrnehmung der Interessen und Bedürfnisse anderer und der Praktizierung von Schutz und Solidarität gegenüber Schwachen und Benachteiligten.
Orte, an denen Bildung geschieht, sind „Stätten der Menschlichkeit“ (Comenius), an denen Menschen Achtung entgegengebracht wird, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Kultur. Stätten, die allen Menschen das Recht auf Gedanken-, Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit zugestehen.
Die Verbindung von Bildung und Menschlichkeit bedeutet also Befreiung und Bejahung einerseits und das Gebot zu wachsamer Kritik, zu Querdenken, Zivilcourage und Motiv des Widerstandes andererseits.
In der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist es unerlässlich immer wieder zu betonen, dass Bildung nicht nur Wissen, sondern immer auch „Herzensbildung“ bedeutet. Denn ein gebildeter Mensch zeichnet sich nicht nur durch Wissen und Erkenntnis, sondern auch durch Sensibilität und Gespür für die eigenen Emotionen und für die Empfindungen seiner Mitmenschen aus.
Zu dieser Art von Bildung, die den ganzen Menschen im Blick hat, gehört auch also auch immer die diakonische Dimension, also die Bildung des Menschen hin zu einem gemeinschaftsfähigen Wesen, ausgestattet mit sozialer Qualifikation und Verantwortung gegenüber sich selbst, dem Nächsten und der Gesellschaft.
Denn Leben ist bestimmt vom Mit- und Nebeneinander. Es gibt kein isoliertes Leben: Jedes Leben ist in die Schöpfung eingebettet und jedes Geschöpf direkt oder indirekt mit jedem anderen verbunden und von ihm abhängig.
Von einer umfassenden „Ehrfurcht vor dem Leben“ spricht Albert Schweitzer im ersten Viertel des 20 Jahrhunderts und macht diesen Gedanken zum Fundament seiner Ethik.
Die Ehrfurcht vor dem Leben zieht sich nach wie vor wie ein roter Faden durch die evangelische Bildungsarbeit und ist auch zentraler Gedanke in der aktuellen Diskussion um Medizinethik, Embryonenschutz und Sterbehilfe.
In der heutigen Zeit mit ihrem Informationsüberfluss, den Fragen an ethischen Grenzbereichen, den Herausforderungen der Globalisierung ist es unendlich wichtig auch im Bereich der Bildung „das Fenster der Transzendenz“ offen zu halten. Die Frage nach der Transzendenz, nach dem Leben hinter dem Leben, ist unverzichtbar, weil das Leben und das Überleben aller Menschen auf Grenzen angewiesen bleiben. Der Bezug auf Gott und die Frage nach Gott gehört nach christlicher Sicht und Überzeugung grundlegend zum Menschsein dazu. So verstanden sind Transzendenz und Gottesfrage Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Bildung.


