Geschichte der Diakonie
Zum Lesen der Texte: bitte anklicken.
- Die Entstehung der "modernen" Diakonie
- Anfänge der Diakonie in Bayern
- Die Diakonie während der Kriege
- Ein Neuanfang
Alle Bilder dieser Seite wurden zur Verfügung gestellt vom Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg, das zur Zeit mit einer Wanderausstellung zur Geschichte der Diakonie in Bayern unterwegs ist.
Die Entstehung der "modernen" Diakonie
Diakonisches Handeln ist so alt wie die Kirche selbst. Immer wieder waren es vor allem engagierte Einzelne, Männer und Frauen, die sich dafür einsetzen, die Not von Menschen zu lindern und Menschen in Not zu begleiten.
Die Diakonische Arbeit, wie wir sie heute kennen, ist allerdings vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Das Deutsche Reich ist damals eine aufstrebende Industrienation. Um die immer stärker wachsenden Städte legt sich ein Gürtel von Fabrikhallen, in denen hunderte Frauen und Männer schuften. In harter Arbeit stellen sie alles her, was das wachsende Reich braucht: Textilien, Stahl, Seile …
Immer mehr Menschen drängen in die Städte, um in einer der neu gegründeten Unternehmen eine Anstellung zu finden. Wer das nicht schafft, bleibt auf der Strecke: Arbeitslosen und Menschen, die nicht oder nicht mehr fähig sind, rutschen unweigerlich in tiefe Armut. Doch auch die Kinder, deren Eltern den ganzen Tag in den Fabriken arbeiten, sind Opfer dieser Entwicklung: Sie sind sich selbst überlassen und verwahrlosen zunehmend.
Hilfe für die Menschen, die auf der Strecke bleiben
In dieser Zeit hat der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern eine Idee: Er möchte Heime, Anstalten und andere Einrichtungen gründen, in denen bedürftigen Menschen und vor allem Kindern geholfen werden soll. 1833 baut er mit dem „Rauhen Haus“ eine Anstalt für verwahrloste und schwer erziehbare Kinder auf.
Das Merkmal seines diakonischen Handels ist die Verbindung von Fürsorge und volksmissionarischen Handeln. Junge Männer, „Brüder“, die Wichern selbst ausbildet, übernehmen die Aufsicht und Ausbildung in der Anstalt. Später sendet er sie auch an andere Orte zum Dienst aus. Sie arbeiten als Krankenpfleger, Seelsorger oder Katecheten.
Auf dem Wittenberger Kirchentag von 1848 stellt er in einer Stegreifrede sein Programm der Inneren Mission gegen geistliche und materielle Armut sowie soziale Not vor. Bald nach dem Kirchentag wird der „Centralausschuss für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche“ gegründet. Die "Innere Mission", wie die Diakonie aufgrund ihres volksmissionarischen Charakters auch genannt wird, organisiert sich in ganz Deutschland.
Anfänge der Diakonie in Bayern
Die Generalsynode der protestantischen Kirche in Bayern erklärt schon im Jahr 1849 in Ansbach als erste deutsche Synode die „Innere Mission“ zum wichtigen Anliegen der Kirche: „Die Innere Mission, deren Aufgabe darin besteht, die leiblichen und geistlichen Notstände des evangelischen Volkes nach allen Seiten hin zu erforschen und durch die Verkündigung des göttlichen Wortes und die Handreichung brüderlicher Liebe zu beheben, ist eine Lebensfrage unserer Zeit. Sie ist nichts Neues. Von jeher hat sie, wenn auch in verschiedenen Äußerungen und Gestaltungen, in der Kirche gelebt und der leiblichen und geistlichen Not des Volkes mit mehr oder weniger günstigem Erfolg sich zugewendet.“ (Ansprache des Oberkonsistoriums vom 29. November 1949)
Wie in ganz Deutschland werden nun auch in Bayern zahlreiche diakonische Einrichtungen gegründet. Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt ist der Pfarrer Wilhelm Löhe. Er gründet 1853 in dem damals kleinen Dorf Neuendettelsau bei Ansbach eine Diakonissenanstalt, um Frauen in sozialer Not zu einer Ausbildung zu verhelfen.
Bis heute leben in Neuendettelsau Diakonissen in Gemeinschaft. Allerdings hatte Löhe die Gründung eines solchen Mutterhauses nicht beabsichtigt. Vielmehr sollte allen Frauen, auch solchen, die nicht in den Stand einer Diakonisse treten wollten, die Ausbildung zur Kranken- und Armenpflegerin ermöglicht werden. Nach dieser Ausbildung sollten sie in die Gemeinden zurückkehren, um dort die diakonische Arbeit aufzubauen. Sehr bald hatte sich aber entgegen diesem ursprünglichen Konzept ein Mutterhaus ausgebildet und sich eine Schwesternschaft am Ort etabliert. Die Berufung in den Diakonissenstand wurde bald zum Beruf, und Dank der soliden Ausbildung, die die Diakonissen erhielten, bewältigten sie die ihnen gestellten Aufgaben immer professioneller.
Auch wenn heute die Diakonissen eher selten geworden sind, so prägten sie doch über viele Jahrzehnte hinweg das Bild der Diakonie in Deutschland.
Die Diakonie während der Kriege
Ihren zweiten großen Aufschwung erlebte die Diakonie zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1918 bis 1933. Durch die staatliche Regelung und die finanzielle Bezuschussung der Fürsorge setzte ein regelrechter „Wohlfahrts-Boom“ ein. Im Zuge des Aufschwungs wurden viele diakonische Arbeitsbereiche ausgebaut und neue hinzugenommen. Damals etablierte sich auch das noch heute bestehende System aus freien und öffentlichen Trägern von diakonischen Einrichtungen.
1924/25 entstand das bekannte Kronenkreuz, das bis heute das Zeichen der Diakonie in Deutschland ist. Es stellt die Initialen der Innere Mission (I.M.) dar. Die Krone und das Kreuz symbolisieren sowohl Tod und Not als auch die Hoffnung auf die Auferstehung, den zentralen Inhalt des christlichen Glaubens. Die Verbindung von Krone und Kreuz steht aber auch für die Hoffnung, die soziale Not ebenso zu überwinden wie Christus den Tod überwunden hat.
Die Ideologie des Dritten Reiches machte auch vor den Toren der Diakonie nicht Halt. „Die Innere Mission ... stellt sich hinter die Regierung Adolf Hitlers, des Führers, den Gott unserem deutschen Volk gegeben hat.“ (Landesausschuss der Inneren Mission im Mai 1933)
In den Kranken- und Pflegeheimen der Diakonie lebten viele Menschen, die nicht dem Idealbild des NS-Regimes. Kirche und Diakonie leisteten den Gesetzen zur Verhinderung von "erbkrankem Nachwuchs" und der Vernichtung von "lebensunwertem Leben" kaum Widerstand. Zwangssterilisationen für Erbkranke, die seit 1933 gesetzlich verankert waren, und die Euthanasie-Aktion ab 1939, die Behinderten und unheilbar Kranken den „Gnadentod“ bringen sollte, wurden teilweise auch in diakonischen Einrichtungen durchgeführt.
Ein Neuanfang
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war geprägt von der Not der Flüchtlinge, Heimkehrer und Kriegsversehrten. Sehr bald nach der Beendigung der Kriegshandlungen wurde das Evangelische Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland gegründet. Es koordinierte die aus dem Ausland eintreffenden Spenden durch die Hilfswerke der Landeskirchen und knüpfte ökumenische Kontakte, um die Hungersnot in Deutschland zu lindern. Auch die Ansiedlung von Flüchtlingen und die Bekämpfung der Jugendberufsnot waren wichtige diakonische Aufgaben im Nachkriegsdeutschland.
Ein Großteil der Hilfsmaßnahmen, etwa Kinder- und Altenspeisungen oder die Verteilung von Kleidung, wurde in jener Zeit von Frauen geleistet. Viele Männer waren im Krieg gefallen oder noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Zudem nahm seit 1945 die Zahl der Diakonissen als Trägerinnen diakonischer Arbeit immer mehr ab.
Nachdem die Not der unmittelbaren Nachkriegszeit überwunden war, konnte das Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland auch über die Grenzen hinweg Hilfe anbieten. So vermittelte es seit dem Beginn der 50er Jahre Spenden in die Sowjetunion, in die DDR viele andere Länder. Endlich konnte man sich auch durch Taten für die zuvor erfahrene Hilfsbereitschaft aus dem Ausland bedanken. 1957 schlossen sich das Evangelische Hilfswerk und die Innere Mission in landeskirchlichen Werken zusammen. 1975 wurden sie in Westdeutschland im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland vereint. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands kam 1991 schließlich auch noch das Diakonische Werk der DDR zu dem Verbund dazu.



