Globalisierung gestalten - Herausforderungen der Kirche

Neun Thesen zum Thema
Von Jürgen Bergmann (Centrum Mission EineWelt)*
Globalisierung an sich ist ein wertneutraler Prozess. Er bedeutet allgemein Ausweitung, Vertiefung und Beschleunigung von weltweiter Vernetzung und ist kein neues Phänomen.

Neoliberale Globalisierung geht von der Voraussetzung aus, dass die „unsichtbare Hand“ des Marktes maximale Wohlfahrt für die Gesamtbevölkerung erreichen wird, wenn man ihr nur freien Lauf lässt. Das Streben jeder und jedes Einzelnen nach individuellem Nutzen ist der gewollte Motor für dieses System.

Neoliberale Globalisierung fördert die Freiheit des Marktes zum Nutzen Einzelner, nicht das Wohlergehen des Großteils der Menschen. Ein Indiz: Die drei reichsten Männer der Welt besitzen so viel wie mehrere Länder im Süden der Erde mit insgesamt 600 Millionen (!) Einwohnern – und die Zahl der Hungernden wächst.

Neoliberale Globalisierung fördert die Freiheit des Marktes, nicht den verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Natur. Ein Indiz: Der von Menschen verursachte Klimawandel bedroht die Lebensbedingungen gerade der Ärmsten.

Neoliberale Globalisierung maximiert den persönlichen Gewinn, ethische Werte bleiben auf der Strecke. Ein Indiz: Bilanzbetrügereien von Firmen.

Das Evangelium von Jesus Christus verheißt „Leben und volle Genüge“ (Joh. 10, 10). Diese Verheißung richtet sich an alle Menschen. Auch die Fürsorge Gottes für seine Schöpfung ist Teil des Evangeliums. Neoliberale Globalisierung wirkt in oben genannten Punkten dem Evangelium Christi entgegen. Darum ist unser christlicher Glaube nicht nur gefordert, sondern steht auf dem Prüfstand.

Neoliberale Globalisierung macht auch vor den Toren der Kirche nicht halt. Die Kirche ist herausgefordert ihre Einstellung zu überprüfen:
Was bedeutet weltweite Gemeinschaft der Christen im Kontext der neoliberalen Globalisierung?
Warum machen die Kirchen Armut zum Thema, nicht aber Reichtum?
Wie gehen Kirchen mit ihrem eigenen Geld um, ihren Geldanlagen und ihrem Besitz?
Wie reagieren die Kirchen auf die Tendenz der Privatisierung von öffentlichen Gütern wie Wasser, Gesundheit, Bildung?
Welches Konsumverständnis herrscht vor und welcher Lebensstil wird gepredigt? Wo können wir als Kirche und Kirchenmitglieder Umweltbewusstsein stärken und mit geeigneten Beispielen vorangehen?
Welche politische Rolle nimmt die Kirche in der öffentlichen Auseinandersetzung um neoliberale Wirtschaftspraktiken ein? Wie kann sie Regierungen dazu bewegen sich für den Erhalt der Gemeingüter und für den Erhalt eines gerechten, nachhaltigen und sozialen Rahmenwerks für Wirtschaftsaktivitäten einzusetzen?

Die Kirche hat vielerorts auf regionaler, nationaler und globaler Ebene bemerkenswerte Zeichen gesetzt, um eine menschliche Globalisierung sichtbar werden zu lassen. Diese Anstrengungen müssen gewürdigt und gegebenenfalls verstärkt fortgeführt werden. Einige Beispiele:
Schuldenfrage:
- Engagement zur Streichung von bi- und multilateralen Schulden der ärmsten Entwicklungsländer (Erlassjahrkampagne)
- Wahrnehmung von historischen und aktuell anwachsenden sozialen und ökologischen Schulden zu Lasten der südlichen Länder
Wirtschaftssystem:
- Forderung nach Steigerung der offiziellen staatlichen Entwicklungshilfe zur Armutsbekämpfung und Sicherstellung der Grunddienstleistungen (Gesundheitswesen, Bildung, Hygiene, Wasser)
- Einsatz für Reformen des internationalen Finanzwesens und für eine angemessene Beteiligung der Entwicklungsländer sowie der Zivilgesellschaft an Entscheidungsprozessen in IWF (Internationaler Währungsfond) und Weltbank
- Einsatz zur Stabilisierung des Währungssystems (Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer)
Geschäftswelt:
- Stärkung von Unternehmen, die auf höhere soziale und ökologische Gewinne zielen wie z.B. Oikocredit und Fairer Handel
- Förderung von ethnischen und ökologischen Investment Fonds

Eine andere Welt ist möglich. Dies ist der Glaube der Christinnen und Christen, wenn auch anderswo nur hoffnungslos mit den Schultern gezuckt wird. Heute verhelfen verschieden nicht-kirchliche Bewegungen der Forderung nach internationaler menschlicher Solidarität zu wachsender Zustimmung. So fordert das Welt-Sozialforum (Porto Alegre) eine menschliche Globalisierung „von unten“, und auch das Motto der globalisierungskritischen Bewegung ATTAC lautet: „Eine andere Welt ist möglich.“

* Dr. Jürgen Bergmann leitet das Referat Entwicklung und Politik im Centrum Mission EineWelt in Neuendettelsau.