Gerechte Globalisierung - Grundsätzliches
Zentrale Themen der ökumenischen Diskussion
Die Suche nach Wegen der gerechten Verwandlung der ökonomischen Globalisierung ist eines der zentralen Themen der ökumenischen Gemeinschaft weltweit. Der Lutherische Weltbund hat dazu bei seiner letzten Vollversammlung im kanadischen Winnipeg 2003 deutlich Position bezogen. Im August 2004 hat der Reformierte Weltbund im ghanaischen Accra einen Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit geschlossen. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat sich immer wieder bei den WTO-Treffen zu Wort gemeldet. Im sog. „Soesterberg-Brief“ haben alle kirchlichen Weltbünde gemeinsam die Kirchen des Nordens dringend aufgerufen, zu Fragen der Globalisierung Stellung zu nehmen.
In der Evang.-Luth. Kirche in Bayern hat sich die Evang. Jugend intensiv mit dem Thema beschäftigt und eine Stellungnahme verfasst, ebenso die Männer- und die Frauenarbeit. Beim Centrum Mission EineWelt wird intensive Bildungsarbeit zum Thema geleistet. Das Ökumenereferat hat das Thema auf Kirchenkreisstudientagen bearbeitet und bringt die Erfahrungen aus den Partnerkirchen ein.
Die zentralen Punkte der ökumenischen Diskussion sind:
Die fehlende demokratische Kontrolle der wirtschaftlichen Entwicklung
Brief der Weltbünde an die WTO-Tagung in Cancun (September 2003):
Wir sind der Überzeugung, dass die Rechte und Selbstbestimmung der Völker ganz klar Vorrang vor unternehmerischen Rechten haben und grundsätzlich die Aktivitäten transnationaler Unternehmen regulieren müssen.
Die Wettbewerbsverzerrung durch Subventionen, Protektionismus und strukturelles Ungleichgewicht
Aufruf des LWB zur Beteiligung an der Verwandlung der wirtschaftlichen Globalisierung“ vom September 2002:
Neoliberale Theorien setzen gleichberechtigte Partner mit gleichberechtigtem Zugang zu Informationen, technischem Know-How und Handelskonditionen voraus. Dies entspricht jedoch in keiner Weise den dramatischen Unterschieden, die in der Realität bestehen.
Problematische Deregulierung des Kapitalhandels
Vollversammlung des LWB Winnipeg Juli 2003:
Die wirtschaftliche Globalisierung hat die Konsequenz, dass Kapital und Güter grenzüberschreitend gehandelt werden können, während Menschen, denen in der geschwächten lokalen Wirtschaft keine Chancen mehr bleiben, oft an der Auswanderung gehindert werden.
Fehlende Verteilungsgerechtigkeit
Brief der vier Weltbünde nach Calcun: Die Haltung der ökumenischen Gemeinschaft im Blick auf die Ministerkonferenz in Cancun basiert auf einem Verständnis von Handel und Entwicklung, das spirituellen, moralischen und ethischen Aspekten Vorrang gibt. Die ökumenische Gemeinschaft ist der Überzeugung, dass internationale Handelsabkommen an erster Stelle die Heiligkeit des Lebens achten, würdigen und bewahren sollen. Gott hat, so glauben wir, seine vorrangige Option für Schwache und Verarmte kundgetan.
Die Privatisierung von Allgemeingut
Zitat Brief der Weltbünde: Diese Dienstleistungen [Wasserversorgung, Bildung etc.] (…) dürfen weder in handelbare Güterumgewandelt noch zur Disposition gestellt werden. Insbesondere dem Wasser als lebenserhaltendem Element wird in allen Religionen und Kulturen ein spiritueller Wert beigemessen. Daher rufen wir die Regierungen auf, diese Dienstleistungen aus den GATS-Verhandlungen herauszunehmen.
Die religiöse Dimension des Marktes
Brief asiatischer Kirchen an die Kirchen im Norden (1999):
„Das Projekt der ökonomischen Globalisierung gaukelt uns mit religiöser Glut vor, dass freier Kapitalfluss dem Gemeinwohl dient.“
„Es ist Zeit für uns alle, uns zu entscheiden. Die Wahl heißt: Gott oder Mammon.“
Brief argentinischer Kirchen an die Kirchen im Norden (2001):
„Wir bitten Sie, Ihren Einfluss geltend zu machen, um auf Gerechtigkeit gegründete internationale Wirtschaftsbeziehungen herzustellen.“
„Jede Änderung unserer Situation muss tief greifende Änderungen für den Lebensstil des Nordens mit sich bringen. … Die Kirche ist ein Organismus.“
LWB-Vollversammlung Winnipeg 2003:
Die neoliberale wirtschaftliche Globalisierung gründet auf der Annahme, dass der auf Privateigentum, ungezügeltem Wettbewerb und dem Vorrang geschäftlicher Vereinbarungen aufgebaute Markt das absolute Gesetz ist, das das menschliche Leben, die Gesellschaft und die Umwelt beherrscht. Hier handelt es sich um Götzendienst.


