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Aktion "Friedenswirkstätten in Stadt und Landkreis Bamberg" hat begonnen

Gewalt in Familien wahrnehmen und überwinden ist das Ziel der Aktion „Friedenswirkstätten in Stadt und Landkreis Bamberg“, die Samstag, 22. Januar in der Kirche St. Stephan ihren Auftakt nahm. Ein ganzes Jahr lang soll durch gezielte Aktionen, Seminare, Workshops und Veranstaltungen auf das Phänomen Gewalt in unserer Gesellschaft hingewiesen und nach Lösungen gesucht werden, wie mit Konfliktsituationen verantwortungsvoll und konstruktiv umgegangen werden kann. Als Träger des Projekts wünschen sich die Frauenbeauftragten des evangelischen Dekanats Bamberg, die Verantwortlichen des Evangelischen Bildungswerks Bamberg sowie die Arbeitsstelle für gewaltfreie Konfliktbearbeitung in der Evangelischen Landeskirche eine große Resonanz in den Kindergärten, Mutter-Kind-Gruppen, Frauen- und Seniorenkreisen in den Kirchengemeinden.

 

 

Das Projekt wird großzügig vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus aus Mitteln der Kulturfonds gefördert. 

Das Thema „Gewalt in Familien“ ist schon seit vielen Jahren ein Schwerpunktthema in der Arbeit der Dekanatsfrauenbeauftragten, die mit vielen auf dem Gebiet tätigen Organisationen und Einrichtungen vernetzt sind. Es basiert auf der im Januar 2000 vom Ökumenischen Rat der Kirchen ausgerufenen weltweiten Dekade zur Überwindung von Gewalt. Die Kampagne „Verbündete Kirche – Gewalt in Familien wahrnehmen und überwinden“ ist ein Beitrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu dieser Dekade. In allen Kirchengemeinden des Dekanats Bamberg sollen nach dem Willen der Veranstalter während des gesamten Jahres 2005 alternative gewaltfreie Kommunikations- und Konfliktbearbeitungsmöglichkeiten aufgezeigt und erprobt werden. Die mit der Dekade verbundene Vision „Selig, die Frieden stiften …“ soll in vielen kleinen Schritten durch konzentrierte erwachsenenbildnerische Veranstaltungen alltagstauglich gemacht werden. Frauenbeauftragte Uta von Plettenberg wünscht sich, dass Friedenswirkstätten auch Mut machen soll, über erlebte Gewalt zu reden. In den Veranstaltungen sollen auch Wege aus Gewaltsituationen gefunden und Betroffene darin unterstützten werden, sich daraus zu befreien. Und nach den Worten von Annemarie Stocks soll das Projekt dazu beitragen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und in einen offenen Dialog über Konflikte einzutreten.
 
Nach der Auftaktveranstaltung werden die „Friedenswirkstätten“ in allen 17 Gemeinden des Dekanats, zu denen übrigens auch Höchstadt/Aisch im Landkreis Erlangen/Höchstadt und umliegende Gemeinden und Gleisenau im Landkreis Hassberge zählt, thematisiert. Uta von Plettenberg und Annemarie Stocks haben bereits Kontakt mit den Gruppen in den Gemeinden aufgenommen, um das Interesse zu erkunden, sich über Gewalt und Gewaltprävention auszutauschen. Dies wird nicht nur in Form von Vorträgen mit fachlich gebildeten Referenten wie Sozialpädagogen und Familientherapeuten geschehen, sondern auch in Seminaren für Erzieherinnen in Kindergärten und Workshops für alle Interessierten. Die Aktion soll nicht von außen übergestülpt werden, sondern aus Interesse am Thema lebendig werden. Darin sind sich die Verantwortlichen einig. Bei den Kindergärten im Dekanat ist Pfarrerin Kathrin Winkler bereits auf großes Interesse gestoßen. Speziell für die Tagesstätten sind im Angebot Referate wie „Kleine Kinder – große Wut“, „Vom Kinde verdreht“, „Kinder brauchen Grenzen- Eltern haben Grenzen“ oder auch über sexuelle Gewalt gegen Kinder. Andere Zielgruppen des Projekts sind Männer-, Frauen- und Seniorengruppen. Für diese bietet die Aktion einen Workshop an, Zivilcourage zu trainieren. „Soll ich mich einmischen?“ lautet das Thema des Angebots. Ein heißes Thema ist „Gewalt in der Pflege. Gibt es so etwas überhaupt und wo beginnt sie?“ Auch für ehrenamtliche Leiterinnen und Leiter von Kreisen stehen Themen bereit wie etwa das Angebot, Gelassenheit zu trainieren. Ergänzt wird der Reigen der Themen durch theologische Einlassungen. Pfarrerin Kathrin Winkler ist gerne bereit, über Gewalt gegen Frauen in der Bibel zu referieren. Dabei geht es ihr insbesondere darum, dass Kirche Stellung zum Thema „Gewalt“ nimmt. Kindergärten und Gemeindegruppen erhalten auf Anfrage einen Themenkatalog beim Evangelischen Bildungswerk, damit sie sich über das ganze Jahr 2005 hinweg des Themas annehmen können. Ein großer Teil der entstehenden Kosten werden über das Projekt abgedeckt. So soll dazu beigetragen werden, dass möglichst viele Menschen den Umgang mit eigenen Konflikten lernen können, Toleranz einüben und somit Beispiel sein können für andere. Dabei geht es auch, Gewalt zu verhindern und Betroffenen Unterstützung anzubieten. Etwa für die Frau, die seit Jahren geschlagen wird, oder für das Kind, das täglich Gewalt in Form von Worten ausgesetzt ist. Annemarie Stocks erhofft, dass sich Opfer von Gewalt öffnen, Vertrauen fassen und sich helfen lassen.

Ansprechpartner für die Aktion in Bamberg ist das Evangelische Bildungswerk, vertreten durch pädagogischen Leiter Joachim Wegner, Tel. 0951/26395, und die Dekanatsfrauenbeauftragten Uta von Plettenberg und Annemarie Stock. Für die Aktion wurde auch ein Spendenkonto eingerichtet: Evangelisches Bildungswerk Bamberg, Bamberger Bank BLZ 770601 00 Konto 4685).

Durch das Projekt soll, so Joachim Wegner, ein engmaschiges Netzwerk von Einrichtungen und Kreisen entstehen, das es ermöglicht, soziale Phänomene wie Gewalt und Aggressivität im Verbund mit Mittel kreativer, gewaltfreien Konfliktaustragung anzugehen.

Plakate und Handzettel sollen nicht nur auf die Aktion „Friedenswirkstätten in Stadt und Landkreis Bamberg“ hinweisen, sondern auch Mut machen, Gewalt in Familien zu erkennen und die Mauer des Schweigens zu überwinden.

TeamUnser Bild zeigt das verantwortliche Team für das Projekt mit dem pädagogischen Leiter des Evangelischen Bildungswerks Bamberg, Joachim Wegner, (von links) Dekanatsfrauenbeauftragte Uta von Plettenberg, Pfarrerin Kathrin Winkler, Frauenbeauftragte Annemarie Stocks, Diakon Günter Tischer von der Arbeitsstelle für gewaltfreie Konfliktbearbeitung und Dagmar Meyer aus der Kirchengemeinde St. Stephan. Foto: Wegner 

Die Spirale der Gewalt durchbrechen

Bei der Auftaktveranstaltung des Projekts „Friedenswirkstätten in Stadt und Landkreis Bamberg“ machte Dekan Otfried Sperl in der Kirche St. Stephan deutlich, dass die Spirale der Gewalt auch die Menschen in Deutschland fest im Griff hat, und zwar auch diejenigen, die zur Gewalt von Haus aus auf noch größerer Distanz stehen als andere. Wer selber nach bestem Wissen und Gewissen auf Gewalt verzichte, sei dennoch wissender oder nichtwissender Nutznießer von Gewalt, die in anderen Regionen der Erde auf Kinder, Frauen und Männer ausgeübt wird. Dekan Sperl verdeutlichte dies am Krieg um den Zugang zum irakischen Öl, der zu der bitteren Erkenntnis geführt habe, dass hier selbsternannte Erlöser angetreten sind, um ein Land von seinem Diktator zu befreien. Und dabei sei nichts als Chaos und Gewalt herausgekommen. Und selbst in Deutschland seien nur wenige selbstbewusst, stark und couragiert genug, um selber vorzugehen und einzuschreiten, wenn jemand seine Kinder ständig schlägt oder Jugendliche einen anderen auf offener Straße treten und auf ihn einprügeln.

Mit dem Projekt Friedenswirkstätten solle nicht nur ein Finger auf die Wunden von Unfrieden und Gewalt gelegt werden, betonte der Dekan. Es gehe vor allem um konkrete Visionen, Schritte und Wege, um den Frieden zu entdecken als eine Dynamik, der sich nachhaltig auf Familie, Beruf, Gesellschaft und Kirche auswirkt. Trotz aller ungelöster Fragen sei der christliche Gott ein Gott des Friedens, der Mut macht, gegen Gewalt im Nahbereich und auf der ganzen Welt einzutreten. Dekan Otfried Sperl hieß bei dieser Auftaktveranstaltung auch Vertreter der katholischen Kirche in St. Stephan willkommen, unter ihnen Dekan Josef Eckert und den Ökumenebeauftragten des Erzbistums, Josef Neundörfer.
 
Als pädagogischer Leiter des Evangelischen Bildungswerks dankte Joachim Wegner den Dekanatsfrauenbeauftragten Uta von Plettenberg und Annemarie Stocks für die Initiative zu diesem Projekt, das seinen Ausgangspunkt in der vom ökumenischen Rat der Kirchen im Jahre 2000 weltweit ausgerufenen Dekade zur Überwindung von Gewalt hat. Uta von Plettenberg äußerte in ihrem Grußwort die Überzeugung, dass Frieden nur dann greifbar und erfahrbar wird, wenn er im Kleinen beginne und langsam wachse. Nur durch die Erkenntnis, dass Gewalt im Kleinen wie im Großen zerstört und verletzt und Frieden letztlich ein Geschenk Gottes sei, um das man sich immer wieder bemühen müsse, könnten Veränderungen in unserer Gesellschaft bewirkt werden.
 
Nach Heinz Dunkenberger-Kellermann vom Ökumenereferat der Evangelischen Landeskirche in München, der einen Bogen von der weltweiten Dekade zu den Friedenswirkstätten in Bamberg schlug und die Visionen konkretisierte, zeigte die stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg. Dr. Marina Rupp, die Bedeutung der Familienbildung für die Gewaltprävention auf. Sie machte deutlich, dass Gewalt in der Familie durch den Erziehungsstil der Eltern, aber auch äußere Faktoren wie Stress und Überforderung und persönliche Probleme der Erziehenden bedingt sein kann. Im Gegensatz zu früher sei heute ein Recht auf gewaltfreie Erziehung und auf Gewaltschutz im Gesetz verankert. Die Ächtung von Gewalt werde aber durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie hohe Arbeitslosigkeit und verstärkt auftretende Armut insbesondere von Alleinerziehenden erschwert. Den hohen Ansprüchen an Erziehung und die Leistung der Kinder stünden der Einfluss der Medien und die Veränderung der Autoritätsstruktur gegenüber. Da die Familien heute kleiner geworden seien und häufiger als früher von Trennung der Eltern und Scheidung betroffen seien ergäben sich neue und vielfältige Anforderungen im Erziehungsalltag, für die oftmals Vorbilder und Leitlinien fehlten.

Marina Rupp machte deutlich, dass auch der Informationsüberfluss in unserer Gesellschaft zusammen mit den sehr hohen Erwartungen an die Erziehungsleistung vielfach zu Verunsicherung der Erziehenden führe. Daher sei es heute notwendiger denn je, dass junge Menschen im Rahmen der Familienbildung auf Ehe, Partnerschaft und das Zusammenleben vorbereitet würden. Familienbildende Maßnahmen könnten beispielsweise Erziehungswissen vermitteln, wie Autorität ohne Gewalt möglich ist. Die Wissenschaftlerin empfahl, auf Veränderungen von Gewaltvorstellungen in den Köpfen hinzuarbeiten und damit der Verniedlichung von Gewalt entgegenzutreten. Außerdem müsse deutlich gemacht werden, dass Gewalt keine private Sache ist, sondern öffentlich geächtet werden müsse und damit die Aufmerksamkeit erhöhe. 

Nach dieser Einführung begaben sich die Teilnehmer der Auftaktveranstaltungen in zehn angebotene Workshops. In den Gruppen informierten beispielsweise Rechtsanwältin Susanne Drehsen zusammen mit der Beauftragten der Polizei für Frauen und Kinder, Brigitte Welder und Ursula Weidig vom Sozialdienst Katholischer Frauen über Rechtswege und Maßnahmen, die gegen häusliche Gewalt ergriffen werden können. In zwei weiteren Arbeitsgruppen erfuhren die Teilnehmer, wie Erziehende Streit zwischen Kindern konstruktiv schlichten können, und lernten die Methode der Mediation kennen. Diese  Workshops wurden durch von der Arbeitsstelle für gewaltfreie Konfliktbearbeitung in der ELKiB ausgebildete MultiplikatorInnen geleitet. Diplom-Sozialpädagogin Petra Kröner, Erwachsenen-bildnerin Barbara Zellfelder-Flecken, Pfarrer Rüdiger Popp und Diakon Günter Tischer stellten neben einer CD-ROM von Prof. Dr. Klaus A. Schneewind von  der Uni München (www.freiheit-in-grenzen.org) Methoden der Mediation und der gewaltfreien Konfliktbearbeitung vor.

Mit Pfarrer Velten Wagner gingen andere Teilnehmer in einer Diskussion der Frage nach, wie Erziehung zum Frieden gelingen kann. Aber auch kreative Elemente kamen an diesem Tag nicht zu kurz.

Mit dem Theaterpädagogen Dirk Bayer konkretisierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Hilfe von Theaterelementen ihren persönlichen Traum vom Frieden, während Sozialpädagogin Marija Milana zum Tanzworkshop für Frauen einlud. Beachtliche Resonanz fand schließlich auch ein Sambakurs mit Dekanatsjugendreferent Armin Raunigk zum Thema „Trommle, mein Herz, für den Frieden!“. Ein gemeinsamer Gottesdienst, in dem auch die Ergebnisse der Workshops präsentiert wurden, bildete den Abschluss der gelungenen Auftaktveranstaltung. 

Teilnehmer des WorkshopsAggressive Gesten, die von den Teilnehmern zu Friedensbildern umgewandelt wurden, präsentierten die Teilnehmerinnen des Workshops „Theater der Unterdrückten“ beim Abschlussgottesdienst zur Auftaktveranstaltung des Projekts „Friedenswirkstätten in Stadt und Landkreis Bamberg“ in der Kirche St. Stephan.

Sambaworkshop„Trommle mein Herz, für den Frieden“ lautete das Motto des Sambaworkshops mit Dekanatsjugendreferent Armin Raunigk (rechts) im Rahmen der Friedenswirkstätten in der Kirche St. Stephan in Bamberg.

Joachim Wegner