Friedenspädagogik heute
Friedenspädagogik ist in einem allgemeinen Sinn für den Frieden engagierte Konfliktpädagogik. Dass es Konflikte gibt und dass das normal ist, stellt somit die erste Voraussetzung jeglicher Friedenspädagogik dar. Diese Konflikte können auf allen denkbaren Ebenen liegen, auf der Ebene des Individuums, der privaten Lebensformen und persönlichen Beziehungen, auf der Ebene der Familien und Generationen, auf der Ebene der Geschlechter und Klassen, auf der Ebene der Institutionen in Gesellschaft, Politik und Öffentlichkeit, auf der Ebene der Nationen, Kulturen, Religionen, etc. Sie können, konkret betrachtet, alle nur denkbaren Ursachen haben – das friedenspädagogische Grundanliegen bleibt immer gleich;
es zielt politisch auf die Reduktion manifester physischer und psychischer Gewalt in konkreten Konflikten und gleichzeitig auf die Reduktion struktureller Gewalt. Pädagogisch geht es insbesondere um die Befähigung zu einem friedlichen, also nicht gewaltförmigen Umgang mit Konflikten.
Friedenspädagogik im engeren Sinne zielt auf die Entwicklung von Fähigkeiten zur friedlichen Konfliktlösung bei Konflikten zwischen kollektiven Akteuren (Nationale Kriegsparteien, Bürgerkriegsparteien, bellizistische oder terroristische Netzwerke etc.). Sie will gleichzeitig dazu beitragen, die Ursachen gewaltförmiger Konflikte zu reduzieren oder zu beseitigen. Die Friedenspädagogik gewinnt somit ihre zentralen Argumente nicht aus einem pädagogischen, sondern politischen Diskurs; das gilt sowohl für die Friedenspädagogik im engeren wie für die im weiteren Sinn. Dabei geht sie generell davon aus, dass nicht nur die großen Perspektiven, sondern vor allem die kleinen Schritte bedeutsam werden.
Zwei Grundpositionen können unterschieden werden, eine Maximal- und eine Minimalposition.
Die Maximalposition zielt auf die Einrichtung eines dauerhaften Friedens auf Erden, auf die Beendigung der Gewalt; dazu will sie mit ausschließlich friedlichen Mitteln beitragen und dazu will sie die Menschen befähigen (Pazifismus).
Die Minimalposition ist sehr viel bescheidener; sie zielt auf die Eindämmung und, wenn irgend möglich, Vermeidung von manifester physischer und psychischer Gewalt; sie will die Menschen zu einem möglichst gewaltarmen Umgang mit Konflikten befähigen. Nach aller historischen Erfahrung scheint dies die realistischere Position zu sein, auch wenn der Traum von einem umfassenden Frieden eine altehrwürdige Utopie darstellt und der Wunsch und die Sehnsucht nach Frieden historisch sogar noch weiter zurückverfolgt werden können.
Man muss allerdings bezweifeln, dass es diese Wünsche und Träume schon immer gab. Offenbar ist erst in der Antike eine Vorstellung vom Frieden entstanden, die es ermöglichte, diesen als normal und nicht mehr als Ausnahmesituation zu imaginieren. Heute ist es eine Frage optimalistischer oder pessimistischer Weltanschauung, ob man Krieg und gewaltförmige Konflikte prinzipiell für unvermeidbar und normal hält oder nicht, und welche Chancen man dementsprechend einer dauerhaften Entwicklung zum Frieden gibt; die Antworten hängen wesentlich von den bevorzugten Theorien bzw. Glaubensüberzeugungen ab.
Wenn Krieg ganz selbsterstverständlich die normale Vorstellung beherrscht, stellt es eine bedeutsame kulturelle Leistung dar, sich gegen alle Evidenz Frieden als Normalform vorstellen zu können und, in Ansätzen, auch durchzusetzen und –zuhalten. Was müssen Menschen dafür wissen und können? Welche Haltung brauchen sie? Wie können sie diese erweben? Welche Erziehungs-, Bildungs- und Entfaltungsprozesse sind nötig und wie können sie gefördert werden?
Eckart Liebau
aus: Handbuch Friedenserziehung, hg. Von Werner Haußmann, Hansjörg Biener, Klaus Hock, Reinhold Mokrosch, Gütersloher Verlag, 1. Aufl. 2006




