Weil Bildung Zukunft schafft…

Statements von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich bei der AEEB-Mitgliederversammlung am 26. April 2008 in Würzburg

Die Verantwortung der evangelischen Kirche für ihre Erwachsenenbildung

1. Evangelische Erwachsenenbildung – Auftrag und Themen

Gerne komme ich Ihrer Einladung nach und trete mit Ihnen ein in eine Diskussion über die Evangelische Erwachsenenbildung. Ich tue das nicht nur deswegen gerne, weil ich mir für dieses Jahr das Thema „Bildung“ als eigenes Jahresthema gesucht habe, Ihre Einladung also gut mit meinen eigenen Plänen zusammenpasst. Ich tue es auch gerne, weil das Thema Bildung von Anfang an ganz fest mit dem Protestan-tismus verbunden ist. Schon die Reformatoren, allen vorweg der Humanist Philipp Melanchthon, haben die wesentliche Funktion der Bildung auch für den Glauben erkannt. Für Melanchthon meinte recht verstandene Bildung immer, dem „Bild Gottes“ näher zu kommen als sittlicher, vernünftiger, freier und selbstbewusster Christenmensch. Glaube braucht Bildung, damit jeder Christenmensch begründet Verantwor-tung für sich, für sein Leben, für seine aus dem Glauben kommenden Entscheidungen und Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen kann. Und Bildung braucht Glauben, damit diese nicht zur platten Wissenschaftsgläubigkeit oder gar zur Ersatzreligion wird. Diese enge Verbindung von Glauben und Bildung ist auch im Wirken Martin Luthers zu erkennen. Angespornt durch die Thesen Melanchthons hat Luther dafür gekämpft, dass Jede und Jeder selbst die Bibel lesen können und sich so ein eigenes Urteil bilden sollte. Die Übersetzung der Bibel ins Deutsche, die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und die Gründung zahlreicher Universitäten waren Folgen der reformatorischen Bewegung.

Ich erwähne diese Meilensteine der Geschichte, die Sie ja alle kennen, deswegen, weil ich denke, dass sich daraus auch für die heutige Erwachsenenbildung Einiges ablesen lässt. Zum Beispiel der für mich grundlegende Auftrag, dass die Erwachsenenbildung einen Beitrag zum  aufgeklärten und mündigen Christsein in der Welt leisten soll. Aber auch die Einsicht, dass Bildung ganz allgemein eine unabdingbare Voraussetzung für ein gelingendes Leben ist – für das wir uns als Kirche ja einsetzen. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine solide Bildung nicht nur für eine kleine Elite wichtig, sondern auch für die Breite der Gesellschaft dringend nötig ist. Eine gute Grundausbildung kann helfen, das heute an manchen Stellen regelrecht bedrohlich wirkende Gewaltpotential zu mindern. Denn wer über eine gute Bildung verfügt, braucht sich nicht mit Fäusten gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen, sondern kann Konflikte auch argumentativ lösen. Und wer über eine gute Bildung verfügt, hat bessere Chancen auf einen dauerhaften Arbeitsplatz. Auch das ist eine wesentliche Voraussetzung für gelingendes Leben. Daher meine ich, dass es unsere bleibende Aufgabe sein muss, uns für umfassend verstandene, ganzheitliche Bildung und für die Möglichkeit des lebenslangen Lernens einzusetzen. Das „Bildungskonzept für die ELKB“ hat dieses Anliegen ja auch ganz deutlich hervorgehoben.

Nun haben Sie sich und mich im Zuge der Vorbereitung auf die heutige Veranstaltung gefragt, wie dieser ganzheitliche Bildungsansatz mit dem Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ zusammen passt. Dort nämlich wird Bildung in der Tat stark auf religiöse Bildung zugespitzt.

Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Das Impulspapier der EKD, das ich ja als Ratsmitglied mit verabschiedet habe, hat bewusst zugespitzt formuliert und wollte auch provokativ wirken. Dass die EKD sich insgesamt sehr wohl dem Ansatz ganzheitlicher Bildung und lebenslangen Lernens anschließt, können Sie ja auch der jüngsten „Bildungs-Denkschrift“ der EKD mit dem Titel „Maße des Menschlichen“ entnehmen, die derselbe Rat verabschiedet hat. Dort ist alles in allem sehr wenig von religiöser Bildung die Rede; das Impulspapier ist also durchaus auch so zu verstehen, dass deshalb dieser Bereich von uns als Ergänzung betont werden sollte.

Meine eigene Meinung ist, dass Evangelische Erwachsenenbildung natürlich beides im Blick haben sollte: Die breite, allgemeine Grundbildung ebenso wie speziell die religiöse Bildung, die heute leider nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Wobei natürlich bei schwindenden Ressourcen durchaus zu fragen ist, wieweit die allgemeine Bildung nicht getrost anderen seriösen Anbietern und Institutionen überlassen werden kann. Religiöse Bildung muss dagegen immer das Anliegen und Ziel Evangelischer Erwachsenenbildung sein, die aber auch immer weiß, dass die allgemeine Bildung ein unverzichtbares Ziel von evangelischer Bildung bleibt.

Nun kann man freilich durchaus unterschiedlicher Meinung darüber sein, was das dann für die Konzeption Evangelischer Erwachsenenbildung heute konkret heißt. Ich meine, dass es darauf keine „eingleisige“ Antwort geben kann. Sicherlich muss man sehen, was vor Ort oder in der jeweiligen Region oder im gesellschaftlichen Diskurs überhaupt gerade aktuell von Nöten ist, um den Zielen des gebildeten Christseins und des gelingenden Lebens am besten gerecht zu werden. In jedem Fall wird es nicht reichen, sich entweder ausschließlich auf religiöse Bildung oder auf Bildung allgemein zu konzentrieren – falls man das überhaupt als Gegensatz lesen möchte.

Beim Lesen der Erwachsenenbildungsprogramme meine ich festzustellen, dass derzeit ein neues Bewusstsein für die Arbeit mit Kindern und Familien auch in die Erwachsenenbildung Einzug hält. Das begrüße ich ausdrücklich. Ich selbst habe auf meinem letzten Dekanatsbesuch auch eine von der Erwachsenenbildung initiierte „Elternschule“ besucht und habe das als sehr angemessene Antwort auf die Erziehungsfragen der heutigen Zeit empfunden. Im Blick auf das Themenfeld „Familie“ meine ich aber auch, dass sich die Erwachsenenbildung auf eine immer weiter schwindende religiöse Sozialisation in den Elternhäusern einstellen sollte und hier vielleicht ergänzende Angebote entwickeln kann. Das ist dann eher im Sinne religiöser Bildung zu verstehen. Zur religiösen Bildung gehört für mich übrigens auch das Erlernen von Handwerkszeug, das man zum ökumenischen Dialog braucht oder, allgemeiner gesagt, das Erlernen von recht verstandener, religiöser Toleranz. Gerade im Umgang mit Muslimen scheint mir das ein vordringliches Thema zu sein und ich erhoffe mir hier auch Unterstützung durch die Erwachsenenbildung.

2. Evangelische Erwachsenenbildung zwischen Öffentlichkeit und Kirche

Zunächst einmal habe ich etwas über die Formulierung „zwischen Öffentlichkeit und Kirche“ gestutzt. Denn Kirche ist für mich immer auch öffentlich, und zur Öffentlichkeit in unserer Gesellschaft gehört auch die Kirche. Einen Gegensatz kann ich hier also nicht erkennen – aber so war es wahrscheinlich auch nicht gemeint.

Die Erwachsenenbildung ist meiner Meinung nach für die öffentliche Präsenz der Kirche außerordentlich wichtig. Denn schließlich werden im Idealfall in der Evangelischen Erwachsenenbildung die Themen diskutiert, die in der Öffentlichkeit gerade präsent sind. Und zwar so diskutiert, dass mögliche evangelische Positionen darin angemessen zur Sprache gebracht werden. Ich denke da zum Beispiel an die Themen Stammzellforschung oder Sterbehilfe, die oft vorbildlich von Einrichtungen unserer Erwachsenenbildung aufgegriffen wurden und so auch unsere theologischen Argumente in den öffentlichen Diskurs eingebracht haben. Aber auch mein schon erwähnter Eindruck, dass sich unsere Erwachsenenbildung mehr und mehr des Themas „Kinder und Familie“ annimmt, steht unserer Kirche gut an und ist auch ein Zeichen für die Öffentlichkeit, dass wir uns für Kinder und Familien stark machen wollen. Bezogen auf speziell religiöse Bildung nimmt die Erwachsenenbildung ebenfalls eine zentrale Rolle ein, denn typisch evangelisch ist es für mich, dass man über seinen Glauben selbstverantwortlich Auskunft geben können muss. Und da dies immer weniger in den Familien erlernt wird, kommt der Evangelischen Erwachsenenbildung hier sogar eine wachsende Bedeutung zu. Freilich bleibt es dem Geschick jeder einzelnen Erwachsenenbildungseinrichtung überlassen, dabei die rechte Balance zu finden zwischen den so genannten „niedrigschwelligen“ Angeboten, die auch bei Kirchendistanzierten auf Interesse stoßen könnten, und deutlich religiös motivierten An-geboten wie etwa Kurse zu Grundfragen des Glaubens, die vielleicht nicht die breite Masse der Bevölkerung ansprechen, aber gleichwohl dringend vonnöten sind und in der Regel auch stark nachgefragt werden.

Im Zusammenhang mit der Frage nach der Bedeutung der Erwachsenenbildung für die Präsenz der Kirche in der Öffentlichkeit haben Sie mir auch die Frage gestellt, wie ich die Rolle und Aufgaben der unterschiedlichen Einrichtungen und Ebenen der Erwachsenenbildung in unserer Kirche sehe. Zunächst einmal gilt für alle gleichermaßen, dass sie sich als Teil des Ganzen sehen und also um Vernetzung – oder zumindest um Abstimmung der Angebote – bemüht sein sollten. Gerade heute, wo die personelle und finanzielle Ausstattung aller Arbeitsbereiche unserer Kirche immer wieder überprüft werden müssen, heißt das oberste Gebot für mich „Vernetzung und Kooperation“. Gleichwohl können und sollen die einzelnen Einrichtungen natürlich auch – abgestimmt im Konzert des Ganzen – eigene Schwerpunkte entwickeln, je nach Person und Region. Grundsätzlich meine ich aber, dass unsere überregionalen Bildungseinrichtungen, seien sie nun im Rahmen eines Dekanats oder auch landesweit, immer noch ein so flächendeckendes Netz bilden, dass nicht unbedingt auch noch jede Kirchengemeinde ein breit gefächertes Angebot im Repertoire haben muss. Insbesondere dann nicht, wenn die gemeindliche Erwachsenenbildung zu Lasten der Arbeitszeit des Pfarrers, der Pfarrerin gehen sollte. Denn wenigstens dies ist im Rahmen der gottlob nun abgeschlossenen Haushaltskonsolidierung deutlicher denn je geworden: Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer sollten sich, wo immer es möglich ist, auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Sicherlich ist das einfacher gesagt als getan – aber gerade im Bereich der Erwachsenenbildung sehe ich eigentlich nicht, warum die Kollegen in der Gemeinde Zeit und Energie investieren sollten, wenn es in erreichbarer Nähe gute überregionale Angebote gibt. Das ist keine Absage an die Wichtigkeit der Erwachsenenbildung, sondern vielmehr der Wunsch, sie dort zu konzentrieren, wo sie professionell und vernetzt qualitativ hochwertige Angebote für möglichst viele Interessierte stellen kann.

3. Evangelische Erwachsenenbildung – Strukturen und Ressourcen

Wie Sie wissen, bin ich als Landesbischof für Strukturen und Ressourcen der Evan-gelischen Erwachsenenbildung im Grunde noch weniger zuständig als für die Dinge, nach denen Sie in den ersten beiden Blöcken der Veranstaltung gefragt haben. Denn insbesondere über die Bereitstellung der Ressourcen entscheidet ja die Synode. Dennoch verrate ich wohl nichts Neues, wenn ich sage, dass unsere Kirche sicher-lich ein Interesse daran hat, flächendeckend die Struktur der Evangelischen Erwach-senenbildung aufrecht zu erhalten. Freilich muss geklärt werden, was „flächendeckend“ dabei heißt. Im Moment sind ja fast alle Dekanate mit Bildungswerken versorgt – auch, wenn manche Dekanate dabei ihre Versorgung durch Kooperation mit dem Nachbardekanat sichern. Und hier und dort lassen sich sicherlich solche Kooperationen noch verstärken. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass es gelingen wird, diese gute Abdeckung zu erhalten. Aber wie gesagt: Für die Verteilung der Finanzen bin ich nicht zuständig.

Man braucht auch kein Prophet zu sein, um zu erahnen, dass der Beitrag der Landeskirche zur Evangelischen Erwachsenenbildung im Rahmen der nächsten Landesstellenplanung wohl kaum aufgestockt werden wird. Denn trotz inzwischen wieder vergleichsweise guter Finanzlage müssen wir weiterhin gut haushalten. Die Zahl der Evangelischen – und damit auch die Zahl der Kirchensteuerzahler – wird auch in Bayern noch deutlich zurückgehen; wenngleich der Rückgang im Vergleich zum restlichen Bundesgebiet wohl nicht ganz so drastisch sein dürfte. Und weniger Evangeli-sche heißt weniger Einnahmen – und damit natürlich auch eher weniger als mehr Personal, das finanziert werden kann. Ein realistisches Ziel wäre es daher vielleicht eher, die gegenwärtige Ausstattung zu erhalten – denn eine Erhöhung seitens der Landeskirche wird es kaum geben können.

Aber natürlich werden den einzelnen Regionen Spielräume erhalten bleiben, die sie auch zugunsten der Erwachsenenbildung nutzen könnten. Die Einrichtung von „Regionalen Einsatzstellen“, kurz RE-Stellen, hat sich bewährt. Einige von ihnen werden heute schon der Erwachsenenbildung gewidmet – wie das in Zukunft aussieht, ist allein Sache der Dekanatsbezirke. Dort müssen Sie als im besten Sinne des Wortes Lobbyarbeit für die Erwachsenenbildung treiben. Wo dies nützt können Sie sich dabei gerne auf das Wort des Landesbischofs berufen.

Last but not least haben Sie mich noch darauf hingewiesen, dass die CSU-Landtagsfraktion eine Erhöhung der staatlichen Förderung der Erwachsenenbildung um 2 Mill. Euro angekündigt hat, das entspricht fast 13% des derzeitigen Budgets. Ihre Frage dazu ist, ob dies auch ein Ansporn für die Landeskirche ist, selbst ihren finanziellen Beitrag zur Finanzierung der Evangelischen Erwachsenenbildung aufzu-stocken. Wie gesagt: Die Finanzen sind Sache der Synode. Aber unabhängig davon, dass ja noch in den Sternen steht, ob die Landtagsfraktion sich mit ihrem Vorhaben überhaupt durchsetzen kann, möchte ich doch anmerken, dass es vielleicht nicht immer ratsam ist, alles mitzumachen, was der Staat vollzieht. Denn vor zwei Jahren etwa standen staatlicherseits gewaltige Kürzungen an, die unsere Einsparungen bei weitem übertroffen haben. Da würde ich doch sagen, dass es besser ist, eine vielleicht zunächst geringere, aber dafür verlässliche eigene Finanzierung zu haben als sich den großen Schwankungen anderer Institutionen auszusetzen. In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie den bisherigen Beitrag der ELKB zur Evangelischen Erwachsenenbildung nicht als defizitär, sondern als solide Basis betrachten können. Aufstockungen von Finanzen werde ich jedenfalls grundsätzlich in keinem Bereich unserer Kirche das Wort reden. Denn langfristig müssen wir weiter einsparen!

Gestatten Sie aber, dass ich nicht mit einem Wort zum fehlenden Geld mein State-ment beschließe. Lassen Sie mich deshalb noch ein paar Sätze zu der These sagen, dass Glaube Bildung braucht.

Soviel dürfte klar sein: Bildung kann den Glauben nicht ersetzen, aber der Glaube Bildung eben auch nicht. Glaube braucht Bildung, so wie die Bildung des Glaubens bedarf. Das zeigte sich schon in den Anfängen der Reformation. Philipp Melanchthon, auf den ich schon zu Anfang zu sprechen kam, war der Bildungsstratege der Reformation. Damals studierten viele Theologie, um sich der Heilsfrage zuzuwenden. So wie heute nicht wenige das Studium der Theologie aufnehmen, um ihre eigenen Glaubensprobleme zu lösen und schon in den ersten Semestern in die Fächer der „Praktischen Theologie“ einsteigen, ohne sich lang um exegetische, kirchengeschichtliche oder gar dogmatische Knochenarbeit zu mühen.

Für Melanchthon war dies ein Greuel. Er verlangte zunächst ein Grundstudium für alle vor allem in den Fächern Grammatik und Logik. Erst die Kenntnis der Sprachen verhülfe dem Geist zu Urteilskraft, ohne die es überhaupt nicht gehe.

Dies gilt nach wie vor. Der Glaube braucht Kriterien, um die Spreu vom Weizen zu scheiden und nicht jedem Scharlatan oder Sektenfündlein auf den Leim zu gehen. Aus dieser Erkenntnis heraus hat die Reformation konsequent Schul- und Universitätsgründungen betrieben. Aus dem gleichen Grund wird bis heute die Bildung des Glaubens durch sprachliche Einübung im Religionsunterricht, im Konfirmandenunterricht, aber eben gerade auch in der Erwachsenenbildung gefordert und gefördert. Dies gehört zum Pflichtauftrag der Kirche.

Glaube ist auf Bildung angelegt. Dass unsere Kirche dies bejaht, zeigt sich in der Bedeutung, die wir unserer Bildungsarbeit zumessen. Ich danke Ihnen allen sehr für Ihr Engagement in diesem Bereich, dass Sie dazu beitragen, dass immer mehr Menschen dem „Bild Gottes“ näher kommen als sittliche, vernünftige, freie und selbstbewusste Christenmenschen.