"Come over and help us..."
3 Jahre als Hochschulpfarrer in Bristol, UK. Bericht über ein Ökumenisches Projekt
Vorgeschichte:
Noch getrennt unterzeichneten die Evangelischen Kirchen in der DDR und die EKD 1989 ein Papier über die zukünftige engere Zusammenarbeit mit der Kirche von England. Man verabschiedete ein Papier guten Willens trotz verbleibender theologischer Unterschiede vor allem im Verständnis des Amtes, das auf den langen guten Beziehungen und Gemeindepartnerschaften der Vergangenheit aufbauen konnte. Es gibt jährliche Konsultationen der EKD und der Church of England, die so manches Projekt inspirierten.
1999 suchte die Diocese of Bristol einen Universitätsseelsorger für die Universität von Bristol und konnte in den eigenen Reihen niemanden finden. Der Bischof Barry Rogerson fragte daher auf gut Glück in der bayerischen Evangelisch-Lutherischen Kirche an, mit der es in Coventry schon jahrelange Kooperation in der Studierendenseelsorge gab. Sabine und Dirk Dempewolf bewarben sich und begannen ihren Dienst als stellenteilende Pfarrer lutherischen Bekenntnisses für die anglikanische Diocese im September 1999 für drei Jahre.
Eindrücke:
Programm und Präsenz -
Die Säkularisierung in England scheint bedeutend weiter fortgeschritten zu sein als in Bayern. Manchmal erschien uns, was wir beobachten und erleben, wie ein Blick in die Zukunft zu sein, wenngleich man mit Vergleichen selbstverständlich vorsichtig sein soll. Sicher sind unsere Einsichten in dieser Hinsicht auch stark durch die Arbeit im säkularen Umfeld der Universität geprägt. Deutlich sind Gottesdienst und Gebet das Zentrum der Gemeinde. Sozialen Aktivitäten (von denen in Bayern viele im Gemeindehaus stattfinden) kann man ohnehin sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche nachgehen. Sie machen keine spezifisch christliche Identität aus in einem Land, in dem soziales Engagement für die Mittelschicht noch oftmals selbstverständlich ist. Aber gerade nach christlicher Identität streben die Gemeinden und auch Sonderpfarrämter hier.
So mischen sich die Leitbilder: einerseits eine traditionelle, auf Gottesdienst zentrierte Gemeinde, mit Familienstruktur und hohem Bindungsgrad ihrer Mitglieder. Andererseits das Selbstverständnis, die rufende Stimme in der Wildnis zu sein. Kirche besinnt sich sehr auf ihre geistliche Kernkompetenz und ist in dieser Hinsicht kreativ, innovativ und vielfältig. Der hiesige Schwerpunkt der Präsenz hat uns drei Punkte deutlich gemacht. Für den Gemeindeaufbau ist Gastfreundschaft essentiell. Zum Einen laden die Gemeindeglieder untereinander sich ein und nehmen Anteil an ihrem Leben. Zum Anderen ist im Pfarrhaus der Tisch häufig für Menschen aus und um die Gemeinde, vor allem für Neuankömmlinge oder Besucherinnen und Besucher gedeckt. Dies wirkt erst einmal altmodisch und entspricht nicht dem allgemeinen Trend zur Privatisierung des Pfarrhauses, und doch ein sehr effektives Mittel der Mitgliederpflege. Seelsorge geschieht oft "im Vorübergehen". Da die christliche Gemeinde und der Sonderseelsorger an vielen Orten präsent sind, können unerwartete Kontakte geknüpft werden. Die Bereitschaft, auch auf einer Dinnerparty oder nach einer Vorlesung für die seelsorgerlichen Bedürfnisse eines Menschen da zu sein, wird öfter angenommen als feste Sprechzeiten mit vereinbarten Terminen.
Aus derartigen spontanen Begegnungen erwachsen häufig längere seelsorgerliche Beziehungen. Im großen Angebot der Beratungseinrichtungen drehen diese sich dann tatsächlich oft um geistliche Themen. Die Rolle des Seelsorgers verschmilzt da manchmal mit der Lehrer/in.
Was bringen wir mit zurück nach Bayern?
"come over and help us" - war der Auftrag unter dem wir 1999 in Bristol ankamen.
Der durch die Meißener Erklärung gesteckte Rahmen hat sich für uns als hilfreich erwiesen. Er zeigt, wie Dokumentenökumene praktische ökumenische Erfahrungen ermöglicht. Wir werden diese Beobachtung mitbringen.
Der Spagat in einer zutiefst spirituellen Kirche in deren säkularen Sektor tätig zu sein war eine zunächst verwirrende, dann bereichernde Erfahrung. So sehr die anglikanische Kirche sich einerseits auf ihre geistliche Kernkompetenz beruft, und deutlicher als deutsche evangelische Kirchen diesen Bereich ausübt, so sehr ist andererseits die Hochschulseelsorge bedeutend säkularer als ESG Arbeit in Deutschland. Es resultiert daraus für uns ein gewachsenes Bewußtsein für den Auftrag Kirche in der Welt zu sein.
Gottesdienst und Gebet als Zentrum der Gemeinde zu sehen scheint in Deutschland ein Modell früherer Jahrzehnte zu sein. Und doch stellt sich uns die Frage, ob dieses Leitbild sich nicht auf postmoderne Gemeinde und Sozialstrukturen in deutschen Gemeinden anwenden laset. Nicht mit rückwärtsgewandter Gemeindetheologie, sondern im Bewußtsein des Auftrages Gottes für seine Kirche im 21sten Jahrhundert in der Lebenswirklichkeit des 3. Jahrtausend nach Christi Geburt.
Pfarrerin und Pfarrer Sabine und Dirk Dempewolf, 1999-2002 in Bristol, jetzt Augsburg
Den ausführlichen Bericht können Sie sich hier herunterladen: download


