Bayerische Eindrücke von Teilnehmenden der ELKB an der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Winnipeg im Juli 2003
Landesbischof Dr. Johannes Friedrich
Als ausgesprochen bereichernd habe ich Winnipeg erlebt. Es ist gut, sich immer wieder dessen zu vergewissern, dass wir Lutheraner eine Weltkirche sind - nicht zentralistisch, nicht hierarchisch, aber doch als eng verbundene Gemeinschaft von Kirchen aus allen Teilen dieser Erde. Alle bringen ihre Erfahrungen und ihre Fragen ein. Aber uns verbindet das gemeinsame Bekenntnis, das gemeinsame Verstehen der Heiligen Schrift als Zeugnis vom gnädigen Gott, dem wir recht sind nicht, weil wir vor Gott aus eigener Kraft bestehen könnten, sondern weil er statt auf unser Versagen auf das Kreuz Christi schaut: gerecht gesprochen allein aus Gnade durch den Glauben um Christi willen. Mir scheint wichtig, Überlegungen darüber anzustellen, wie die Gemeinschaft zwischen den lutherischen Mitgliedskirchen des LWB intensiver gestaltet werden kann. Wenn wir den Dialog mit den anderen Konfessionsfamilien und Rom verstärken wollen, wäre es gut, wir könnten in manchen Punkten mit weniger verschiedenen Stimmen sprechen.
Das Grußwort von Kardinal Kasper in Winnipeg hat erneut bestätigt, welch hohen Stellenwert die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" für die Beziehungen zwischen unseren Kirchen hat. Das zentrale Thema der Reformation bildet weiterhin das Profil unserer Kirchen, es wirkt sich aber seitdem nicht mehr kirchentrennend aus.
Pfarrerin Julia Helmke
Viele Eindrücke, Anstöße sind mir geblieben: Die Erfahrung von Zusammengehörigkeit zwischen den Aufgaben vor Ort und dem weltweitem lutherischen Christsein. Die Anfrage nach einer verantwortlichen und verbindlichen Gemeinschaft in der weltweiten Ökumene, wie das gelebt werden kann, wenn die gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Themen und Probleme so groß und so unterschiedlich sind. Wie Gemeinschaft theologisch verstanden und verankert werden kann.
Von den vielen Aspekten, die das Vollversammlungsthema "Zur Heilung der Welt" beinhaltet - Gerechtigkeit in Familien, Lebensformen, Überwindung von Gewalt, Globalisierung, Bewahrung der Schöpfung, konfessionelle Ökumene und das Zusammenleben der Religionen, bin ich beeindruckt und seitdem ich aus Winnipeg zurückgekehrt bin viel aufmerksamer für das Thema "Heilung".
Es begegnet mir an ganz verschiedenen Stellen: In der Gottesdienstvorbereitung, Lesungen und Predigttexten,in der Vorbereitung zu einem Seminar über die Darstellung von behinderten Menschen in den Medien, in Gesprächen und dem öffentlichen Diskurs.. Ich nehme wahr, dass Menschen sich danach sehen, dass etwas in ihrem Leben geheilt wird, dass es heile Lebensräume und -zeiten für sie geben kann.
Sie seien auf der Suche, höre ich, da so viel unheil sei, die Orientierung breche weg. Wie gehen wir als Christinnen und Christen, als Kirche mit dieser Sehnsucht um? Was können wir sagen, wie hier seelsorgerlich begleiten? Eine Frage, die für mich im gottesdienstlichen Bereich angesiedelt ist, die aber doch auch weit darüber hinaus reicht. Hier weiterzuarbeiten, sehe ich als eine mögliche und wichtige Aufgabe.
Ökumenereferent Kirchenrat Ivo Huber
Ein bisschen Heilung titelte die Süddeutsche Zeitung, so als wäre das Leitmotiv "Für die Heilung der Welt" vom Lutherischen Weltbund (LWB) für die Vollversammlung zu vollmundig gewählt worden. Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen. Wie sehr diese Heilung der Welt selbst in Kanada, dem gastgebenden Land der Vollversammlung, nötig ist, machten die vielen leeren Plätze auf der Vollversammlung deutlich. Von ca. 400 Delegierten konnten an die 50 nicht einreisen, weil die kanadische Einwanderungsbehörde wohl an der Ehrlichkeit von deren Absichten zweifelte. Die Vollversammlung nahm ihre Arbeit verwundet auf, ein geradezu exemplarisches Geschehen, das den Brennpunkt der Arbeit des LWB, Hilfe in der Not zu vermitteln, unmittelbar deutlich werden lies. Die Abschottung und die Abgrenzung der ersten von der dritten Welt, die oftmals sehr einseitige Globalisierung war mit Händen zu greifen, auch wenn die Konferenz sicherlich keine Allheilmittel zu bieten hatte und in vielem hilflos wirkte, trotzdem die christliche Vision, das Evangelium zu verkünden mit Worten und Händen wollte man sich nicht nehmen lassen, ja sie war der Motor nicht locker zu lassen, allen Widrigkeiten zum Trotz.
Die Organisation der Mammutveranstaltung war erstaunlich gut vorbereitet, und dadurch dass die inhaltliche Arbeit in Dorfgruppen geschah, konnten sich die Delegierten insgesamt problemlos in die Debatten einbringen. Wer wollte, konnte sich einbringen und blieb nicht außen vor, das gab der Vollversammlung ein geschwisterliches Gesicht.
Erstaunlich war, dass das Thema Globalisierung, von dem viele dachten, er würde zum zentralen Thema der Vollversammlung werden, eher domestiziert und am Rande zur Sprache kam. Das zentrale Thema, an dem die Vollversammlung, beinahe scheiterte, hieß Homosexualität. An diesem Thema wurden die tiefen kulturellen und ethnologischen Differenzen zwischen der "westlichen Welt" und Afrika manifest, die Schwierigkeit überhaupt das Thema Sexualität anzugehen, ein Tabu, das auch der Auseinandersetzung mit der Pandemie HIV/Aids im Weg steht. Sicher, man hat sich am Schluss auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, immerhin, aber für ein Zukunftsprogramm in keiner Weise hinreichend. Als letztes sei angemerkt, dass Winnipeg die erste Vollversammlung des LWB nach so bedeutsamen wie umstrittenen Vereinbarungen wie der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre mit der Römisch-katholischen Kirchen und "Called to common mission" zwischen den US-amerikanischen Lutheranern und Anglikanern war. Die Fortschritte in der Ökumene wurde trotz vereinzelter kritischer Anmerkungen insgesamt begrüßt und vereinbart auf diesem Weg in den Region, aber auch auf Ebene der lutherischen Weltgemeinschaft weiter kräftig auszuschreiten.
Vikar Roger Schmidt, Jugenddelegierter
Zwischen Faszination und Enttäuschung bewegen sich meine Erinnerungen an Winnipeg. So hatte ich viele gute Begegnungen, interessante Diskussionen und habe neue Freundinnen und Freunde auf der ganzen Welt. Wir sind uns als Christinnen und Christen begegnet und haben gemeinsam Gott um die "Heilung der Welt" angefleht. Auch die Texte und Beschlüsse können sich zum größten Teil durchaus sehen lassen.
Der Vollversammlung ist es aber nicht gelungen, eine klare Tagesordnung für die weltweite lutherische Gemeinschaft zu setzen. Ich befürchte, der Grund dafür liegt in einem kirchlichen Nord-Süd und West-Ost Konflikt. Die Hilfszusagen aus dem Norden stagnieren, westliche Sprachen beherrschen das Konferenzgeschehen und Delegierte aus dem Süden durften noch nicht einmal nach Kanada einreisen.
Deswegen verbrachte die Konferenz den Großteil ihrer Zeit damit, darüber zu reden, was wir nicht gemeinsam tun können: Über die seelsorgerliche Begleitung Homosexueller - ein Anliegen vor allem aus dem Norden - wurde stundenlang erbittert gestritten. Eine Einigung war nicht möglich. Das Ergebnis ist, dass noch nicht einmal das Wort Homosexualität in den Beschlüssen vorkommt.
Bei anderen Themen wir Aidsbekämpfung, ökumenische Vorhaben und das Missionsverständnis kam es zu keiner ausführlichen Diskussion im Plenum. Insbesondere dem konkreten Beitrag der lutherischen Weltgemeinschaft zu einer gerechteren Weltwirtschaft wurde nicht genügend Zeit eingeräumt.
Als Fazit bleibt: Winnipeg kann nur zum Erfolg werden, wenn wir zu Hause kraftvoll an den Themen weiterarbeiten, die bei der Vollversammlung nur angerissen wurden. Das wäre wirklich faszinierend.


