Kirchen im Gespräch: Die orthodoxen Kirchen

Die vergessenen Kirchen im Tur Abdin und Nordirak

Das bayerische und württembergische Engagement für die assyrischen Christen

Im Südosten der Türkei, umgrenzt vom Lauf des Tigris, nach Süden steil abfallend zur mesopotamischen Ebene und zur syrischen Grenze, erhebt sich auf einer Höhe zwischen 600 und 1.200 Metern der Tur Abdin, das Bergland der "Knechte Gottes". Die Bevölkerung dort, die sich seit dem Ende des 3. Jahrhunderts zum Christentum bekennt, spricht bis heute Aramäisch, die Sprache Jesu. 
 

Eindrücke aus dem Tur Abdin, Alle Fotos: ÖRDer Patriarch der Syrisch-Orthodoxen Kirche, Mar Ignatius Zakka Ivas I., bezeichnete den Tur Abdin als die "Wurzel der syrischen Christen". Vor allem das dortige Hauptkloster, Mar Gabriel, war über mehr als 1.600 Jahre das geistliche Zentrum der "Jakobiten", wie die syrisch-orthodoxen Christen nach ihrem wichtigsten Bischof Jakob Barradäus auch genannt werden. In seiner Blütezeit lebten und beteten im Kloster Mar Gabriel mehr als 1.000 Mönche. Heute sind es noch zwei. Außerdem leben dort einige Nonnen und etwa 30 Schüler, die in der nahegelegenen Stadt Midyat eine staatliche Schule besuchen. Eine religiöse Erziehung im Kloster oder der Unterricht in Aramäisch ist den Mönchen offiziell nicht erlaubt.

Die Christen im Tur Abdin hielten im Grenzgebiet des byzantinischen Reiches der Invasion der muslimischen Araber stand und überstanden den Mongolensturm. Im Osmanischen Reich wurden sie als Millet, als ethnisch-religiöse Minderheit mit begrenzter Selbstverwaltung geduldet. Sogar der versuchte Genozid an den Armeniern 1914 bis 1918, dem auch eine halbe Million Jakobiten zum Opfer fielen, konnte das geistliche Leben im Tur Abdin nicht zerstören. Heute aber scheint das Ende der langen christlichen Tradition im Tur Abdin kaum noch verhinderbar zu sein. Nachdem im Lausanner Vertrag von 1923, der die Minderheitenregelung des osmanischen Reiches für die Türkische Republik fortschreiben sollte, die syrisch-orthodoxen Christen keine Erwähnung fanden, hat ihnen der türkische Staat nicht einmal die Minderheitenrechte zugebilligt, die Armeniern, Griechen und Juden als Bürgern zweiter Klasse eingeräumt waren. Dazu kam die schwierige politische Lage im Südosten der Türkei: Vom Bergland des Tur Abdin aus führte die kurdische PKK ihren Guerilla-Kampf gegen die Türkei. Die Christen vor Ort gerieten zwischen die Fronten der Kriegsparteien. Es kam zu einem Teufelskreis: Viele Familien wanderten nach Deutschland, Westeuropa oder die USA aus, um der Diskriminierung zu entfliehen, die verbleibenden Christen wurden immer schwächer, sich im Umfeld von PKK, fundamentalistischen Muslimen und türkischem Militär zu behaupten. Heute leben kaum noch 1.500 Christen im Tur Abdin.

Tur Abdin, Foto : ÖR"Ich habe keine Herde mehr", klagt der Erzbischof des Tur Abdin, Mar Timotheos Samuel Aktas. Bei einem Besuch der Orthodoxie-Kommission der Evang.-Luth. Kirche in Bayern 1995 wurde den Teilnehmern die historische Dimension dieser Auswanderung aus einem der ältesten christlichen Gebiete bewusst. Durch die Hilfe verschiedener kirchlicher Organisationen war die Bausubstanz des Klosters Mar Gabriel und die Infrastruktur einiger Dörfer zwar schon verbessert worden. Das Diakonische Werk (DW) mit "Kirchen helfen Kirchen", zusammen mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), das Referat "Katastrophenhilfe" des DW und "Brot für die Welt" hatten erste Projekte bereits durchgeführt. Eine längerfristige Perspektive für den Tur Abdin zeichnete sich aber damals noch nicht ab.


 Tur Abdin, Foto : ÖRIn enger Kooperation mit den kirchlichen Hilfswerken arbeitete der "Solidaritätskreis Tur Abdin", eine ökumenische Initiativgruppe von in Deutschland und Österreich lebenden Jakobiten mit evangelischen und katholischen Christen. Pfr. Horst Oberkampf und Prof. Hans Hollerweger, die die Arbeit des Solidaritätskreises koordinieren, gaben durch ihren unermüdlichen Einsatz auch die Initiative für die bayerische und die württembergische Landeskirche, sich für die Christen im Tur Abdin zu engagieren. Spendenaktionen wurden in den Gemeinden ausgerufen, größere Mittel für dringende Projekte wurden zur Verfügung gestellt, viele kleine und größere Projekte (Unterstützung armer Familien, Wiederaufbau und Renovierung von Kirchen usw.) wurden in Angriff genommen. Alle Hilfsmaßnahmen werden seit 1995 zwischen den beiden Landeskirchen und dem Solidaritätskreis abgestimmt, der wiederum bemüht ist, Kontakt zu halten mit Bischof Timotheos und wichtigen Stellen vor Ort.


 
Tur Abdin, Foto : ÖRVerschiedene Faktoren ließen den letzten Jahren wieder Hoffnung aufkeimen, dass das christliche Leben im Tur Abdin eine Zukunft haben könnte. Der bewaffnete Kampf des türkischen Militärs mit der PKK scheint beendet zu sein. Die Türkei gibt sich im Zuge der Annäherung an die EU im Umgang mit ihren Minderheiten etwas offener. Übergriffe hat es schon länger nicht mehr gegeben. Auch kirchliche Würdenträger sprechen nicht mehr von "Abwanderung", sondern erstmals wieder von "Rückwanderung". Die Zahl der Besucher und Besucherinnen aus dem Ausland hat im Tur Abdin so stark zugenommen, dass die Klöster mit dem Ansturm überfordert sind. Dennoch gibt es bei allen Engagierten, dem Solidaritätskreis und den Landeskirchen genauso wie innerhalb der syrisch-orthodoxen Kirche, verschiedene Einschätzungen über die zukünftigen Möglichkeiten und Ziele auswärtiger Hilfe:

 

  • Sollen die im Ausland leben syrisch-orthodoxen Christen zur Rückkehr eingeladen werden? Teilweise leben sie schon lange außerhalb des Tur Abdin und haben ihr Leben und ihre Gemeinden in anderen Ländern aufgebaut. Zudem würde der Abschiebe- und Ausreisedruck durch die deutschen Behörden nach einer solchen Einladung zur Rückkehr evtl. erhöht werden.
  • Kann die rechtliche und wirtschaftliche Lage im Tur Abdin schon als sicher bezeichnet werden? Es gibt vom türkischen Staat bisher keine verbindlichen Garantien und Zusagen. Ebenso ist der Lausanner Vertrag noch nicht offiziell auf die syrische Christenheit ausgeweitet worden.
  • Ist Hilfe durch fremde Kirchen noch erwünscht? Die leidvolle Erfahrung der syrischen Kirche mit protestantischen Missionaren im 19.Jhd. muss beim Engagement der evangelischen Landeskirchen mitbedacht werden. Ängste sind vielfach lebendig und verständlich. Die US-amerikanischen Missionare hatten eine "biblische" Reinigung der "im Ritual erstarrten" Ostkirchen versucht, um diese Kirchen dann als Sprungbrett für die Islam- und Judenmission zu benutzen. Sie erreichten nur die (ungewollte) Spaltung und die Schwächung der Ostkirchen. Bis heute finden sich in Dörfern der syrischen Christenheit neben der orthodoxen Kirche gelegentlich auch protestantische Kirchen aus dieser Zeit.

Tur Abdin, Foto. ÖRÜber diese Fragen sucht die Solidaritätsgruppe und die Landeskirchen momentan das Gespräch mit den verschiedenen Repräsentanten der syrisch-orthodoxen Kirche. Die Verständigung über die Fragen wird mitentscheidend sein, wie das zukünftige Engagement aussehen wird.

Schon beim Informationsbesuch der bayerischen Delegation 1995 war auch das christliche Siedlungsgebiet südlich der Grenze im Blick, die alliierte Schutzzone im Nordirak. Dort leben seit vielen Jahrhunderten neben den Jakobiten auch Gläubige der Apostolischen Kirche des Ostens (oft auch Nestorianer genannt) und Chaldäer, Angehörige der mit Rom unierten Orientalischen Katholischen Kirche des ostsyrischen Ritus. Als Saddam Hussein im zweiten Golfkrieg 1991 auch gegen die Minderheiten im Norden des Irak vorging, war in der Presse meist nur von kurdischen Flüchtlingen und Opfern die Rede. Die vielen christlichen Assyrer, die im Nordirak unter Hussein zu leiden hatten, wurden vergessen.

Die Delegation wollte in dieses Gebiet vom Tur Abdin aus einreisen, erhielt dafür vom türkischen Außenministerium aber keine Genehmigung. So traf man sich mit Vertretern von christlichen Organisationen (CAPNI - Christian Aid Program Northern Iraq u.a.) und politischen Parteien (ADM - Assyrian Democratic Movement u.a.) aus dem Nordirak auf türkischem Boden. Sie sind seither die Hauptkooperationspartner bei den schwierig durchzuführenden Hilfsprojekten im Nordirak. Die Kirchenleitungen sitzen, bis auf den chaldäischen Bischof Hanna von Dohuk, alle außerhalb des Gebietes und haben selbst nur schwer Zugang zu ihren Gläubigen.

Tur Abdin, Foto : ÖR1997 und 1999 gelangen zwei Besuche in den Nordirak über Syrien. Dabei wurde deutlich, dass die Hilfsmaßnahmen vor Ort verschiedenen Konzepten folgen, die sehr unterschiedliche Konsequenzen haben. Einige internatonale Organisationen haben begonnen, Dörfer zu errichten, ohne allerdings die historischen Siedlungsstrukturen zu berücksichtigen. Den Menschen wird da ein Dorf gebaut, wo sie sich im Moment als Flüchtlinge befinden. Diese Konzeption übersieht, dass die konfessionelle und religiöse Nachbarschaft in der Region deshalb jahrhundertelang friedlich war, weil die einzelnen Gruppen ihre festgelegten und gegeneinander abgegrenzten Lebensbereiche hatten.
Die Maßnahmen der ortsansässigen Organisationen, mit denen auch die bayerische und die württembergische Landeskirche und der auch hier sehr engagierten Pfr. Horst Oberkampf mit seiner Kirchengemeinde kooperieren, orientiert sich an den alten Siedlungsstrukturen. Sie sind ganz bewusst darum bemüht, neben den Häusern und der Infrastruktur auch die alten Kirchen und Gemeindehäuser aufzubauen. Für die Befriedung und den Wiederaufbau dieser Region scheint dieser Weg den Bedürfnissen der Menschen und der Identität der Konfessionen und Religionen besser zu entsprechen.

Zusammen mit der Katastrophenhilfe des DW haben die Landeskirchen mit vergleichsweise geringen Beträgen die Arbeit vor Ort unterstützen können. Der Wiederaufbau einer Kirche ist mit Material und Handwerkern vor Ort für € 15.000,- möglich, Unterstützung für landwirtschaftliche und medizinische Projekte können schon mit einigen Tausend Euro realisiert werden.

Vieles mag ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Viel wichtiger aber ist das Zeichen an die Christen im Nordirak und im Tur Abdin, dass die orientalischen Kirchen nicht vergessen sind und dass ihnen unsere Hilfe und unser Gebet gilt.

Thomas Prieto Peral
Kirchenrat
Referent für Konziliaren Prozess und Ökumene
im Landeskirchenamt der Evang.-Luth. Kirche in Bayern