Die Selbsterhaltungstherapie (SET)

von Barbara Romero

Die Selbsterhaltungstherapie ist ein integratives Konzept, in das unterschiedliche therapeutische Bausteine und Behandlungsprogramme in modifizierter Form eingegangen sind. Zu diesen Modulen gehören unter anderem Verfahren, die noch erhaltene kognitive, emotionelle und soziale Kompetenzen unspezifisch stimulieren, zum Beispiel beim gemeinsamen Singen, Spielen, Rätsel lösen oder Sprichwörter ergänzen. Solche Gruppenaktivitäten sind hilfreich, wenn der Einzelne sich persönlich wahrgenommen fühlt und ein übender bzw. belehrender Charakter vermieden wird. Spezifisch stimulierende Verfahren aktivieren gezielt lebensgeschichtlich verankerte Erinnerungen (Erinnerungstherapie).

Programme, die zur Verbesserung der Kommunikation entwickelt wurden, richten sich häufiger nicht an die Kranken selbst, sondern an ihre Kontaktpersonen. Angehörige sollen lernen, Defizite durch ein angemessenes Kommunikationsverhalten soweit wie möglich zu kompensieren und dem Kranken ein Gefühl von Kompetenz und Wertschätzung zu vermitteln. Dazu dient die Methode der Validation genauso wie die Milieutherapie. Eine adäquate Beschäftigung von Demenzkranken stellt eine Voraussetzung für die Optimierung der Leistungsfähigkeit und Stabilisierung der Stimmung dar. Eine lebensgeschichtliche Verankerung der Aktivitäten ist ebenso zu empfehlen wie eine Berücksichtigung der aktuellen Interessen, Stärken und Grenzen des Kranken. Es sollte vermieden werden, dass die Aktivitäten Trainingscharakter bekommen.

Besonderen Wert haben Beschäftigungen, die kreative Impulse vermitteln und nicht leistungsorientiert sind. Dafür haben sich Kunst- und Musiktherapie besonders bewährt. Diese Ansätze bieten Möglichkeiten für psychotherapeutische Hilfestellungen, die in konkreten Situationen verankert und dadurch für Kranke mit Demenz besonders geeignet sind. Klassische Verfahren der Gesprächspsychotherapie und der Verhaltenstherapie haben bei Demenzkranken nur eine beschränkte Bedeutung. In den frühen Phasen können stützende Einzel- oder Gruppengespräche eine Hilfe sein, um sich auf die Krankheitsfolgen einzustellen. Verhaltenstherapeutische und pflegerische Erfahrungen helfen z.B. bei Schlafstörungen oder bei aggressiven Reaktionen.

Die Selbsterhaltungstherapie reflektiert die Prioritäten der Therapieziele und ermöglicht es, aus einzelnen Verfahren Therapieprogramme so zusammenstellen, dass individuelle Bedürfnisse und vorhandene Ressourcen berücksichtigt werden. Die SET stellt eine Stabilisierung der Person (des Selbst) und damit der jeweils noch erhaltenen kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen in den Vordergrund der unterstützenden Maßnahmen. Defizitorientierte Trainingsprogramme, die eine Verbesserung des Gedächtnisses, der Orientierung oder der Wortfindung durch ein aufwendiges Üben anstreben, werden dabei nicht empfohlen.

Zu Selbst-stabilisierenden Erfahrungen gehören vor allem:
• Bestätigende Kommunikationsformen, bei denen die Gesprächspartner ihre Übereinstimmung mit Vorstellungen und Erwartungen des Kranken vermitteln,
• eine verstärkte Bezugnahme auf die persönlichen Erinnerungen in alltäglichen Erfahrungen,
• eine alltägliche Teilnahme an Aktivitäten, die weder unter- noch überfordernd sind.

Die therapeutischen Bausteine werden in der Selbsterhaltungstherapie so gewählt und adaptiert, dass sie dem übergeordneten Ziel entsprechen. So wird z. B. die Erinnerungstherapie als eine in den Alltag integrierte systematische Beschäftigung mit den noch vorhandenen und aktuell bedeutenden Erinnerungen praktiziert. Dabei wird Wert auf subjektive Stimmigkeit der Erinnerung für den Kranken gelegt; von Korrekturen und übenden Ansätzen wird Abstand genommen. Bestätigende Kommunikationsformen wie auch verstehende, wertschätzende Haltung dem Kranken gegenüber ergeben sich sowohl aus dem Validationskonzept als auch aus der Selbsterhaltungstherapie. Dagegen lässt sich die von der Validation postulierte therapeutische Aufarbeitung alter Konflikte im Rahmen der SET nicht begründen und wird nicht empfohlen.

Multimodale Therapieprogramme
Jede Familie, die mit der Diagnose einer Demenz konfrontiert wurde, sollte die Möglichkeit haben, sich auf das bevorstehende Leben mit der Krankheit vorzubereiten. Als besonders geeignet haben sich dafür multimodale Behandlungsprogramme erwiesen, die eine medikamentöse Behandlung mit einer erhaltenden Rehabilitation für Kranke und psychoedukativen Hilfen für Angehörige kombinieren.

Ein in diesem Sinne von mir geplantes vierwöchiges Behandlungsprogramm hat sich seit mehreren Jahren im Alzheimer Therapiezentrum (ATZ) der Neurologischen Klinik Bad Aibling (Tel.: 08061-387910) gut bewährt. Kranke werden in das Programm immer zusammen mit den betreuenden Angehörigen aufgenommen, um die betroffenen Familien auf das bevorstehende Leben mit der Demenz vorzubereiten und damit den Verlauf der Krankheit günstig zu beeinflussen.

Literatur: Barbara Romero, Selbsterhaltungstherapie: Konzept, klinische Praxis und bisherige Ergebnisse. ZfGP 17/ 2004, 119-134.