Die Methode der Validation

von Naomi Feil

Die Validationsmethode, die ich über einen Zeitraum von 40 Jahren klinischer Praxis mit dementen Altersheimbewohnern entwickelt habe,  basiert auf folgender grundlegender Annahme: Im Alter ist die Art, wie ein Mensch gelebt hat, von immenser Wichtigkeit für den physischen Zustands seines Gehirns.

Um das Verhalten alter, dementer Menschen zu verstehen, sucht der Validationsanwender zunächst Antworten auf vier Fragen:
1. In welchem physischen und mentalen Zustand befindet sich der alte Mensch?
2. Wie sahen die früheren menschlichen Beziehungen dieser Person aus?
3. Wie ging der betroffene Mensch bisher mit Krisen und mit der Tatsache seines eigenen Altwerdens um?
4. Wie hat diese Person die menschlichen Entwicklungsaufgaben von der Geburt bis ins hohe Alter bewältigt?

Der Validationsanwender braucht viel Einfühlungsvermögen, um den komplizierten Zusammenhang zwischen auftretenden physischen Verschlechterungen und den psychologischen Bedürfnissen eines alten Menschen wahrzunehmen.

Ein Beispiel:
Ein 90jähriger dementer Mann hat die Kontrolle über sein Sozialverhalten verloren, sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert kaum mehr, er sieht schlecht und hört schlecht. Da er die Gegenwart kaum mehr wahrnehmen kann, zieht er sich in seine Vergangenheit zurück. Zum ersten Mal kommt in dem bisher sanften und beherrschten Mann Wut auf. Nun, im Alter, drückt er Hass-Gefühle gegenüber seinem dominanten Vater aus, die er ein Leben lang zurückgehalten hatte.

Untersuchungen haben ergeben, dass unterdrückte Gefühle einen Menschen geradezu „vergiften” können. Freud, Jung, Erikson und andere haben deutlich gemacht, wie verleugnete Gefühle an Intensität zunehmen und sogar physische Schmerzen verursache können. Der alte Mann tritt mit den Wutausbrüchen in seinen letzten Lebenskampf ein, den der Validationsanwender „Resolution” (Lösung, Auflösung) nennt. Der Validationsanwender hört in respektvoller Haltung zu, denn er weiß: Gefühle, die vor einem Menschen ausgedrückt werden, der mit Empathie zuhört, lösen sich nach und nach auf.

Der alte Mann kämpft unbewusst darum, die schwierige Beziehung zu seinem Vater aufzuarbeiten. Da er nicht mehr logisch denken kann, sein Sehvermögen und Kurzzeitgedächtnis nachgelassen haben, nimmt der alte Mann im Arzt seinen Vater wahr. Der 90jährige beschimpft den Arzt. Der Arzt hört ihm zu und wendet im validierenden Gespräch u.a. folgende Techniken an: Bei der Verwendung der „Polarität” fragt er, was von dem, worüber der alte Mensch klagt, am schlimmsten ist.

So können sich Gefühle ausdrücken. Bei der Orientierung am „bevorzugten Sinn“ verwendet der Validationsanwender gezielt Begriffe aus der Wahrnehmungsebene, auf der sich auch sein Gesprächspartner bevorzugt bewegt und für die er am empfänglichsten ist (z.B: visuelle Ebene: sehen, bemerken, erinnern. Auditive Ebene: hören, klingt wie, ist laut, leise. Kinästhetische Ebene: fühlt sich an wie, spüren, packt mich). Beim „Umformulieren“ wiederholt der Validationsanwender in seiner Antwort Schlüsselworte des alten Menschen, deren emotionale Bedeutung in der Stimmhöhe oder Lautstärke zum Ausdruck kamen.

Durch diese Techniken baut der Validationsanwender eine vertrauensvolle Beziehung auf. Die ausgedrückte Wut verliert nach und nach ihre Stärke. Innerhalb weniger Wochen schimpft der Mann nicht mehr. Er ist gelöst und kann in Frieden sterben.

Nonverbale Validationstechniken, wie der Einsatz von Musik, mimisches Spiegeln und Berührungen können Kommunikation mit alten Menschen ermöglichen, die nicht mehr sprechen können.
Alte Menschen durchlaufen im Ringen um Lösung und Auflösung alter Konflikte (Resolution) vier Phasen:
• Mangelhafte/unglückliche Orientierung
• Zeitverwirrtheit
• Sich wiederholende Bewegungen
• Vegetieren.

Der alte Mensch durchläuft – je nach Fortschreiten des physischen Abbaus – Phase für Phase. Je nach Phase wendet der Validationsanwender angemessene Methoden der Kommunikation und Intervention an. Dabei versucht er zu verhindern, dass der alte Mensch in den Zustand des Vegetierens abrutscht, in dem er alle Bewegungsfähigkeit einbüßt und den Willen verliert, mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Die wichtigsten Ziele der Validationsmethode sind:
1. Die Würde des alten Menschen wiederherzustellen.
2. Angst zu reduzieren.
3. Die noch vorhandenen Kommunikationsfähigkeiten zu steigern.
4. Den inneren Rückzug zu verhindern.
5. Medikamentöse Ruhigstellung abzubauen.
6. Selbständigkeit zu fördern.
7. Verstärkung der Beziehungen zu Verwandten.

Folgende Ergebnisse haben Forscher und medizinisches Personal nach 6 Monaten Validation festgestellt:
1. Die Besuche von Familienangehörigen nahmen zu.
2. Die verbale und nonverbale Kommunikationsfähigkeit nahm zu.
3. Die Kommunikation mit dem Pflegepersonal verbesserte sich.
4. Die Erregung ging zurück.
5. Es wurden weniger Beruhigungsmittel verschrieben.
6. Es kam häufiger zum Ausdruck von Wohlbefinden.
7. Die validierten Personen kommunizierten auch untereinander mehr.

Literatur: Naomi Feil, Validation. Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen, München 2002 (7. Auflage).