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"Die Ängste haben eher die Eltern"

Nun ist es soweit: Die Sommerferien sind zu Ende, ein neues Schuljahr bricht an. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind im vergangenen Sommer in Bayern insgesamt 115 900 Jungen und Mädchen eingeschult werden. Eine ähnliche Zahl wird es im aktuellen Schuljahr sein; für die Kinder ein komplett neuer Lebensabschnitt - eine spannende Zeit! Anlass genug für "bayern-evangelisch.de", den Gefühlen und Gedanken, die sich rund um das Thema Schulstart ranken, einmal auf den Grund zu gehen: gemeinsam mit der Grundschulseelsorgerin Uschi Aschoff aus Bayreuth! Ein Interview.

Frau Aschoff, welche Ängste begegnen Kindern beim Eintritt in die Schule?
Uschi Aschoff:
„Ich finde die Einstiegsfrage etwas zu negativ. Ich erlebe die Kinder beim Schulstart meist sehr neugierig und positiv und offen. Die Ängste haben eher die Eltern. Sie haben Angst davor, was in den nächsten zehn, zwölf Jahren auf sie zurollt, wie ihre Zeit vertaktet wird durch die Schulferien. Eltern merken, dass sie loslassen müssen. Ihre Kinder werden in der Schule nicht mehr so bemuttert wie im Kindergarten. Dabei ist das auch gar nicht nötig; die Eltern würden staunen, wenn sie ihre Kinder im Schulalltag sehen würden. Natürlich ist der auch neu für die Kindern, stellt also insofern auch eine Herausforderung dar. ,Nehme ich den richtigen Bus?‘ ,Kann ich mir den Schulweg schnell einprägen?‘ ,Neben wem werde ich in der Schule sitzen?‘ ,Ist die Lehrerin auch nett zu mir?‘ – Fragen wie diese stellen sich die Kinder natürlich. Aber sie schieben keine Panik und fügen sich sehr schnell sehr viel selbständiger in ihre neue Lebensphase, als so mancher Erwachsene glaubt!“

Wie beeinflusst der Übergang in die Leistungsgesellschaft die Gefühls- und Gedankenwelt der Kinder?
Uschi Aschoff: „Ich erlebe die Kinder voller Tatendrang und Ehrgeiz, sie fühlen sich supertoll, haben großes Selbstbewusstsein, sind hochmotiviert, ganz viel zu leisten. Erstmals finden sie sich parallel aber auch im leistungstechnischen Vergleich zu Gleichaltrigen wieder, spüren zum ersten Mal, was Konkurrenz bedeutet, dass diese mit Kampf und Frustration verbunden sein kann. Das ist eine Herausforderung, und je höher die Klassen gehen, desto stärker wird natürlich diese Herausforderung.“

Worauf müssen sich Eltern einstellen?
Uschi Aschoff: „Die Eltern müssen sich darauf einstellen, dass ein ganz neuer Abschnitt beginnt, der das ganze Familienleben verändert. Das Leben ändert sich auf Jahre hin, wobei nicht nur die Kinder mehr Disziplin unterworfen werden, sondern auch die Eltern. Man kann sich jetzt nicht mehr denken, ,ach, ich hole die Kinder eine halbe Stunde später aus dem Kindergarten ab‘, die Schule fordert das Einhalten festerer Zeiten ein, und das werden auch die Eltern merken. Es ist wichtig, dass sie die Disziplin sanft, aber nachhaltig in den Alltag ihrer Kinder Einzug halten lassen - und zwar in Form von vielen kleinen Regeln und Ritualen.“

Zum Beispiel?
Uschi Aschoff: „Zum Beispiel ist es wichtig, mit den Kindern eine feste Zeit am Tag zu vereinbaren, in der sie Hausaufgaben machen. Wobei das nicht immer nach dem starren Schema ,erst-die-Arbeit-dann-das-Vergnügen‘ ablaufen muss, oder anders gesagt: Die Gestaltung von Regeln selbst muss dabei nicht nach einer starren Regel ablaufen! Man kann mit den Kindern auch vereinbaren, ,erst spielst du nach der Schule ein bisschen, dann machst du gründlich Hausaufgaben, bevor du im Anschluss wieder zum Spielen gehen kannst‘. Die Eltern können sich bei der Ausgestaltung von Regeln ruhig ein bisschen was trauen - Hauptsache ist, dass die Regel in sich feste Grenzen trägt und dass diese festen Grenzen geklärt sind – je klarer, desto besser! Zudem ist das Drumherum der Umgebung, in der das Kind lernt, sehr wichtig.“

Wie meinen Sie das?
Uschi Aschoff: „Etwa mit Blick auf den Lernort. Ich finde es zum Bespiel auch wichtig, den Schreibtisch, an dem das Kind Hausaufgaben macht, schön einzurichten und dem Kind gutes Arbeitsmaterial auszusuchen, einen schönen Füller, schöne Buntstifte mit tollen Farben, ihm auch einen schönen Schulranzen zu kaufen. Damit lebe ich dem Kind gegenüber eine Wertschätzung vor, die sich das Kind abgucken wird. ,Aha, Mama ist das alles wichtig, die freut sich, wenn ich gut arbeiten kann, dann ist mir das auch wichtig‘, wird sich das Kind denken und damit dem Thema Schule ein entscheidendes Stück weit wertschätzender und respektvoller gegenüber treten. Dazu kann man auch mit kleinen Belohnungen arbeiten, dem Kind kleine Gummibärchen hinlegen, ihm sagen, ,guck mal, die warten schon auf dich, wenn du mit deinen Hausaufgaben fertig bist‘. Das trägt dazu bei, das Kind zu motivieren, ihm regelrecht die Lust am Lernen zu versüßen.“

Was ist noch wichtig, gerade in der ersten Zeit?
Uschi Aschoff: „Wichtig ist auch, ein offenes Ohr für das Kind zu haben, auch die Nachfrage, wie denn der heutige Schultag verlaufen ist, zum festen Ritual werden zu lassen, zur wichtigen Zwischenstation, die es mir als Elternteil ermöglicht, dicht dranzubleiben an der Gefühls- und Gedankenwelt meines Kindes. Dabei sollte ich mich als Mutter zum Beispiel darauf konzentrieren, dass es nicht immer viele Worte sind, die mir etwas über mein Kind erzählen. Mit Blicken erzählt das Kind auch – je nachdem, in welcher Stimmung es gerade ist. Da muss man einfach mal differenziert hingucken und hinhören.“

Wie wichtig finden Sie einen Einschulungsgottesdienst?
Uschi Aschoff: „Sehr wichtig! Ich empfehle ihn als Übergangsritual, mit dem sich die Eltern unbedingt beschenken lassen sollten. Den Kindern wird Mut gemacht, sie werden persönlich gesegnet und dadurch gestärkt, und es wird ihnen ganz deutlich signalisiert: ,Hier und jetzt beginnt etwas Neues!‘ Darüber hinaus lautet die weitergehende Botschaft für das Kind: ,Es beginnt zwar etwas komplett Neues, aber ich muss mich nicht fürchten, denn Gott geht mit.‘ Und: ,Weil Gott mitgeht, kann ich die Kinder gehen lassen‘ – so lautet die weitergehende Botschaft an die Eltern.“

Wie können Sie als Religionslehrerin dazu beitragen, Kindern den Schulstart zu erleichtern?
Uschi Aschoff: „Ich habe immer den Eindruck, dass die Kinder allein meinen Religionsunterricht als etwas Besonderes empfinden, das ihnen den Alltag erleichtert. Einfach, weil sie das Fach Religion an sich als einen besonderen Raum empfinden, in dem es anders etwa als bei Mathe oder Deutsch Zeit für besondere Dinge gibt: Zeit zum Singen, zum Beten, Zeit für Geschichten und Gefühle, Zeit, die Seele baumeln zu lassen, sich einfach auf spielerische Weise willkommen zu fühlen und parallel natürlich trotzdem auch was zu lernen!“

Mit welchen Anliegen kommen die Kinder zu Ihnen als Seelsorgerin?
Uschi Aschoff: „Sie erzählen mir viel aus ihrem Leben, ihrem Alltag. In die Zeit der Einschulung fällt oft der Tod der Großeltern, der Abschied von der Oma, und damit verbundene Fragen nach dem Tod sind das vorherrschende Thema bei den Kindern.“

Nun kommt es ja auch schon mal vor, dass nicht unbedingt Kinder Probleme mit Lehrern haben, sondern sich auch durchaus die Eltern nicht so gut mit der Klassenlehrerin verstehen. Welche Umgangsweise empfehlen Sie in so einem Fall?
Uschi Aschoff: „Auf keinen Fall vor den Kindern negativ über die Schule oder die Grundschullehrerin zu reden. Wenn man das tut – auch, wenn man als Mutter zum Beispiel in Konkurrenz zur Lehrerin tritt, indem man etwa beim Hausaufgaben mit den Kindern bestimmte Forderungen der Lehrerin nicht anerkennt –, bringt man das Kind in einen schrecklichen Konflikt. Es weiß dann gar nicht, an wem es sich jetzt orientieren soll, wird sich letztendlich für die Mutter entscheiden und dann im Unterricht nicht mehr mitmachen – fatal! Besser ist es, Konflikte mit den Lehrern oder mit anderen Eltern zu klären.“

Was ist, wenn sich das Kind in der Schule schon früh zum leistungstechnischen Problemkind herauskristallisiert?
Uschi Aschoff: „In diesem Fall empfehle ich den Eltern ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Lehrer – ohne das Kind! Das Kind ist noch nicht in der Lage, ein Gespräch über seine Leistung gefiltert differenziert zu hören, bei ihm kommen Negativ-Urteile dann mit voller Wucht an und setzen sich über Jahre fest. Den Eltern sei wiederum empfohlen, Tipps vom Lehrer nicht als private Kritik anzusehen. Beim anschließenden Gespräch mit dem Kind ist man als Elternteil dann gefordert, das Gespräch mit dem Lehrer möglichst konstruktiv zusammenzufassen und auf das Kind wirken zu lassen: indem man nicht auf den Defiziten herumreitet, sondern sich bemüht, die Stärken zu stärken. So hat man eine Chance, dass die Schwächen von alleine nachziehen.“

Frau Aschoff, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Interview: Almut Steinecke

Zur Person: Uschi Aschoff, 37, ist evangelische Pfarrerin, Seelsorgerin und Religionslehrerin in der Grundschule St. Johannis in Bayreuth und an der Volksschule Weidenburg. Ab September 2010 ist Aschoff als Beauftragte des Religionspädagogischen Zentrums in Heilsbronn für den religionspädagogischen Bereich Oberfrankens im Einsatz. Uschi Aschoff ist verheiratet und Mutter zweier Söhne (Alexander, 8 Jahre, und David-Benjamin, 5 Jahre)