Seelsorge
Seelsorge bedeutet zunächst einmal Begegnung mit meinem Gegenüber in einer Haltung, die offen ist für das Handeln und Reden mit Gott.
Um mein Gegenüber in aller Offenheit hören, wahrnehmen und würdigen zu können, bringen wir unsere eigene Offenheit und Bereitschaft mit, uns selbst immer wieder neu zu verstehen und zu entdecken.
In der seelsorgerlichen Begegnung und im Gespräch wenden wir unsere ungeteilte und wache Aufmerksamkeit dem demenzkranken Menschen zu. So wird im Gespräch die Wertschätzung der Person und das Wissen um die Identität auch eines demenzkranken Menschen zum Ausdruck gebracht. Dies gelingt umso leichter, wenn wir uns statt eines starren Schemas der Gesprächsführung das Bild des Orchesters und der zweiten Geige vorstellen. Wir spielen als Seelsorgerinnen und Seelsorger die zweite Geige, geben gerade nicht den Takt vor oder den Ton an. Vielmehr gehören wir zur Begleitung, um das Ganze seines und ihres Lebens zum Klingen zu bringen.
Mehr als viele Worte sagen den meisten demenzkranken Menschen aber, gerade bei einer fortgeschrittenen Demenz, Berührungen, Umarmungen, ein Streicheln über die Hand, den Rücken. Körperkontakt ist erlaubt und geboten, wenn die dementen Menschen ihn nicht von sich aus aktiv ablehnen. Zu dementen Menschen kann man als Seelsorgerin oder Seelsorger auch eigene Kinder oder Enkel mitbringen, nicht selten öffnen sich dann Gesichter, Erinnerungsfenster, und die Kranken gehen von sich aus auf die Kinder zu. Ebenso können Haustiere eine wichtige Funktion übernehmen. Eine Katze auf dem Schoß, ein Hund zum Streicheln geben ein Gefühl der Geborgenheit, das kein Fernseher bieten kann.
Auch wenn wir uns als Seelsorger zurücknehmen, bleiben eigene Fragen und Gefühle in der Beziehung zum Gegenüber von wesentlicher Bedeutung. Auch Seelsorger müssen mit Enttäuschungen umgehen, wenn sie auf Aggression und Ablehnung stoßen. Diese Gefühle brauchen einen Ort, an dem sie zur Sprache gebracht und bearbeitet werden können. Seelsorge bei demenzkranken Menschen braucht deshalb eine fortlaufende supervisorische Begleitung.
In der Praxis nehmen wir uns Zeit, versuchen im (auch unvollkommenen) Kontakt durch Beobachten herauszufinden, wie es dem oder der Kranken äußerlich und auch innerlich gerade geht und wo sie sich „gerade befindet“. Ist sie in Gedanken gerade auf dem Weg nach Hause, muss kochen, Kinder versorgen, die Wäsche hereinholen, weil es regnet, den (längst verstorbenen) Bruder besuchen, hinaus aufs Feld oder ins Büro gehen?
Eine wertschätzende, offen zugewandte Haltung schenkt dem anderen Sicherheit und Vertrauen. Er kann aus sich herausgehen und wir gehen mit ihm, begleiten ihn auf seinen inneren Reisen in die Vergangenheit. Wenn sie im Rollstuhl sitzt, fahren wir sie, wenn sie das wünscht, wenn sie noch gehen kann, dann begleiten wir sie dabei. Wir hören an, was der alte demente Mensch uns sagt, auch in Satzfetzen, die scheinbar nicht ganz passen, versuchen zu erspüren, was er gerade fühlt, was ihn gerade bewegt. Wir versuchen mitzudenken und für uns die Puzzleteile in einen biografischen Zusammenhang zu bringen.



