"Der Himmel ist uns überall gleich nahe." Ein Erfahrungsbericht.

Himmel und WolkenAndere Töchter reden ihren Vater mit einem Spitznamen an, ziehen ihn bei Seelenschmerz ins Vertrauen oder leihen sich zu Fasching seine Krawatten aus. Mein Vater war nicht von dieser Sorte. Er war „preußischer Beamter“, wie meine Mutter sein Naturell gern auf den Punkt brachte. Wir Kinder, mein Bruder und ich, erinnern uns an ihn vor allem als „Beschützer“: verlässlich, aufrichtig, mit einem zuweilen missionarischen Sinn für Gerechtigkeit. Als Direktor einer Bank war er gewohnt, weit reichende Entscheidungen zu treffen und Anweisungen zu erteilen. Es umgab ihn stets ein Hauch von „Unfehlbarkeit“.

Als sein Verhalten auffällig zu werden beginnt, ist er bereits im Ruhestand, aber lange noch nicht betagt genug, um es auf „das Alter“ zu schieben. „Euer Vater führt seit neuestem Merklisten“ erwähnt meine Mutter einmal beiläufig. „Das hat er doch schon immer getan“ antworten mein Bruder und ich ungerührt. „Ja, aber doch nicht Listen über die Orte, wo er die Listen verwahrt“. Das erscheint uns nun auch etwas übertrieben, aber keineswegs beunruhigend. Schließlich ist er ordnungsliebend, und irgendwie finde ich diese kleine Sonderlichkeit liebenswürdig.

Als etwas später im Beisein meines Vaters die Sprache darauf kommt, reagiert er unerwartet ärgerlich. Er wirft meiner Mutter vor, ihn lächerlich zu machen. Mir dämmert zum ersten Mal, dass der vermeintliche „kleine Spleen“ andere Ursachen haben könnte. Es ist der Beginn eines fast 15 Jahre langen Weges in die schwere Demenz. Ich greife im Folgenden einige Mosaiksteine dieses Weges heraus. Zwischen den Episoden liegen Monate oder Jahre.

Lange Zeit bleibt es bei diesen vergleichsweise kleinen Auffälligkeiten. Auch als sich seine ehemals geschliffene Rhetorik verändert, er mehr und mehr zu Worthülsen greift, sein Kurzzeitgedächtnis ihn öfter im Stich lässt, ist für Außenstehende die Veränderung kaum wahrnehmbar. Wenn er auf eine Frage nicht antwortet oder sein Blick unverwandt in die Ferne gerichtet bleibt, ist die Reaktion der Menschen stets die gleiche: Sie wiederholen ihre Frage lauter oder schreien ihm ins Ohr. „Mein Vater ist nicht taub“, versuche ich anfangs diese unsinnige Strategie zu unterbinden – bis ich bemerke, dass es meinem Vater ganz lieb so ist: Sollen ihn die anderen doch für schwerhörig halten. Seine Situation zu erklären, die ihm selber soviel Furcht und Unbehagen einflösst, ist für ihn weitaus entwürdigender.

Kampf gegen das Vergessen

Sein Kampf gegen das Vergessen macht ihn unduldsam gegen andere, vor allem aber gegen sich selbst. Ich möchte so gern zu ihm durchdringen, aber es gelingt mir nicht: Die Rollen sind zu festgefahren.

Wir sitzen in einem Café, die ganze Familie ist zum Osterfest angereist. Wie immer geht es dabei ziemlich ausgelassen zu. Mein Vater, der in früheren Zeiten jede Unterhaltung mit Bonmots zu würzen verstand, bleibt schweigsam. Als der Ober die Rechnung bringt, greift meine Mutter zum Portemonnaie. „Ich zahle“, sagt mein Vater und nimmt ihr die Geldbörse aus der Hand, umständlich öffnet er sie und wirft ein paar Münzen auf den Tisch. „Das reicht nicht“, versucht meine Mutter einzugreifen. „Ich habe gesagt, ich zahle“, herrscht er sie an. Das Gespräch am Tisch ebbt ab. Der Ober wird ungeduldig. Mein Vater schiebt die Münzen auf dem Tisch zusammen und schüttet den Rest des Kleingelds dazu. „Mach du“, sagt er schließlich zu mir, „ich habe meine Brille vergessen“.

An einem langen, warmen Sommernachmittag sitze ich mit meinem Vater allein auf dem Balkon. „Das ist nicht normal“, sagt er plötzlich, „sag, dass ich den Verstand verliere.“ Ich bin so überrascht, dass ich nur sprachlos seinen Blick erwidere. „Bei der Oma war es genauso, gib es doch zu“, insistiert er. Ich nehme seine Hand, und er drückt sie. Dann schweigen wir gemeinsam eine lange Weile.

„Ich möchte, dass in meinem Nachruf steht: Er war stets zuverlässig und treu.“ Meine Mutter schüttelt kaum merklich den Kopf, nicht weil sie inhaltliche Einwendungen hätte, aber es berührt sie peinlich. „Nun schreib“, insistiert mein Vater und ergänzt nach einigem Nachdenken „... und er war tapfer“. „Tapfer?“ wiederhole ich „meinst du vielleicht mutig oder souverän? Tapfer klingt merkwürdig“. „Tapfer“ beharrt mein Vater. Er schaut uns ernst an mit der Unnachgiebigkeit früherer Jahre.

„Weißt du, wer das ist?“ fragt meine Mutter und in ihrer Stimme liegt wieder dieser anklagende Unterton, der die Antwort vorwegnimmt. Nein, mein Vater erkennt seine Enkel nicht. Aber er schaut die beiden Jungen an und nickt ein ja. Ich hoffe so sehr, dass meine Mutter die „Inquisition“ nicht fortführt. Und weiß auch, dass sie ihrer Verzweiflung anders kaum Ausdruck verleihen kann. Es ist der Versuch, die Last anschaulich zu machen. Ich ringe mit mir, was nun Vorrang hat: meine Mutter in den Arm nehmen und ihr wieder einmal sagen, wie sehr ich ihren Einsatz bewundere und ihr Unterstützung anbieten, oder meinem Vater zur Seite stehen, irgendetwas tun, was ihm die Antwort erspart. „Opa, ich bin der David“, kräht der Kleine, klettert auf seinen Schoß und rupft an seinem Pullover. „Ja, und ich bin der Opa“ antwortet mein Vater leise und streichelt ihn.

„Er läuft immer weg“, meine Mutter ist am Ende ihrer Kraft. „Aber lass ihn doch. Er kann doch gar nicht weit kommen“. Meine Eltern sind in ein Seniorenstift umgezogen. Die „Weglauftendenz“ meines Vaters ist dort bekannt, und spätestens im Erdgeschoss hält ihn eine Schwester auf und bringt ihn zurück ins Appartement. „Er könnte auf die Straße laufen!“ Meine Mutter selbst ist mittlerweile schwer an Krebs erkrankt und in ihrer Sorge um ihn nicht zu beruhigen.

Also gehe ich mit meinem Vater „üben“. Auf dem Gang steuert er zielsicher auf die Tür zur Treppe zu. „Nein“, sage ich und ziehe ihn sanft in die andere Richtung, hin zu einer aus meiner Sicht sehr attraktiven Vitrine. In der nächsten Runde die gleiche Übung. Immer wieder mein Nein mit immer nachdrücklicherem Wegziehen. Bei der vielleicht zehnten Wiederholung schaut er mich an, lächelt zaghaft und sagt: „nein, nein“. Wir wiederholen das ganze noch viele Male und jedes Mal spricht er mir nach: „nein, nein“. Schließlich sagt er es mit mir zusammen, es wird eine Spiel daraus, wir sagen es immer lauter: „Nein, Nein!“ Und dann lachen wir aus vollem Hals. Wann habe ich ihn das letzte Mal so fröhlich gesehen?

Mein Vater steht im Wohnzimmer und beginnt bedächtig sich auszuziehen. Es ist mitten am Vormittag. Er zerrt seine Strickjacke herunter, dann beginnt er die Hose aufzuknöpfen. Es dauert eine ganze Weile, aber es gelingt ihm. „Dir wird kalt“, sage ich und versuche, ihm den Hosenknopf wieder zu schließen. „Lass es“, sagt meine Mutter, „es hat keinen Zweck. Er will es so.“ Halb bekleidet geht er mit unsicheren Schritten zwischen uns umher. Damit er nicht fällt, befreie ich ihn von seiner Tageshose, die sich bedrohlich um seine Füße wickelt. Als es an der Tür klopft, nehme ich seine Hand:„Komm, wir gehen rüber ins andere Zimmer“. Er folgt mir ohne Widerstand. Ich lege ihn auf die Couch und breite eine Decke über ihn. Als er eingedöst ist, gehe ich zurück. Die Freundin meiner Mutter ist zu Besuch gekommen. Es dauert nur wenige Minuten, dann ist mein Vater wieder bei uns, immer noch halb bekleidet. Aber dieses Mal lässt er sich nicht zurück begleiten.

Schmerzende Hilflosigkeit

Meine Mutter und ich bringen meinen Vater zu Bett. Ich öffne die Nachttischschublade, um ein frisches Taschentuch herauszunehmen. Mir quellen unzählige, offensichtlich benutzte Papierservietten mit vielfarbigen Essensresten entgegen. „Was ist das?“ schreie ich wohl ziemlich schrill. „Das sind gebrauchte Servietten“ antwortet meine Mutter in stoischer Ruhe. „Das sehe ich, und was tun die hier?“ „Nicht wegtun“, murmelt mein Vater. „Nicht wegtun“. Er hält mich am Handgelenk. „Aber Väterchen, das ist Müll!“ „Nicht wegtun!“ fleht er. Ich starre meine Mutter an. Sie zuckt mit den Schultern. Ich nehme ihn in den Arm. „Nein, natürlich nicht, entschuldige, das gehört ja dir.“ Und dann weine ich und weiß es selbst nicht: Ist es, weil mich seine Hilflosigkeit so schmerzt oder weil wir uns erst jetzt umarmen können?

Mein Vater ist nun in einer Welt ohne Sommer und Winter, ohne Morgen und Abend. Ob er noch unterscheidet zwischen warm und kalt, hell und dunkel, zwischen hungrig und satt? Wenn er etwas Essbares entdeckt, dann stopft er es in sich hinein, ob es ein Päckchen Butter ist oder ein Teelöffel Salz, einmal erwischt er das Morphium, das für meine Mutter bestimmt ist.

Im Sommer ist meine Mutter nach langem Todeskampf gestorben. Frühmorgens in der Pflegestation ist es still, bedrückend still. Mein Vater hat die Augen geschlossen. „Väterchen, hörst du mich?“ Ich setze mich an sein Bett, nehme seine Hand und warte. Auf was warte ich? Dass er seine Augen aufschlägt? Dass er mich erkennt? Dass wir noch einmal reden können? Die Minuten verstreichen, die Stunden. War ich dir eine Stütze, ein Trost? Was habe ich versäumt, was bin ich schuldig geblieben? Wie schwarze Vögel flattern die Zweifel in meinen Gedanken. Gegen Abend öffnet er die Augen einen winzigen Spalt und murmelt etwas. Mit dem Ohr gehe ich ganz nah an seinen Mund. Aber die Laute formen sich nicht zu Worten.

In den folgenden Wochen schlägt er die Augen nicht mehr auf. Das Atmen wird schwer. In der Lunge sammelt sich Wasser. Er stirbt in einer Winternacht als ich auf der Autobahn zurück zu meiner Familie rase. Ich bin mehr als 400 km weit weg von ihm.

„Der Himmel ist uns überall gleich nahe“, sagt der Pfarrer in seiner Beerdigungsansprache. Es klingt so tröstlich. Ich bleibe an diesen Worten hängen und beginne ein stummes Zwiegespräch mit meinem Vater. Ich merke erst wieder auf, als der Pfarrer die Predigt schon fast beschließt: „Er war zuverlässig, er war treu, er war tapfer“. „Er war unglaublich tapfer“, flüstere ich meinen Söhnen zu.

Anna-Margareta Oldenburg