Das psychobiographische Pflegemodell
von Erwin Böhm
Ausgangspunkt für die Entwicklung meines psychobiografischen Reaktivierungskonzeptes war die Beobachtung, dass in vielen Pflegeheimen die Pflegepersonen den Heimbewohnern alles abnahmen. Es wurde nicht versucht, Bewohner dahingehend zu motivieren, die alltäglichen Tätigkeiten wieder selbst auszuführen. Dadurch kam es zu einer Hotelisierung, Altenheimisierung und Demotivierung der Menschen. Sie gingen „sterben“.
Ich wollte ihnen die Aktivitäten wieder zurückgeben, sie wieder am Leben teilhaben lassen. Dabei bemerkte ich, dass nur Tätigkeiten, welche die Bewohner früher schon einmal ausgeübt hatten, wieder aufgerufen werden konnten. Es war also wichtig, über Biografiearbeit diejenigen Aktivitäten zu finden, die den alten Menschen von früher bekannt waren und ein Motiv für sie bildeten, wieder aktiv zu werden. Oberstes Ziel meiner Pflegephilosophie ist die psychische Wiederbelebung ("Reaktivierung") des alten Menschen, die maximale Förderung seiner noch vorhandenen Ressourcen und die Anerkennung seiner psychobiografisch gewachsenen Identität.
Auffällige Verhaltensweisen lassen sich nur im Lichte der individuellen Biografie und der daraus ableitbaren „Prägung“ eines Menschen verstehen. Es ist demnach entscheidend, die psychobiografische Normalität der Menschen zu kennen und wiederherzustellen. Eine Person, die sich ihr Leben lang nur einmal in der Woche gewaschen hat, versteht nicht, warum die Krankenschwester will, dass sie nun täglich duscht. Deshalb bildet die psychobiografisch gewachsene Normalität und Identität der Bewohner in meinem Konzept den Orientierungspunkt für die Pflege, nicht das Hygienebedürfnis des Pflegepersonals.
Die Anwendung des Psychobiografischen Pflegemodells lässt grundsätzlich eine Reaktivierung, d.h. eine deutliche Verbesserung des psychischen Zustandes des dementen Menschen zu, indem sie die Demenz nicht als organisches, sondern als psychobiografisch interpretierbares Problem sieht. Der demenzkranke Mensch bleibt in seinem Gefühl erreichbar. Durch Schlüsselreize, die aus der individuellen und kollektiven Biografie abgeleitet sind, kann die Lebensenergie wieder entfacht werden.
Resultat: Eine systematische Anwendung des Psychobiografischen Pflegemodells führt mindestens zu folgenden Verbesserungen für die Klienten und das Personal: eine Reaktivierung bei Klienten mit Destruktionstrieb und Rückzug; eine Symptomlinderung ohne Einsatz von Psychopharmaka; eine Erhöhung des Selbstwertgefühls beim alten Menschen; eine Verbesserung der Pflegequalität durch „seelische Pflege“; eine deutliche Erhöhung der Arbeitszufriedenheit der MitarbeiterInnen im Heim; eine Senkung der Krankenstände.
Literatur: Erwin Böhm, Verwirrt nicht die Verwirrten. Neue Ansätze geriatrischer Krankenpflege, Psychiatrie-VerlagGmbH 1999 (12. Auflage).
>> Weitere Informationen zum Europäischen Netzwerk für psychobiographische Pflegeforschung (ENPP) finden Sie hier. Das ENPP ist ein europaweit aktives fachliches Netzwerk. Sein Ziel ist die Absicherung der fachlichen und wissenschaftlichen Zukunft des psychobiographischen Pflegemodells nach Prof. Erwin Böhm.



