Das Integrative Pflegekonzept - psychobiographische und identitätsstiftende Pflege
von Maria Riedl
Durch biografisches Arbeiten können wir alte Menschen verstehen, es ist der Schlüssel zur erfolgreichen Betreuung und Pflege von Betagten. Wann ist ein Mensch alt? Alt ist ein Mensch, der sich nicht anpassen kann. Diese Einschätzung klingt banal, aber körperlich, psychisch oder sozial nicht angepasst zu sein, wird in der Begleitung als Verhaltensauffälligkeit wahrgenommen. Wenn das Gedächtnis sich verändert, der Mensch im Handeln und Denken langsamer wird, alte Gewohnheiten bevorzugt und Neues abgelehnt wird, das soziale Umfeld sich zu wundern beginnt, wird es Zeit, sich Gedanken über Pflege und Begleitung eines Menschen zu machen.
Die Grundlagen meines Konzepts:
Im Mittelpunkt des integrativen Pflegekonzeptes stehen der alte Mensch und die Erhaltung seiner Würde. Menschenwürdige Begleitung heißt, alten Menschen Hilfen zur Anpassung zu geben. Wir werden Partner und gewährleisten Sicherheit für die Betreuten. Seelische und körperliche Abläufe fordern im Alter mehr Zeit. Erfolgreiches Altern verlangt, so lange wie möglich selbstständig zu bleiben. Trotz seiner Langsamkeit soll ein Betagter sein Leben so gut wie möglich selber gestalten. Seine Ressourcen dürfen nicht verkümmern. Die angebotenen oder geforderten Hilfen müssen gut überlegt und dosiert sein. Die Pflegeperson überlegt: wer braucht Hilfe, wer braucht Zeit?
Das Alter ist gekennzeichnet durch das Festhalten an alten Gewohnheiten und wiederholte Erzählungen aus der guten alten Zeit. Neues wird oft abgelehnt, was früher war, wird positiv bewertet und ersehnt. Diese Situation zeigt uns Betreuern, dass wir uns mit der Vergangenheit alter Menschen auseinandersetzen müssen. Wir lernen von alten Menschen, wie ihr Leben in der Jugend gestaltet war. Dieses Wissen ist unsere Grundlage für das Leben heute. Nur wer die Vergangenheit eines Menschen kennt, kann seine Gegenwart gestalten.
Das Gedächtnis verändert sich, kürzlich Erlebtes wird vergessen, altes Wissen dagegen ist präsent. Wir hören die wiederkehrenden Geschichten der alten Menschen an und nehmen sie als Grundlage der Biografiearbeit, um altbewährtes Verhalten nicht als Symptome zu verkennen. Jeder Mensch ist einzigartig und unterscheidet sich in vielen Belangen von anderen Menschen seines Bekanntenkreises. Unsere Identität, unser Selbstwertgefühl ist auf unsere Leiblichkeit, auf unser soziales Netz, auf Arbeit, Leistungsfähigkeit und unser Freizeitverhalten, auf materielle Sicherheiten und auf unsere Werte aufgebaut. Im Alter muss die Identität eines Menschen gestärkt werden, damit der Lebenssinn trotz der voranschreitenden Defizite nicht verloren geht.
Wir alle sind in der Kultur unseres sozialen Umfeldes aufgewachsen, abhängig von der Region, der Herkunftsschicht und der Religion. Im Integrativen Pflegekonzept achten wir auf diese Bausteine der Identität, wir ermöglichen und gestalten Rituale, die Geborgenheit vermitteln. Unter dem Motto „man muss die Feste feiern, wie sie fallen“ kann das Leben im Alter dann abwechslungsreich werden wie in der Jugend. Es ist die Aufgabe der Begleiter des Lebensabschnittes Alter, ein soziales Umfeld zu schaffen, in dem der Mensch sich auskennt, in dem er integriert und verstanden wird.
Literatur: Maria Riedl, Integratives Pflegekonzept – psychobiografische Reaktivierung und identitätsstiftende Pflege. Bezug über: DGKS, Ellmauthalerstr. 8, A- 5500 Bischofshofen.



