Aktion Fastenopfer: Ein gutes Klima schaffen
"Kurz nach der Wende beendete Petr Giesbrecht seine Offizierslaufbahn bei der roten Armee und suchte im Alter von knapp vierzig Jahren neue Wege. Sein Einsatz als „Liquidator“ in Tschernobyl hatte den sportlichen Mann fürs Leben gezeichnet. Mit seiner Truppe war er unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe nach Tschernobyl geholt worden und hatte mehrere Wochen lang mitgeholfen, den Betonsarkophag rings um den zerborstenen Reaktor zu bauen.
Über gesundheitliche Gefahren wurden er und seine Untergebenen nicht informiert. Die wahre Höhe der Strahlenbelastung bei diesen Arbeiten blieb geheim. Nur wenige Jahre später fielen ihm nach und nach alle Zähne aus. Quälende Kopfschmerzen plagten ihn.
Petr Giesbrecht verließ die Armee und suchte als Deutschstämmiger Anschluss an seine alten Wurzeln. Er zog in die Südukraine, wo damals die Regierung geschlossene deutsche Siedlungen ausgelobt hatte. Mit seiner ganzen Familie kam er nach Peterstal in die Nähe von Odessa und gründete dort eine kleine lutherische Gemeinde. Von 1993 bis 1995 ließ er sich zum Prediger ausbilden und war später sogar eine Zeit lang Präsident der ukrainischen Synode der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine.
Die Katastrophe in Tschernobyl ist nun 25 Jahre her. Petr Giesbrecht und viele andere der „Liquidatoren“ sind inzwischen verstorben. Damit gerät ein Teil der Geschichte Europas langsam in Vergessenheit. Dabei wäre es doch enorm wichtig für unseren Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung, aus dieser europäischen Katastrophe und ihren Folgen zu lernen und Konsequenzen zu ziehen.
Noch in der Zeit des Eisernen Vorhangs wurde ganz Europa bewusst, dass Umweltkatastrophen keine Grenzen kennen. Wir können in Europa die Bemühungen um die Bewahrung der Schöpfung nicht auf unsere eigene Kirche, unser eigenes Land begrenzen. Wir sind abhängig voneinander und nur gemeinsam kann diese globale Aufgabe gelingen. Ähnlich wie die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl betrifft uns alle auch die drohende Klimakatastrophe und kann nur gemeinsam bewältigt werden.
Die Aktion Fastenopfer 2011 solidarisiert sich mit den kleinen Kirchen im Osten unter dem Motto: „Ein gutes Klima schaffen“ und stellt dabei über die Konfessionsgrenzen hinweg ökologische Projekte in den Mittelpunkt. Das orthodoxe Studienzentrum für Ökologie in Vilémov (Tschechien) ist dabei eine richtungweisende Einrichtung. Windkraftanlage und Solarenergie zeigen, wie nachhaltige Energiekonzepte umgesetzt werden können. Doch nicht nur mit teuren Investitionen lässt sich Umweltschutz betreiben. Vilémov bietet für alle Kirchen in Mittelosteuropa Seminare an, um kleine Schritte für ein besseres Klima kennen zu lernen und die Bewahrung der Schöpfung mit den bereits vorhandenen Möglichkeiten einzuüben.
Unsere Partnerkirchen der Aktion Fastenopfer haben sich das Thema „Bewahrung der Schöpfung“ meist nicht als besonderes Programm auf die Fahnen geschrieben, sondern entwickeln aus der Not heraus praktische Modelle. Weil Energie teuer ist, wurde in Peterstal, der Gemeinde von Petr Giesbrecht, für Jugendfreizeiten und den Seminarbetrieb aus einfachen Materialien eine Dusche eingerichtet, bei der das Wasser mit Sonnenenergie erwärmt wird. Solche Modelle regen zur Nachahmung an und zeigen, dass die vorhandenen Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind.
Ein gutes Klima schaffen wir durch die Aktion Fastenopfer mit solchen Projekten. Dabei ist uns bewusst, dass jedes dieser Projekte nur ein sehr kleiner Schritt zur Bewahrung der Schöpfung sein kann. Doch entsteht durch solch kleine Schritte ein neues Bewusstsein für diese gemeinsame Herausforderung bei den Kirchen in Mittelosteuropa und bei uns, wenn wir erkennen, dass wir über alle Grenzen hinweg nur gemeinsam unsere Schöpfung bewahren können.
Gleichzeitig trägt die Aktion Fastenopfer dazu bei, ein gutes Klima im übertragenen Sinn zu schaffen: ein freundschaftliches Miteinander und gute Beziehungen zwischen den Kirchen Mittelosteuropas und darüber hinaus. Gemeinsame Aufgaben und Herausforderungen führen in Tschechien zu einer engen Zusammenarbeit von evangelischen Kirchen und der orthodoxen Kirche. Die Bewahrung der Schöpfung ist eines der Themen, durch die alle Kirchen miteinander verbunden sind, ein ökumenisches Thema, bei dem Vorbehalte gegenüber anderen Konfessionen durch die praktische Zusammenarbeit abgebaut werden können.
Ein gutes Klima schaffen kann die Aktion Fastenopfer nicht zuletzt dort, wo sie sich daran beteiligt, Mauern abzubauen und für Versöhnung einzutreten. Von Anfang an war es der Aktion Fastenopfer ein Anliegen, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Hand der Versöhnung auszustrecken in Richtung Osten und die kleinen Kirchen in Mittelosteuropa zu unterstützen. Die Aktion Fastenopfer will durch praktische Zusammenarbeit, durch den Austausch mit den Kirchen im Osten einen Beitrag leisten zu einem versöhnten Europa, in dem Nationen und Kirchen sich ohne Vorurteile und Vorbehalte begegnen.
Michael Martin, Oberkirchenrat



