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Die ganze Welt in einem Haus - 25 Jahre Collegium Oecumenicum

Gemeinsam beten und arbeiten, feiern, sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen: Für die Studierenden im "Collegium Oecumenicum (COe)" ist das an der Tagesordnung. Denn die Bewohnerinnen und Bewohner in diesem besonderen Studentenwohnheim kommen aus der ganzen Welt. An diesem Wochenende feiert das Collegium Oecumenicum sein 25-jähriges Bestehen mit Begenungsabend und Symposium. Das Programm des Festwochenendes vom 22. - 24. Juni finden Sie hier. Bayern-evangelisch.de sprach mit Pfarrer Janning Hoenen, seit gut zwei Jahren Studienleiter, über das Zusammenleben im COe.

Herr Hoenen, was ist das Besondere am Collegium Oecumenicum?

Janning Hoenen: Es ist nicht so einfach zu beschreiben, was das COe eigentlich ist. Es ist so etwas wie der Campus der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Es ist ein Studienhaus, wie es sie in anderen Universitätsstädten gibt. Es ist eine Gemeinschaft, in der zusammen gelebt, gelernt und geglaubt wird. Es ist ein ökumenisches Experimentierfeld im Kleinformat mit Auswirkungen auf die große und weltweite Ökumene. Es ist Teil eines internationalen ökumenischen Netzwerkes aus Hochschulen, kirchlichen Einrichtungen und ehemaligen Bewohnern aus aller Welt. Es ist ein wunderbarer Ort im Grünen, am Rande der großen Stadt. Es ist eine Gemeinschaft von Christen, die füreinander da sein wollen im Alltag des Studiums, die aneinander lernen wollen, was es heißt, ChristIn zu sein.

Woher kommen derzeit die meisten Studenten?

Janning Hoenen: Die Deutschen sind schon noch in der Überzahl – das ist auch gut so, denn nur so finden die internationalen Studierenden Anschluss an die deutsche Kultur und Sprache sowie Orientierung an den Universitäten. Die nächstgrößere Gruppe sind die Rumänen und Brasilianer – dorthin gibt es jeweils eine Austauschbeziehung mit langjähriger Tradition. Im kommenden Semester werden die US-Amerikaner stark sein: hier haben wir eine neue Beziehung zur Emory University in Atlanta und wiederbelebte Beziehungen zu drei lutherischen Hochschulen.

Als das COe vor 25 Jahren gegründet wurde, war die Idee bahnbrechend neu: Die ersten Studenten – überwiegend der Theologie – sahen sich als Pioniere, und verpflichteten sich zum gemeinsamen geistlichen Leben auf Zeit. Wie hat sich das heute verändert?

Janning Hoenen: Der Anfangsidealismus hat sich durchaus etwas gelegt. Auch sind die Studienbedingungen insgesamt härter, d.h. vor allem zeitaufwändiger geworden, so dass die vielfältigen Verpflichtungen im COe schwerer durchzuhalten sind—jede und jeder, der im COe wohnt, studiert ja full-time an einer der Münchner Hochschulen. Wir halten aber am verpflichtenden Charakter der gemeinschaftlichen Unternehmungen und Veranstaltungen fest und erleben, dass Engagement weiterhin möglich ist und ein Haus wie das COe gerade für diese Form bewusster Gemeinschaft, die Leben, Lernen und Glauben umschließt, geschätzt wird.

Sie beten gemeinsam, es gibt eine theologische Bibliothek – ist das nicht eher  ein Wohnheim für Theologiestudenten?

Janning Hoenen: Gebet, Andacht und Gottesdienst ist ja nicht nur etwas für Theologinnen und Theologen, gerade Andachten und Predigten von Nichttheologen sind oft spannend und tiefgründig. Die Bibliothek ist natürlich auf Studierende der Theologie ausgerichtet – der Raum wird aber auch von allen anderen Studierenden wegen der Ruhe geschätzt. Wir sind dankbar, dass nicht nur Theologinnen und Theologen bei uns wohnen – Theologiestudierenden, die allein unter sich gelassen werden, geht oft etwas an Bodenhaftung und Sinn für das „wirkliche Leben“ verloren.

Wo gibt es Schwierigkeiten im Zusammenleben der Nationen und Konfessionen?

Janning Hoenen: Es gibt natürlich immer Konflikte, wenn Menschen zusammen leben. Je enger und je internationaler, desto deutlicher wird das. Diese Konflikte, wenn sie ordentlich bearbeitet werden, werden aber regelmäßig zu Lernerfahrungen, zu ökumenischen Aha-Erlebnissen. Wenn z.B. ein Deutscher Bibelverse auf der Toilette aufhängt und ein griechisch-orthodoxer Student der Theologie sich darüber beschwert, dann lernen beide Seiten etwas über Respekt, Toleranz und über das Verständnis der Heiligen Schrift. Und wer einmal eine Küche mit Menschen aus aller Welt geteilt hat, der weiß etwas über verschiedene Gewohnheiten, kulturbedingte Abneigungen, unterschiedliche Zeitauffassungen und die eigenen Grenzen der Toleranz.

Oft mischen sich internationale und deutsche Studierende schlecht. Wie sieht das im COe aus?

Janning Hoenen: Nachdem bei uns die Mischung aus internationalen und deutschen Studierenden keine Nebensache ist, sondern im Zentrum aller Bemühungen steht, funktioniert das sehr gut. Wir achten darauf, dass die Stockwerke so gemischt wie möglich sind, und dass es im Alltag und bei besonderen Veranstaltungen viele Gelegenheiten zum Austausch gibt. Wir inszenieren die Grenzen, die es bei uns gibt, und suchen gemeinsam nach Wegen, diese zu überschreiten. Was nicht funktioniert, ist so zu tun als ob es keine Unterschiede und Konflikte gäbe – dann sucht sich die Spannung einen anderen Weg und es wird schwierig.

Was ist Ihr Geheimrezept?

Janning Hoenen: Eine entscheidende Sache ist, dass wir mit möglichst allen Studierenden aus Deutschland jeweils ein ausführliches Bewerbungsgespräch führen, bevor wir jemand Neues aufnehmen. Dabei geht es um Erfahrung mit und Offenheit für andere Nationalitäten, Kulturen und Konfessionen und um die Frage, ob der Student bzw. die Studentin dazu bereit ist, sich in das internationale Haus einzubringen. Und unser Haus ist klein genug, dass wir von der Studienleitung zu allen Studierenden einen halbwegs fundierten Kontakt halten können – das ist ein großes Geschenk.

Ihr Haus pflegt Beziehungen zu vielen internationalen Gemeinden und Hochschulen – wie wirkt sich das aus?

Janning Hoenen: Die Austauschbeziehungen mit Theologischen Hochschulen in den USA, in Brasilien, Rumänien und anderswo stellen sicher, dass es immer internationale Theologiestudierende bei uns gibt. Unsere Partner im Ausland suchen diese Studierende nach ähnlichen Kriterien aus wie wir. Auf der anderen Seite sind wir im COe Ansprechpartner für deutsche Theologiestudierende, die ins Ausland möchten. Es entsteht somit ein Verkehr in beide Richtungen, der gleichzeitig für Stabilität und Bewegung sorgt. Gerade die internationalen Theologiestudierenden sorgen dafür, dass die „Theologie made in Germany“ nicht mehr als Maß aller Dinge betrachtet werden kann.

Was erwarten Sie von internationalen Studenten? Und von den Deutschen?

Janning Hoenen: Offenheit für Neues; Interesse daran, dass Dinge anders gemacht, Glaube anders gelebt und Probleme anders angegangen werden können; Toleranz und eine eigene Meinung; die Bereitschaft, Konflikte konstruktiv anzugehen; die Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern; kritische Solidarität mit der Kirche; ein gewisses Maß an Improvisationsfähigkeit; viel Humor.  Dann ist man in so einem Haus richtig.

Wenn die Studierenden wieder in ihr Heimatland zurückgehen, dann…

Janning Hoenen: … berichten Sie davon, dass es in Deutschland tatsächlich noch so etwas wie gelebten Glauben gibt; dass die Universität nicht so anonym ist wie gedacht; dass München zwar teuer ist, aber das COe eine günstige Möglichkeit bietet, sich zu Hause zu fühlen; dass die Zeit im COe viel zu kurz war. Und sie suchen nach einer Möglichkeit, wiederzukommen.

Und die deutschen Studierenden?

Janning Hoenen: Es gibt immer ein paar, die nur ein Semester bleiben – weil sie es sich doch anders vorgestellt haben. Die meisten aber bleiben so lange wie möglich und erinnern sich gerne an die Zeit im COe. Sie nehmen eine Erinnerung an echte christliche Gemeinschaft mit, die nicht eng, sondern offen und weit, nicht langweilig, sondern aufregend, die nicht altmodisch, sondern frisch und auf der Höhe der Zeit ist. Was wir hoffen ist, dass sie diese Erinnerung an christliches Zusammenleben mitnehmen in ihr Leben nach dem COe, ob nun als Pfarrer/Pfarrerin oder als Mitglied einer „normalen“ Kirchengemeinde.

Sie waren selbst Student im Collegium Oecumenicum. Woran erinnern Sie sich besonders gerne?

Janning Hoenen: Ich erinnere mich sehr gerne an die Abendandachten, die immer anders, konventionell oder experimentell, fromm oder politisch, musikalisch oder poetisch, fränkisch oder international geprägt waren und Lust darauf machten, etwas Neues ausprobieren. Dann war da unser großer Theaterabend mit dem „Haus von Montevideo“, aber auch die damals noch feuerpolizeilich geduldete Hauskneipe „Mausefalle“, die uns heute ziemlich fehlt. Und ich erinnere mich an viele liebe Menschen aus aller Welt, die ich im COe getroffen habe.


Danke für das Gespräch!