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Seelsorge - was ist das?
von Kirchenrat Peter Bertram
Seelsorge ist etwas zutiefst Menschliches und unverzichtbar. Es ist gut, jemanden zu haben, dem man sein Herz ausschütten kann, dem man sich zumuten darf. Der Mensch braucht ein Du, ein Gegenüber. Wie weit die Bedeutung eines „Du“ gehen kann, wird in einem Wort von Martin Buber deutlich: Eine Zeit nach seinem Tode sagte ein Freund: „ hätte er zu wem zu reden gehabt, er lebte noch“.
Indem Menschen miteinander sprechen und füreinander aufmerksam werden - helfen, stärken, herausfordern, raten, ermutigen -, erfahren sie etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes in Christus, die in seiner Gemeinde Gestalt gewinnt, dort, „wo zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind“.
Seelsorge geschieht durch Personen und Angebote. Die Kirche kann hier durch ihre personale und strukturelle Präsenz einen gewichtigen Dienst leisten, indem sie Menschen in ihrer besonderen Situation aufsucht - motivierend, integrierend und stabilisierend wirkt und einer Isolierung der Menschen entgegenarbeitet. Dies gilt beispielsweise für den Bereich der Kliniken, aber genauso mit Blick auf die vielen Kranken, die in einem häuslichen Umfeld unter ambulanter pflegerisch-medizinischer Betreuung leben.
Das besondere Eigene von so verstandener Seelsorge ist darin zu sehen, dass sie die theologische Dimension von Lebensereignissen vermittelt und hilft, neues Vertrauen in die eigene Lebens- und Glaubensgeschichte zu finden. Es sollen Hilfestellungen gegeben werden zur eigenen Sinnfindung und zur Selbsthilfe.
Seelsorge stellt eine Brücke zur säkularen Welt dar. In Gefängnissen, in Krankenhäusern, an Flughäfen, in der Polizei und bei der Bundeswehr, bei Notfällen und Krisen, begegnen Vertreterinnen und Vertreter der Kirche Menschen unterschiedlichster Herkunft und religiöser Prägung. Seelsorgerinnen und Seelsorger bewegen sich dort, wo Menschen leben und arbeiten, wo sie freiwillig und unfreiwillig Zeit verbringen müssen, wo sie lieben, leben und leiden. Sie treffen auf Menschen, die in besonderer Weise sensibel sind für religiöse Fragestellungen. Dabei geraten die sozialen wie die leiblichen Aspekte seelischer Not und seelischen Reichtums in den Blick.
Seelsorge steht immer wieder in der Spannung zwischen der Konzentration auf das Individuum und dem Engagement für die Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen. Nicht zu Unrecht wurde der von der humanistischen Psychologie geprägten Seelsorgebewegung entgegengehalten, dass sie „unpolitisch“ sei. Das Gespräch „Unter vier Augen“ ist Kernbereich der Seelsorge, aber ebenso kann bzw. muss die Mitarbeit in einem Ethikkomitee einer Klinik, wo über Anfang und Ende menschlichen Lebens beraten wird, zum Auftrag der Seelsorge gehören.
Christoph Morgenthaler führte den Begriff einer psycho-systemischen ausgerichteten Seelsorge in die Diskussion ein, bei der „es weder darum (geht), den einzelnen Menschen im System aufgehen zu lassen, noch ihn als unbeschränkt autonom in seinem System zu sehen und zu denken.“ Wer kranke Menschen in der Klinik oder Alte im Pflegeheim besucht, wer sich in seiner Gemeinde zusammen mit dem Diakonischen Werk um die Begleitung Arbeitsloser kümmert, wird diese perspektivische Weitung der Seelsorge nachvollziehen können.
In vielen Bereichen wie der Krankenhaus- und Notfallseelsorge, der kirchlichen Arbeit am Flughafen und in den Gefängnissen ist das seelsorgerliche Handeln im ökumenischen Kontext zu sehen. Ökumenische und interkulturelle Aufgeschlossenheit können die Seelsorge bereichern.
Gemeindeseelsorge und die „Sonderseelsorge“, die Seelsorge an besonderen Personengruppen und in besonderen Institutionen, die Arbeit der Beratungsstellen für Menschen in besonderen persönlichen, familiären oder beruflichen Krisensituationen sind zusammen zu sehen.
Seelsorge als Grunddimension kirchlichen Handelns stellt sich in der Gegenwart als „Seelsorge im Plural“ dar: Eine Seelsorge, die miteinander vernetzt ist, kooperiert, sich fachlich austauscht, selbstbewusst ums eigene theologisch-seelsorgerliche Profil weiß, den Dialog mit den Humanwissenschaften pflegt, ihre Stimme im psychosozialen Netzwerk der Gesellschaft erhebt und dabei engagiert ihre christliche Sicht in die politischen und ethischen Diskussionen einbringt.


