110. Geburtstag des Kirchenjuristen

Zum Gedenken an Martin Gauger

Gedenkfeier Dr. Martin Gauger im Landeskirchenamt München

Familienangehörige, Mitglieder der Kirchenleitung, zahlreiche Gäste aus Politik, Wissenschaft und Recht gedachten dem mutigen Kirchenjuristen Dr. Martin Gauger.

Bild: ELKB

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel, Historiker Hartmut Ludwig und Justizminister Winfried Bausback würdigten den Juristen, der von den Nazis ermordet wurde.

"Jedes Einzelschicksal ist für unser kulturelles Gedächtnis wichtig", mit diesen Worten leitete Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm die Gedenkveranstaltung zum 110. Geburtstag des Kirchenjuristen Dr. Martin Gauger (1905-1941) ein. Gauger gilt als einziger bekannter Jurist, der sich 1934 gegen den Treueschwur auf Hitler entschied. Er stand von 1938 bis 1940 im Dienst der bayerischen Landeskirche, abgeordnet zum Dienst als leitender Jurist beim Lutherrat in Berlin. Gauger wurde am 15. Juli 1941 in der Gaskammer der „Euthanasie“-Anstalt „Sonnenstein“ in Pirna ermordet. 2015 jährt sich Gaugers Geburtstag zum 110. Mal.

Eine solche Würdigung einzelner Personen sei wichtig für uns alle, erläuterte der Landesbischof in seiner Begrüßung. Zahlreiche Familienangehörige, der bayerische Justizminister Martin Bausback, der Präsident des Verfassungsgerichtshofs Peter Küspert, der Kurator der Ausstellung Joachim Schmidt von der Friedensbibliothek Berlin, Mitglieder der Kirchenleitung und viele Gäste aus Kirche, Wissenschaft und Recht waren der Einladung der bayerischen Landeskirche ins Landeskirchenamt gefolgt. "Wir müssen uns aus dem Bick auf die Irrungen der Vergangenheit die Frage stellen, was sind die Dinge, auf die wir heute achten sollen", so Bedford-Strohm nachdenklich. Die Gauger-Gedenkveranstaltung sei auch ein Beitrag zur Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums, das in dieser Woche in Nachbarschaft zum Landeskirchenamt eröffnet werde. 

 

Zitat

Erinnerung heißt auch, Vorbilder gewinnen: Menschen, die ihre Worte nicht Worte bleiben lassen, sondern mit Taten bezeugen.

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm über den Kirchenjuristen Martin Gauger

In ihrem Grußwort machte sich Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel für die Erinnerungskultur stark, für die sie als Präsidentin der Landessynode stehe. Mit der Änderung des Grundartikels der Kirchenverfassung, der Einweihung des neuen Landeskirchlichen Archivs, dem Wilhelm-von-Pechmann-Preis für historische Forschung und Bildungsarbeit und zuletzt dem großen Bonhoeffer- Gedenken erinnere die bayerische Landeskirche, um sich selbstkritisch zu ermahnen: „Heilung ist nur auf dem Weg des erinnernden Durcharbeitens möglich“, so Preidel. „Sie wird dadurch unmöglich, dass sich der Nebel der Geschichtsvergessenheit über die Dinge legt. Geistesgegenwärtige Erinnerung – nichts sonst! – zerteilt diesen Nebel.“

„Wahrheit und Gerechtigkeit waren seine Ideale, denen er sich verpflichtet fühlte. Sie waren ihm wichtiger als Status und Karriere“, mit diesen Worten würdigte Justizminister Professor Dr. Martin Bausback Gauger. „Herr Dr. Gauger handelte genau so, wie es unsere Richter in ihrem Amtseid versprechen: Er folgte seinem Gewissen und weigerte sich, jemand anderem zu dienen als Wahrheit und Gerechtigkeit.“ Wir dürften nie vergessen, dass eine unabhängige, nach rechtsstaatlichen Prinzipien urteilende Justiz eine wesentliche Säule unserer Gesellschaft sei. „Diese Gedenkfeier für Dr. Martin Gauger - dem die Rechtsstaatlichkeit wichtiger war als die eigene Person - ist ein hervorragender Anlass, sich das einmal wieder bewusst zu machen“, schloss Bausback.

Aus dem Leben Martin Gaugers

Der Gauger-Experte Dr. Hartmut Ludwig stellte in seine Ansprache die letzten Lebensjahre Gaugers in den Mittelpunkt und erläuterte die wichtigsten Ereignisse. Der aus einer Pfarrfamilie stammende, in Elberfeld gebürtige Martin Gauger war nach dem Rechtsreferendariat ab Januar 1934 Assessor der Staatsanwaltschaft am Landgericht in Wuppertal. Seine Ablehnung, den verbindlich vorgeschriebenen Treueeid auf den Führer zu leisten, führte unmittelbar zur Entlassung aus dem Staatsdienst.

Durch sein kirchenjuristisches Promotionsthema wurde Gauger ab Mitte 1935 Mitarbeiter der Rechtsabteilung der Vorläufigen Kirchenleitung in Berlin. Ab März 1936 - nach dem Bruch der Bekennenden Kirche und der Gründung des Rates der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands („Lutherrat“) - wurde Gauger die Stelle des leitenden Juristen und Geschäftsführers im Sekretariat des Rates übertragen.

 

Ab November 1938 war Gauger im Landeskirchenrat der bayerischen Landeskirche angestellt und zu weiterem Dienst in Berlin abgeordnet. Dort kam es zu Kontroversen über den Kurs des Lutherrats. 1940 weigerte sich Gauger, der Aufforderung zur Musterung und Einberufung zum Wehrdienst nachzukommen.

Nach einem gescheiterten Suizidversuch versuchte er zunächst über Holland nach England zu fliehen, dann nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Holland weiter in die Schweiz. Auf dem Weg dorthin wurde er von einer Militärstreife aufgegriffen und angeschossen. Zunächst in Düsseldorf inhaftiert, wurde er 1941 ins KZ Buchenwald verlegt und von dort aus in die „Euthanasie“-Anstalt "Sonnenstein" bei Pirna.

Das Präsidium des bayerischen Landeskirchenrats unter Vorsitz von Landesbischof Hans Meiser beschloss am 4. Juni 1940 die sofortige Beendigung des Dienstverhältnisses mit Gauger – nachdem dieser schriftlich seine Suizidabsicht bekanntgegeben hatte.

Seine Kirche aber schwieg

Gesammelte Exponate

Gedenken an Dr. Martin Gauger - Ausstellung,© ELKB

"...wenn einmal der Nebel sich zerteilt hat, in dem wir leben, dann wird man sich fragen, warum nur einig, warum nicht alle sich so verhalten haben." So schrieb Martin Gauger an seinen Bruder Siegfried im April 1940. Joachim Schmidt von der Friedensbibliothek, Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche in Berlin Brandenburg sammelte bedeutende Fotos und Briefe und stellte die Exponate zusammen.  

Antritt als leitender Jurist und Geschäftsführer im Sekretariat des Rates

Martin Gauger, Berlin, 1936,© Familienarchiv Gauger

Ab März 1936 - nach dem Bruch der Bekennenden Kirche und der Gründung des Rates der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands („Lutherrat“) - wurde Gauger die Stelle des leitenden Juristen und Geschäftsführers im Sekretariat des Rates übertragen. Im Bild Martin Gauger in Berlin 1936. 

40. Hochzeitstag der Eltern

Familie Gauger, 40. Hochzeitstag der Eltern.,© Familienarchiv Gauger

Am 40. Hochzeitstag der Eltern, 1. von links: Martin Gauger. Elberfeld, 29. September 1933.  

Ausstellung im Landeskirchenamt

Ausstellung zum Gedenken Martin Gaugers im Landeskirchenamt,© ELKB

Die Ausstellung, die Joachim Schmidt von der Friedensbibliothek konzipierte und kuratierte, wird im Landeskirchenamt in München gezeigt. Der Politikbeauftragte der Landeskirche, Kirchenrat Dieter Breit, holte die Ausstellung nach München. Mitarbeitende und Gäste zeigen großes Interesse.

Gaugers Mutter wandte sich an die Landesbischöfe Meiser (Bayern) und Wurm (Württemberg) mit der Bitte, sich dafür einzusetzen, dass ihr Sohn zumindest ein ordentliches Gerichtsverfahren zugestanden bekäme. Beide Bischöfe haben diesen Wunsch nicht erfüllt.
Am 15. April 1941 wurde Martin Gauger in der Gaskammer in Pirna ermordet.

Im Jahr 2006 hatte Landesbischof Johannes Friedrich gegenüber der (inzwischen verstorbenen) Schwester Gaugers, Hedwig Heiland, namens der Vereinten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und des Landeskirchenrats der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sein Bedauern über das Versagen der Kirche gegenüber Dr. Gauger ausgesprochen. Nach dem 25. April 1940 hatte sich keine kirchliche Stelle mehr für ihn verwendet oder Fürsprache geleistet.


27.04.2015 / ELKB
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