Wort zum Reformationstag

Kein neues Phänomen

Martin Luther

Dem Werk und Wesen Martin Luthers gedenken die evangelischen Christen am Reformationstag.

Bild: (c) iStockPhoto / Robert Mandel

Flucht wegen Glaubens ist kein neues Phänomen. War die Reformation ein Kind der Ersten Globalisierung? Die Welt war im Umbruch damals vor 500 Jahren.

Amerika war gerade entdeckt. Der neue Stand der bürgerlichen Handelsherren knüpfte ein weltweites Netz von Handelsbeziehungen. Die Fugger entwickelten ein weltweites System für Finanztransfers und wurden zu den reichsten Bankiers des 16. Jahrhunderts. Ideen des Humanismus und ein neuer Freiheitsbegriff trafen auf die Sehnsüchte unzähliger leibeigener Bauern nach einem menschenwürdigen selbstbestimmten Leben.

In dieser Zeit des Aufbruchs trafen Luther, Calvin und Zwingli mit ihren Lehren von einem gnädigen Gott, von der Freiheit eines Christenmenschen oder von der Erwählung durch Gott ohne Ansehen des Standes den Nerv der Menschen, weil sie Antworten des christlichen Glaubens hatten auf die Nöte ihrer Zeit. So sind die Memminger Bauernartikel, geschrieben 1525 auch von evangelischen Pfarrern, ein frühes Manifest der Menschenrechte.

Rasend schnell verbreitete sich diese Botschaft über fast ganz Europa. Und leider mussten bald schon Menschen wegen ihres Glaubens aus der Heimat fliehen, erst einzelne, dann ganze Völkerwanderungen, immer wieder und über die Jahrhunderte hinweg. So fanden unzählige aus Frankreich geflohene reformierte Hugenotten eine neue Heimat im Norden Deutschlands und bereicherten schnell die Kultur und das Wirtschaftsleben des emporstrebenden Preußen. Die aus dem Salzburgischen vertriebenen Protestanten lagerten viele Monate vor den Toren Augsburgs und wurden von der dortigen Gemeinde mit dem Lebensnotwendigen versorgt, bis sie weiterzogen, einige bis nach Georgia in Amerika, wo sie ihren evangelischen Glauben frei leben und verbreiten konnten.

Aber auch Menschen, die in ihrer Heimat kein Auskommen hatten, zogen hinaus in die Welt, gründeten Städte mit deutschen Namen und lebten ihren Glauben in evangelischen Gemeinden. Flucht aus Glaubensverfolgung, aber auch aus wirtschaftlicher Not sind keine Erscheinung unserer Zeit. Und oft genug waren es Deutsche, die ihr Land verließen und sich in fernen Kontinenten ansiedelten in der Hoffnung auf ein Leben, das diesen Namen verdient.

Heute kommen Menschen zu uns. Sie kommen aus Situationen des Krieges, der Verfolgung und der Not. Es sind viele Menschen. Und sie brauchen unsere Hilfe. Auch das ist ein Erbe der Reformation. Dass Menschen ein Recht haben, ihren Glauben und ihre Überzeugung frei zu leben, auch wenn es nicht unser Glaube oder unsere Überzeugung ist. Dass Menschen menschenwürdig leben können, und wir von unserem Reichtum abgeben müssen, wenn wir die Botschaft der Bibel ernstnehmen.

Die Fluchtbewegungen der Gegenwart sind ein Kind der Globalisierung unserer Zeit. Natürlich geht es oft genug um Verfolgung wegen des Glaubens, der Freiheit oder der politischen Überzeugung. Viele Menschen werden aber auch vertrieben durch Kriege, bei denen es um die Ressourcen unserer Erde geht. Wir Menschen in den Industrienationen des reichen Nordens leben seit vielen Jahren von den Rohstoffen und Naturschätzen des armen Südens unserer Erde. Wenn viele Menschen von dort zu uns fliehen, dann auch, weil sie nie teilhaben konnten am Reichtum der Schätze ihres eigenen Landes.

Mit der Reformation nahm die Botschaft ihren Anfang, dass jeder Mensch in seinem Glauben und seinen Überzeugungen nur Gott allein verantwortlich ist, dass jeder diesen seinen Glauben und seine Überzeugungen aber frei leben können muss. Wenn wir das ernst nehmen, dann sind wir gerufen, aus der Freiheit eines Christenmenschen heraus jene bei uns aufzunehmen, die sich zu uns flüchten und ihnen Herberge zu bieten, damit sie in Frieden und Freiheit leben können, die auch uns geschenkt sind.

Zur Person

Regionalbischof Michael Grabow, Bild: © Kirchenkreis Augsburg

Oberkirchenrat Michael Grabow

Oberkirchenrat Michael Grabow ist Regionalbischof im Kirchenkreis Augsburg und Schwaben.

29.10.2015 / Oberkirchenrat Michael Grabow/epd
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