Israelsonntag

Weinen und Lachen mit Jerusalem

Jerusalem

Jerusalem - Hauptstadt Israels

Bild: iStockPhoto / Small_aicragarual

Der 24. August wird in den Evangelischen Gemeinden als „Israelsonntag“ begangen - ein Tag des Gedenkens, der Dankbarkeit für das christlich-jüdische Gespräch und des Gebets für das Heilige Land.

Der Israelsonntag - traditionell der Gedenktag der Zerstörung des Jerusalemer Tempels - wird heute mehr und mehr als Erinnerung an die Gemeinsamkeiten von Juden und Christen begangen.

Hatte manche christliche Predigt zum "Judensonntag" nicht selten das antijudaistische Zerrbild des Judentums als Mumie vor Augen, so wird jetzt offen und freudig der religiösen Gemeinsamkeiten mit dem zeitgenössischen Judentum gedacht: „Schalom Chawerim“ erklingt es in manchen christlichen Gottesdiensten, und auch ein jüdischer Kreistanz, eine Hora, wurde schon einmal im Kirchenraum aufgeführt.

Welche Bedeutung hat der „Israelsonntag“ 2014? Fragen an Johannes Wachowski, den Vorstandsvorsitzenden des Vereins „Begegnung von Christen und Juden.Bayern“.

Zitat

Gott, wir denken an alle,
die sich das Heilige Land miteinander teilen,
an Israelis und Palästinenser,
an Juden, Christen und Muslime.
Wir bitten, dass sie ohne Angst leben können,
dass die Menschenrechte ihr Recht bekommen,
dass es Frieden und Versöhnung gibt –
dort und überall auf der Welt.

Aus dem Gottesdienstentwurf für den Israelsonntag

Herr Dr. Wachowski, was feiern Sie am „Israelsonntag"?

Johannes Wachowski: Ich feiere die Verbundenheit meines Glaubens mit dem Glauben der Juden. Ich kenne das Trennende und das Verbindende. Ich bin dankbar für all‘ das, was ich in Israel in zwei Studienjahren lernen durfte und freue mich über jede neue Einsicht. Die bekommt man geschenkt, wenn man seinen Glauben dialogisch bedenkt und lebt.

Ist das Evangelium, in dem Jesus über Jerusalem weint, nicht sehr missverständlich?

Johannes Wachowski: Ich habe schon in und über Jerusalem geweint. Die Serie der Terroranschläge in Jerusalem während der zweiten Intifada trieben mir die Tränen in die Augen. Und ich selbst bin auch schon einmal in dieser Zeit in Jerusalem aus einem Bus ausgestiegen, weil ich vor einem Anschlag Angst hatte: Danach war mir zum Heulen zu Mute!

Wenn man allerdings mit der Perspektive des christlichen Triumphalismus an dieses Evangelium herangeht und die Zerstörung als Strafe für den Unglauben der Juden verkündigen will, dann werden die Tränen des Juden aus Nazareth über seine Stadt Jerusalem und über seine Glaubensgeschwister für einen christlichen Kleinglauben funktionalisiert, der das Judentum richten und sich selbst erheben möchte.

Was ist Ihrer Meinung nach die Botschaft eines christlichen Israelsonntags angesichts der aktuellen Entwicklungen im Heiligen Land?

Johannes Wachowski: Christen sollten zuerst auf ihre Geschichte mit den jüdischen Geschwistern blicken und dann die Worte stark machen, die durch den christlich-jüdischen Dialog der letzten 50 Jahre neu gefunden wurden, wie zum Beispiel: das Bekenntnis der eigenen Schuld, die Demut gegenüber dem anderen Glauben, das vorurteilslose Hören der Geschichte des Anderen, die Empathie für das Anderssein und die Versöhnung.

Und nun kann jede Leserin und jeder Leser selbst überlegen, welche Resonanzen diese Worte jeweils zum Beispiel bei der jungen, lebenshungrigen Startup-Generation in Tel Aviv oder bei den jungen, hasserfüllten Kämpfern der Hamas hervorrufen würden.

Ich habe dazu eine klare Ansicht: Der Terror der Hamas ist blind für solche Worte. Auf israelischer Seite sind sie noch verbreitet, wenngleich sie es in den letzten Jahren immer schwerer haben.

Sie sind Vorstand des Vereins „Begegnung Christen und Juden.Bayern.“ Wie wird hier mit dem Konflikt zwischen Israel und Palästina umgegangen?

Johannes Wachowski: Viele von uns haben lange Zeit in Israel gelebt oder fahren jedes Jahr mindestens einmal dorthin. Das hilft uns, dass wir der einseitigen medialen Inszenierung nicht auf den Leim gehen. Wir versuchen beide Narrative zu hören, wenngleich man merkt, wie schwer es ist, eine neutrale Seite zu finden. Das ist uns auch deutlich in der Erklärung geworden, die wir beiden Vorstände, Pfarrer Hans-Jürgen Müller und ich, abgegeben haben. Sie endet mit folgenden Worten:

„Wir stehen an der Seite Israels. Wir beten für alle Menschen, die Opfer der augenblicklichen Auseinandersetzungen sind. Unser Mitgefühl gilt den Opfern auf beiden Seiten. Die Menschen in Gaza sehen wir als Opfer der Terrororganisation der Hamas: Ohne Raketen auf Israel gäbe es dort keine zivilen Opfer! In Deutschland wissen wir uns besonders an die Seite der jüdischen Gemeinden und aller hier lebenden Juden gestellt. Wir verurteilen jede Form von Antisemitismus. Wir setzen uns ein, für eine nüchterne und vernünftige, journalistisch hintergründig recherchierte und verantwortliche Berichterstattung. Wir wünschen, dass die Auseinandersetzungen möglichst schnell zu einem Ende kommen, wissen aber auch, dass von Gaza nie wieder Raketen auf Israel fallen dürfen!“

Was für ein Tag sollte der Israelsonntag für Sie also sein?

Johannes Wachowski: Der Israelsonntag 2014 sollte ein Tag der Freude über die Gemeinsamkeiten von Christen und Juden sein. Er sollte ein Tage des Gedenkens sein, aber auch der Dankbarkeit, was sich durch das christlich-jüdische Gespräch alles verändert hat. Und vor allem sollte dieser Sonntag auch ein Tag des Gebets sein - am besten mit den Worten Israels, dass „Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; dass uns auch der HERR Gutes tue und unser Land seine Frucht gebe; dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.“ (Psalm 85)

Zur Person

Israelsonntag, Wachowski , Bild: © bcj.Bayern

Dr. Johannes Wachowski

Erster Vorstandsvorsitzender des Vereins Begegnung von Christen und Juden. Bayern (BCJ.Bayern). Der Verein hat die Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zum Ziel. BCJ.Bayern tritt ein für ein tieferes Verstehen des Judentums unter den Christen und des Christentums unter den Juden.

20.08.2014 / Anne Lüters
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