Mitten im Leben

Vikare Kurs 2016 im PS Augsburg

Die Vikarinnen und Vikare des "fliegenden Predigerseminars", der neuen Seminar-Außenstelle in Augsbúrg

Bild: Auers

30 Vikare und Vikarinnen haben ihre Ausbildung begonnen. Sie machen Station im Predigerseminar in Nürnberg und auch im neuen „fliegenden“ Predigerseminar in Augsburg.

Sie haben Auslandszeiten hinter sich, manche eine Berufsausbildung oder eine Promotion, alle aber das Abschluss-Diplom des Studiengangs Evangelische Theologie in der Tasche und freuen sich nun auf die praktische Ausbildungsphase zum Pfarrberuf: 30 Frauen und Männer haben im September als Vikare und Vikarinnen angefangen.

Genau 30 Monate auch dauert der sogenannte „Vorbereitungsdienst“ (das Vikariat), in denen die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer die meiste Zeit in einer Kirchengemeinde unter Anleitung erfahrener Mentoren und Mentorinnen üben und Erfahrungen sammeln. Immer wieder, insgesamt 18 Wochen, geht es ins Predigerseminar zu Seminaren, Reflexion und Austausch in der Gruppe.

Zitat

Im Vikariat möchten wir sie darauf vorbereiten, ihre pastorale Identität zu entwickeln und zu pflegen. Dazu gehört, dass sie als Person in der Rolle stimmig Beziehung aufnehmen, Theologie und Lebenswelt hilfreich ins Gespräch bringen und entscheidungskräftig und selbstorganisiert handeln.

Pfarrer Thilo Auers, Studienleiter im Predigerseminar Nürnberg
14 Vikarinnen und Vikare können sagen, dass sie ein Stück Ausbildungsgeschichte der Landeskirche mitschreiben: Sie sind die Gruppe des „fliegenden Predigerseminars“, die nicht im Stammhaus in Nürnberg, sondern als Gäste des „Diako“ auf dessen Gelände in Augsburg die meisten Seminarwochen erleben werden. Diako – der Kürzel steht für die evangelische Diakonissenanstalt, ein soziales, christlich geprägtes Dienstleistungszentrum für „Gesundheit, Bildung und Pflege“ mit Klinik, Heimen, Schulen und Ausbildungsstätten und eben auch einem Tagungshotel und Seminarräumen.

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Eine altgewordene Diakonisse der Schwesternschaft schiebt sich mit ihrem Rollator über den Hof, um die Ecke biegt ein Rettungswagen, Baumaschinenlärm dringt vom Neubau herüber, Businessleute ziehen ihre Trolleys zum Hotel – in Augsburg geschieht Pfarrerausbildung mitten in der Stadt, mitten im Leben. Das Diako versteht sich zwar auch als Oase – wofür zum Beispiel der üppige blühende Garten steht, aus dem Vikarin Simone Fucker (Ansbach-Friedenskirche), die gelernte Gärtnerin, Blumen für den Meditationsraum schneiden darf.

Andererseits rauscht draußen mehrspurig der Verkehr vorbei, steht ein tristes Parkhaus für die Schattenseite urbanen Lebens, eine Großbrauerei mit Schornstein und Biergarten für deren Freuden und der ICE-Bahnhof und der Fanshop des Erstligisten FCA sind auch nur ein paar Gehminuten entfernt. Wie sehr Pfarrerinnen und Pfarrer im Leben und in der Öffentlichkeit stehen, haben die meisten schon in den ersten beiden Gemeindewochen erlebt, so Alois Vogl (Freising), der gleich mal eine Einladung ins Rathaus erhielt und das Angebot, sich in die Stadtentwicklung einzubringen.

Auch andere staunten über den Vertrauensvorschuss wie Bernd Rosner (Ehingen), dem beim Kauf eines Bügelbrettes das Kleingeld ausging, Kartenzahlung nicht möglich war, aber ein Kredit für den neuen Vikar selbstverständlich. Rosner ist einer von drei „Spätberufenen“, die quasi über einen zweiten Bildungsweg (die Pfarrverwalterausbildung an der kirchlichen Hochschule Neuendettelsau) in die Pfarrer-Laufbahn gekommen sind. Vorher war er erfolgreich in einem Lebensmittelkonzern tätig.

Vikarin Claudia Mühlbacher, Gmund am Tegernsee und Vikarin Simone Fucker, Ansbach-Friedenskirche

Vikarin Claudia Mühlbacher (links), Gmund am Tegernsee und Vikarin Simone Fucker , Ansbach-Friedenskirche,© Seifert

"Das Vikariat ist für mich Ausbildungs- und Ausprobierzeit, die auf den wohl schönsten Beruf vorbereitet." (Claudia Mühlbacher, links)

"Das Vikariat ist für mich wie der Frühling: theoretisch Angelegtes kommt praktisch zum Erblühen und viel eindrücklich Neues sprießt auf dem Feld der Erfahrungen." (Simone Fucker, rechts)

 

 

Vikarin Katharina von Frowein, Traunreut

Vikarin Katharina von Frowein, Traunreut, und Vikar Alois Vogl, Freising,© Seifert
"Das Vikariat ist für mich nicht nur eine inhaltliche Ausbildung, sondern auch eine Zeit der persönlichen und spirituellen Weiterentwicklung."

Vikar Alois Vogl, Freising

Vikar Alois Vogl, Freising,© Seifert
"Das Vikariat ist für mich der Ort, der Studium der Theologie und gelebten und praktizierten Glauben in der Gemeinde vor Ort verbindet. Zudem ist es der Platz um sich selbst auszuprobieren und zu experimentieren."

Vikarin Yvonne Renner, München St. Lukas (rechts)

Vikarin Claudia Mühlbacher (links), Gmund am Tegernsee, Vikarin Yvonne Renner, München St. Lukas,© Seifert
„Vikariat ist für mich, jeden Tag eine neue Herausforderung, das im Studium Erlernte nun mit der Praxis zusammen zu bringen und damit Theologie mitten im Leben zu treiben.“

Vikar Alexander Proksch, Neuburg an der Donau

Vikar Alexander Proksch, Neuburg an der Donau,© Seifert
„Das Vikariat ist für mich eine Zeit des Lernens und Experimentierens, um mir das notwendige Handwerkszeug für den Pfarrdienst anzueignen. “

Vikar Bernd Rosner, Ehingen

Vikar Bernd Rosner, Ehingen und Vikarin Claudia Mühlbacher, Gmund am Tegernsee,© Seifert

"Das Vikariat ist für mich ein lang erwarteter Schritt auf dem Weg in den Dienst in der Gemeinde."

Vikarin Hanna Stahl, München Bethlehemskirche

Vikarin Hanna Stahl, München Bethlehemskirche,© Seifert
"Das Vikariat ist für mich ein Aufbruch zu den Menschen. Gespräche und Gottesdienste eröffnen mir - handelnd und hörend - neue Wege."

Als Studienleiter Thilo Auers am ersten Tag die Frage stellt „woran haben Sie gemerkt, dass Sie Vikare sind“, wird deutlich, dass der Bezug der ersten eigenen Wohnung nach der Studentenbude eine Zäsur darstellt. Es sind aber auch schon tiefgehende Erfahrungen, „dass mir die ganze Lebensgeschichte erzählt wird“ (Maria Ammon, Pfaffenhofen), „dass mir beim Blick über die Gottesdienstgemeinde deutlich wurde, dass ich hier nun das Evangelium verkündige“ (Katharina von Frowein, Traunreut) und dass ein mächtiger Kirchenraum wie St. Lukas in München wirkt, in dem Vikarin Yvonne Renner nun als Liturgin und Predigerin agieren wird.

Immer wieder aber sind es erste Begegnungen, aus denen Motivation und Energie gezogen werden – auch wenn es manchmal bereits ein gerüttelt Maß an Erwartungen gibt, das da auf die Berufsanfänger einprasselt. Schrecken lassen sie sich davon aber nicht. Schließlich haben die meisten sich einen „Traum erfüllt“, wie Pfarrverwalter Andreas Gatz erzählt, der heimatnah im Dekanat Nördlingen in einer ganzen Reihe von Kirchengemeinden zuhause sein wird. Viele sind in die Kirche hineingewachsen, wurden durch ein christliches Elternhaus geprägt, kennen das Gemeindeleben als Jugendleiter und in vielen anderen Funktionen. So ist das neue nicht allzu unbekannt. Mancher entschloss sich auch zum Theologiestudium, um es besser zu machen als das, was er in der eigenen Gemeinde oder im Religionsunterricht erlebte. Gewiss nicht die schlechteste Motivation.


14.10.2015 / Frank Seifert