Thema Sterbehilfe

"Töten muss ein Tabu bleiben"

Schwarzgekleidete Frau in einem herbstlichen Park mit bunten Blättern

Sterbehhilfe, Tod und Trauer sind sensible Themen - Landesbischof Bedford-Strohm setzt sich mit ihnen in seinem neuen Buch auseinander.

Bild: ©istockPhoto/photosbyash

Landesbischof Bedford-Strohm spricht sich gegen organisierte Sterbehilfe aus. Seine Ansichten beschreibt er derzeit in einem Buch, das der Kösel-Verlag Anfang 2015 auf den Markt bringen will.

Mit seinem klaren "Nein" vertritt Bedford-Strohm zwar die Meinung der Kirchen, offenbar aber nicht die mehrheitliche Meinung der Deutschen: Zwei Drittel sind laut einer vor kurzem veröffentlichten Allensbach-Studie dafür, aktive Sterbehilfe bei schwerstkranken Menschen zu erlauben; 60 Prozent wollen, dass private Sterbehilfe-Organisationen wie etwa in der Schweiz zugelassen werden. Warum er solche Umfragen für fragwürdig hält und wie wichtig er die Palliativmedizin beim Thema "Sterbehilfe" findet, erklärt Bedford-Strohm im epd-Gespräch.

epd: In dem Buch, an dem Sie derzeit schreiben, setzen Sie sich kritisch mit der Sterbehilfe auseinander. Darunter kann man Unterschiedliches verstehen. Wo ziehen Sie Ihre persönliche Grenze?
Heinrich Bedford-Strohm: "Ich beschreibe in meinem Buch sehr genau, dass die passive Sterbehilfe, präziser das ,Sterbenlassen', auf jeden Fall zugelassen sein muss. Denn das heißt ja nur, dass man das Leben nicht weiter mit Maschinen verlängert. Dieses Sterbenlassen ist gesetzlich zugelassen und das muss auch erlaubt bleiben. Es kann nie ein Ziel sein, Menschen mit aller Gewalt am Leben zu erhalten, wenn sie das selbst gar nicht wollen. Wir haben mit guten Gründen das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. Auch die indirekte Sterbehilfe muss aus meiner Sicht gesetzlich zugelassen bleiben. Das ist die Form der Begleitung sterbender Menschen, die der Schmerzstillung den Vorrang gibt - selbst wenn durch die Medikamente das Leben vielleicht verkürzt wird. Aktive Sterbehilfe, präziser gesagt ,Tötung auf Verlangen', darf auf keinen Fall eine gesetzlich zugelassene Handlungsoption werden."

epd: Der Bundestag will im kommenden Jahr die Sterbehilfe neu regeln - konkret die ärztliche Suizidbeihilfe. War die aktuelle Debatte Anlass für Ihr Buch?
Bedford-Strohm: "Ich habe mich schon mit dem Thema beschäftigt, als ich noch kein Landesbischof war, sondern Theologieprofessor an der Universität. Mit meinem Buch habe ich aber erst in diesem Jahr begonnen. Die aktuelle politische Debatte war natürlich nochmal zusätzlicher Anlass, meine Gedanken genauer auszuführen. Die Kirchen müssen sich schließlich zu dem Thema äußern und Position beziehen."

epd: Welche Entscheidung wünschen Sie sich aus theologisch-ethischer Sicht vom Bundestag?
Bedford-Strohm: "Ich bin der klaren Meinung, dass es richtig ist, was der Bundestag jetzt vorhat: nämlich die organisierte oder gar kommerzielle Hilfe zum Suizid gesetzlich zu verbieten. Es stellt sich aber natürlich auch die Frage, wie man mit dem ärztlichen Bereich umgeht. Ich halte wenig davon - wie es in einem der Gesetzesentwürfe vorgeschlagen wird -, wenn man die ärztliche Suizidbeihilfe gesetzlich generell verbietet, zugleich aber Einzelfälle definiert, wo sie doch erlaubt sein soll. Durch solche Ausnahmeregelungen besteht die Gefahr, dass ärztliche Suizidbeihilfe durch die Hintertür doch zu einer normalen Option für unheilbar Erkrankte und ihre Angehörigen wird und es darauf gleichsam einen Rechtsanspruch gibt. Es ist wichtig, dass das Tötungstabu wirklich ein Tabu bleibt!"

epd: Das heißt, Ärzte sollten nicht durch ein Gesetz zur Suizidbeihilfe ermächtigt werden, sondern in Grenzfällen auf ihr Gewissen hören?
Bedford-Strohm: "Bisher haben sich die Ärzte meiner Meinung nach sehr verantwortungsbewusst gezeigt. Wenn es Grenzsituationen gibt, in denen sich einzelne Ärzte dafür entscheiden, einem Patienten beim Suizid zu helfen, dann müssen sie das vor ihrem Gewissen verantworten. Eine gänzlich andere Sache ist es aber, wenn der Gesetzgeber die Botschaft aussendet, dass ärztliche Suizidbeihilfe in Einzelfällen erlaubt ist. Das halte ich für falsch."

epd: Unterstützung bekommen Sie von führenden Palliativmedizinern in Deutschland, die ganz klar keine Suizidbeihilfe leisten wollen.
Bedford-Strohm: "Ich begrüße ihre vor kurzem veröffentlichte Stellungnahme sehr. Denn sie zeigt, dass gerade Menschen, die jeden Tag mit Sterbenden zu tun haben, einen ärztlich assistierten Suizid ablehnen und stattdessen auf würdevolle Sterbebegleitung setzen. Damit sprechen sie vielen Menschen in der Hospizbewegung oder in Palliativstationen aus der Seele."

epd: Bereitet Ihnen dann die kürzlich erschienene Allensbach-Umfrage Sorgen, wonach zwei Drittel der Deutschen Sterbehilfe befürworten?
Bedford-Strohm: "Ich richte meine eigene Meinung zu bestimmten Fragestellungen nicht nach Umfragen aus, sondern nach meinen inneren Überzeugungen. Deshalb können solche Umfragen nie ein entscheidendes Argument für meine Positionen sein. Der zweite Punkt ist, dass solche Umfragen mit großer Vorsicht zu genießen sind. Solche Umfragen werden Menschen unvorbereitet vorgelegt - ohne dass sie darüber informiert werden, welche Möglichkeiten es heute gibt, schmerzfrei und in liebevoller Begleitung zu sterben. Würde man die Menschen darüber informieren und sie dann zu Sterbehilfe befragen, käme man sicherlich zu ganz anderen Ergebnissen."

epd: Das bedeutet: Sie wollen, dass das palliativmedizinische Angebot ausgebaut wird...
Bedford-Strohm: "Das ist in der Tat ein ganz zentraler Punkt. Es reicht nicht aus, organisierte Beihilfe zum Suizid gesetzlich zu verbieten. Der Prozess muss auch begleitet sein von Maßnahmen für Menschen, die am Lebensende stehen und würdig sterben wollen. Das bedeutet, dass wir für ihre Begleitung viel Geld in die Hand nehmen müssen. Heute kommen immer mehr Menschen in Pflegeheime, die deutlich älter sind und im Heim weniger lang zu leben haben, als das früher der Fall war. Das heißt, Pflegeheime werden immer öfter mit der Frage nach einem würdevollem Sterben konfrontiert, sind aber personell und fachlich oft nicht dafür ausgestattet. Es braucht eine intensive und liebevolle Betreuung der Sterbenden und eine optimale medizinische Begleitung mit Schmerzstillung. Die Palliativmedizin ist noch lange nicht in ihren Möglichkeiten ausgereizt."

epd: Der EKD-Ratvorsitzende Nikolaus Schneider ist wie Sie gegen Suizidbeihilfe, er würde aber seine krebskranke Frau zu einer Sterbehilfeorganisation in die Schweiz begleiten. Vor wenigen Tagen nahm sich der frühere MDR-Intendant Udo Reiter, der sich immer für ein selbstbestimmtes Sterben ausgesprochen hatte, das Leben. Hat das Anlass zur Änderung Ihrer Meinung zur Sterbehilfe gegeben?
Bedford-Strohm: "Nein. Das hat keinen Anlass für eine Änderung meiner Sicht der Dinge gegeben - nur Anlass zur weiteren Klärung. Nikolaus Schneider hat mit seinen Äußerungen nie die Positionen der EKD verlassen, sondern er hat in ganz begrenzter Weise zu einem ganz begrenzten Problem Stellung genommen. Dieses Problem heißt: 'Was mache ich, wenn der Mensch, mit dem ich durchs Leben gehe, an einem so zentralen Punkt nicht der Überzeugung folgen kann, die ich selbst habe?' Soll ein Ehemann seine Frau in diesem Falle allein sterben lassen? Da hat Nikolaus Schneider für sich ganz klar 'Nein' gesagt."

epd: Würden Sie auch jemanden in die Schweiz begleiten wie Nikolaus Schneider?
Bedford-Strohm: "Das ist eine Frage, die für mich nicht relevant wird. Ich spreche mit meiner Frau immer wieder über das Thema Sterben, und wir sind da völlig einer Meinung."


04.11.2014 / epd
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