Neuer Synagogengedenkband vorgestellt

"Mehr als Steine"

Titelbild des Synagogengedenkbandes

"Wir sind mehr als Steine" hat Max Fleischmann gesagt. Auf der Aufnahmen von 1938 ist er in der letzten Reihe (2. v. li) unter den anderen Männern in der Erlanger Synagoge zu sehen.

Bild: Sammlung Ilse Sponsel, Erlangen

Menschen, Gemeinden und Geschichten, nicht nur Gebäude stehen im Mittelpunkt des dritten Teils des Synagogen-Gedenkbandes „Mehr als Steine“, der in der vergangenen Woche vorgestellt wurde.

Im jüdischen Würzburger Gemeindezentrum "Shalom Europa" präsentierte das Herausgeberteam, Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid und Gury Schneider-Ludorff das knapp 900 Seiten starke Werk. Darin sind zum Teil erstmals veröffentlichte Bilder, Dokumente und Zeitzeugenberichte über zahlreiche jüdische Gemeinden aus dem westlichen Teil Unterfrankens gesammelt. Aufgenommen wurden Gemeinden, die sich bis in die 1930er Jahre in einer Synagoge versammelten.

Fünf Fragen an den landeskirchlicher Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog, Pfarrer Axel Töllner, der selbst an der Entstehung des Gedenkbandes beteiligt war:

Herr Töllner, was darf man von dem neuen Synagogengedenkband erwarten?

Axel Töllner: In dem Band wird die Geschichte der jüdischen Gemeinden zwischen Aschaffenburg und Würzburg lebendig. Dazu wurde eine ganze Reihe von bisher unveröffentlichten Bildern und Archivquellen verwendet. Man wird Details erfahren, die man bisher nicht gewusst hat und Abbildungen von Synagogen sehen, von denen man bisher noch nicht wusste, wie sie ausgesehen haben. Man wird außerdem eine Menge von Ergebnissen wiederfinden, die Heimatforscher in den letzten Jahrzehnten erarbeitet haben. Auch das zu sammeln ist eine Aufgabe des Gedenkbandes.
Er erzählt über die Situation von Juden und jüdischen Gemeinden vom 12. bis ins 21. Jahrhundert: Wie ist das jüdische Leben auf dem Land gewesen? Wie waren Jüdinnen und Juden in ihren Ortschaften verwurzelt? Wie war das Zusammenleben mit den Christlichen Nachbarn?

Natürlich ist dort auch zu lesen, was im Nationalsozialismus durch nichtjüdische Bürger zerstört wurde, wie viele sich an der Zerstörung beteiligt haben und auch davon profitiert haben. Man kann beispielsweise lesen, wie Schulkinder jüdische Lehrer verhöhnt haben oder wie die nichtjüdische Bevölkerung sich an Grundstücken und Mobiliar von jüdischen Familien bereichert hat. Aber der Schwerpunkt liegt nicht nur auf dem Nationalsozialismus. Wir wollen zeigen, welch reiche Kultur über die Jahrhunderte gewachsen ist, um dann auch zu sehen, was wir mit dem Holocaust verloren haben. Und wir wollen zeigen, wie jüdisches Leben seit 1945 weitergegangen ist und auch wieder aufblüht.

Was steht hinter dem Titel „Mehr als Steine“ ?

Axel Töllner: Dieses Zitat ist von einem Emigranten aus Erlangen, Max Fleischmann, und bezieht sich unmittelbar auf das Titelbild. Dieses stellt die Männer in der jüdischen Gemeinde in Erlangen dar, unter denen auch Max Fleischmann ist. Fleischmann macht darauf aufmerksam, dass jeder dieser Männer ein persönliches Schicksal hatte und dass sie eben „mehr als Steine“ gewesen sind. Für uns ist das der Impuls gewesen, nicht nur die Gebäude und Institutionen darzustellen, sondern auch den Menschen ein Denkmal zu setzen, die dort Zentren für ihre jüdische Identität gehabt haben.

900 Seiten für West-Unterfranken – ist das nicht sehr ausführlich?

Axel Töllner: Ja, schon, aber erstens gab es früher sehr viele kleine und mittlere Gemeinden in Unterfranken, die wir alle dokumentieren wollten. Im gesamten unterfränkischen Raum gab es um 1930 herum etwa 110 jüdische Gemeinden. Das zweite ist, dass wir mit Würzburg eine ganz besonders bedeutende jüdische Gemeinde haben und weitere bedeutenden Gemeinden in Aschaffenburg, Miltenberg und Heidingsfeld. Wir haben erfreulicherweise wesentlich mehr Archivmaterial gefunden als erwartet. Und wenn sie interessantes Archivmaterial finden, dann wollen Sie es auch darstellen.

Zitat

Wir wollen zeigen, welch reiche Kultur über die Jahrhunderte gewachsen ist, um dann auch zu sehen, was wir mit dem Holocaust verloren haben. Und wir wollen zeigen, wie jüdisches Leben seit 1945 weitergegangen ist und auch wieder aufblüht."

Axel Töllner

Die Evangelisch Lutherische Kirche in Bayern fördert dieses Projekt mit erheblichen Personal- und Sachmitteln. Warum investiert die ELKB hier so viel?

Axel Töllner: Einerseits, weil sie sich in einer Erklärung 1998 selbst verpflichtet hat, mehr über die jüdische Geschichte und die Beziehungen von Christen und Juden wissen zu wollen. Andererseits, weil die Geschichte der Juden in Bayern unsere Geschichte ist. Wenn wir uns mit den jüdischen Nachbarn beschäftigen, dann lernen wir uns selber besser kennen: „Wo kommen wir her, was hat uns geprägt?“ Wir lernen dabei, wie Zusammenleben gelingen kann, aber auch, wie tief verwurzelt Judenfeindschaft in unserem Denken ist. Zunächst geht es erst einmal darum, zu erkennen, wie prägend das gewesen ist und nach wie vor auch ist. Wenn man sich klar macht, wie viel in der Vergangenheit schief gelaufen ist, dann erkennt man, dass beharrliches Aufklären und Arbeiten an der Versöhnung dringend nötig ist.

Ist der Band nur etwas für Liebhaber?

Axel Töllner: Nein, ich denke, man kann ihn ganz praktisch einsetzen, weil man eben etwas von Menschen erfährt. Beispielsweise in der in der Schule. Ich bin überzeugt davon, dass Jugendliche oder Kinder, wenn sie erfahren, was jüdischen Kindern in einem ähnlichen Alter zugestoßen ist, dies ganz anders aufnehmen als wenn sie irgendwelche trockenen Zahlen lesen. Ich denke wirklich, dass Geschichte dadurch etwas anschaulicher wird. Nicht nur die nationalsozialistische Zeit, sondern auch die Zeit davor. Vieles kann man sich doch gar nicht mehr vorstellen: Das Ringen um Gleichstellung im 19. Jahrhundert beispielsweise, in einer Zeit, in der es nicht möglich war, einfach so zu heiraten. Auf der anderen Seite gibt es – bei aller Vorsicht – erstaunliche Parallelen. Im 18. Jahrhundert durften Synagogen nicht wie Synagogen aussehen – heute dürfen viele Moscheen nicht wie Moscheen aussehen. Oder die Flüchtlingsdebatte: Im Synagogengedenkband erfährt man, warum beispielsweise Menschen im 19. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert sind – „Wirtschaftsflüchtlinge“, wenn wir es so wollen. Anhand des Synagogenbands kann man Integration und Scheitern von Integration nachvollziehen und zu frappierenden Aha-Erlebnissen kommen.

Zur Person

Axel Töllner, Bild: © bcj Bayern

Dr. Axel Töllner

ist landeskirchlicher Beauftragter für christlich-jüdischen Dialog in der ELKB und Geschäftsführer des An-Instituts für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.


17.07.2015 / ELKB
drucken