Wings of Hope Sommerakademie

"Wir sind doch alle Menschen!"

Sommerakademie in  Dachau

Große Betroffenheit: Diakon Peter Kentzan führt die Teilnehmer der Sommerakademie durch die Gedenkstätte Dachau

Bild: ELKB

Am Freitag ist die achte Sommerakademie der Stiftung Wings of Hope zu Ende gegangen. Dass sie stattfinden konnte, war schon ein Erfolg. Denn etliche der Teilnehmenden kamen aus akuten Krisengebieten.

Am Schluss gibt es doch Tränen. Zwölf Tage lang haben sie miteinander diskutiert, auch gestritten, sind trotzdem im Gespräch geblieben und haben mehr und mehr Verständnis für einander gewonnen. Jetzt steht für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sommerakademie von Wings of Hope der Abschied bevor.

„Erforsche Deine eigenen Ressourcen, sei eine Inspiration!“ unter diesem Thema stand die Begegnungswoche auf dem Labenbachhof in Ruhpolding - eine einzigartige Gelegenheit, zwölf Tage lang in einem geschützten Umfeld zusammenzuleben, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen und sich gegenseitig schätzen zu lernen. Und so trafen sich 25 junge Menschen zwischen 17- und 27 Jahren, deren Hintergrund unterschiedlicher nicht sein könnte: Frauen und Männer aus Bosnien und Herzegovina, die in ihrem Land versuchen, die Schrecken des Bürgerkrieges zu verarbeiten, der vor 20 Jahren in ihrem Land tobte, Deutsche, die nur noch aus Geschichtsbüchern und Zeitzeugenberichten über das Grauen Bescheid wissen, das vor 81 Jahren in ihrem Land begann. Und da sind – erstmals – junge Kurdinnen und Kurden aus dem Irak, deren Volk von Saddam Hussein verfolgt wurde und die jetzt erleben, wie Hass und Intoleranz Tausende von Flüchtlingen in ihre Gebiete treiben.

Keine leichte Entscheidung

In diesem Jahr hätten jedoch fast zwei Volksgruppen gefehlt: Sowohl Palästinenser als auch Israelis wollten angesichts des Gazakrieges zunächst ihre Teilnahme absagen. Die einen, weil sie Unverständnis und Ablehnung ihrer Angehörigen fürchteten, die anderen, weil sie es leid waren, immer angeklagt zu werden und als die Bösen dazustehen.

Kannaan Asi, Jerusalem (Palästina)

Sommerakademie, Kannaan Asi ,© ELKB

"Zuerst wollte ich wegen meiner Familie die Teilnahme in diesem Jahr absagen. Aber dann dachte ich mir: Gerade in unserer derzeitigen Situation müssen wir, die wir uns nach Frieden sehnen, uns verbinden und unsere Stimmen erheben.  Deswegen bin ich wieder dabei."

Kasa Getoo, Jerusaem (Israel)

Sommerakademie - Kasa Getoo,© ELKB
"Der Gazakrieg hat eine hoffnungslose Situation für die kommende Generation hinterlassen. So viel Hass und Gewalt. Es ist mir ganz wichtig, Palästinenser zu treffen, die eine andere Sicht auf den Konflikt haben als ich, aber die das gleiche Ziel haben wie wir: sich zu vernetzen und friedlich zusammen zu leben."

Delman Kareem, Sulaemany (Kurdistan)

Sommerakademie, Delman Kareem,© ELKB
"Ich bin sehr froh, hier neue Beziehungen zu knüpfen und etwas dafür tun zu können, dass der Frieden in der Welt wächst. Momentan ist mein Land Zuflucht für Tausende von Flüchtlingen. Ich möchte die Botschaft mitbringen, dass Kurdistan internationale Unterstützung benötigt von allen, die den Frieden suchen."

Sanja Golijanin, Trnovo (Bosnien und Herzegovina)

Sommerakademie, Sanja Golijanin,© ELKB

"Neben dem Austausch mit anderen Nationen ist mir auch das Gespräch mit den anderen Teilnehmern aus Bosnien und Herzegovina ganz wichtig. Wie schätzen sie die Situation in unserem Land ein? Was können wir für eine bessere Verständigung tun? Wir reflektieren die ganze Zeit."

Alina Mörius, Nürnberg

Sommerakadeie, Alina Mörius ,© ELKB

 "Wir Deutschen können eine Menge aus der Begegnung mit den anderen Nationen lernen: wie froh wir sein können, dass es bei uns keinen Krieg gibt. Wie verletzlich der Frieden ist. Und dass wir etwas dafür tun müssen, um ihn zu bewahren."

Nun schlafen sie doch unter einem Dach: Junge Menschen, die teilweise in den gleichen Städten und doch in zwei verschiedenen Welten leben. Es hat sie Mut und Entschlossenheit gekostet, hierher zu kommen. Und auch in Ruhpolding wird ihnen viel abverlangt. Aber sie haben sich dazu entschlossen, weil sie wissen, dass nur das Gespräch miteinander ihre Völker zu Frieden und Versöhnung führen kann.

Eine Herausforderung

Leicht ist das nicht. Denn es heißt, das eigene Volk aus dem Blickwinkel der Gegner zu sehen. Das fängt mit den "Länderabenden" an, bei denen zweimal das gleiche Land präsentiert wird - einmal als Israel und einmal als Palästina. Manchmal ist das schwer auszuhalten. Wenn die Israelis beispielsweise Bilder zeigen, auf denen sie in Uniform zu sehen sind. "Für uns gehört das zu unserer Identität", erklärt Kasa Getoo aus Israel. Für die Palästinenser und Palästinenserinnen sei jedoch allein schon dieser Anblick ein Affront.

"Es gab schon heftige Diskussionen", erzählt Wings of Hope - Projektmanagerin Martina Bock, die die Sommerakademie mit einem internationalen Team vorbereitet und durchgeführt hat. Die unterschiedliche Bewertung des aktuellen Konflikts sei immer wieder Thema gewesen. "Es kam vor, dass einer den Raum verlassen hat, weil er es nicht mehr aushielt und eine Auszeit brauchte." Das Gespräch sei aber nie abgebrochen. "Das ist das Besondere hier: Tagsüber streiten wir uns heftig, aber abends sitzen wir wieder zusammen und sprechen darüber", habe eine junge israelische Teilnehmerin den Geist der Sommerakademie charakterisiert.

Der Krieg kennt nur Verlierer

Immer wieder muss Lotty Camerman vermitteln. Die Leiterin der israelisch-palästinensischen Gruppe möchte ihren Teilnehmern zeigen, dass es auf beiden Seiten Menschen gibt, die nach Frieden suchen. „Nach dem Waffenstillstand hört man jetzt von allen Seiten: 'Wir haben gewonnen!' Aber wer hat denn gewonnen bei über 2.000 Toten? Wir haben alle verloren! Im Krieg kann man nur verlieren", davon ist Camerman überzeugt. "Viele denken so. Aber man hört uns nicht.“ Die Sommerakademie ist ein Hoffnungszeichen, dass das nicht immer so bleiben muss.

Aber es dreht sich nicht alles um den Palästinakonflikt. Das ist gerade für die Betroffenen entlastend. „Es ist so wichtig, dass hier nicht nur Israelis und Palästinenser zusammen kommen“, meint Kasa Getoo. Die junge Israeli mit den bunten Haarsträhnen schätzt den Austausch mit Menschen aus ganz anderen Kontexten. „Wir hören auch von anderen Geschichten und anderem Leid – und können es mit unserem vergleichen.“

Waffenlieferungen ja oder nein?

Zum Beispiel das, was Delman Kareem erzählt. Der junge Kurde aus dem Irak sieht sich als Botschafter des Staates Kurdistan und bringt allen Teilnehmenden ein Friedenszeichen aus seiner Heimat mit: einen Apfel, kunstvoll mit Nelken bespickt. Er wirbt für Unterstützung für sein kleines Land, das die Millionen von Flüchtlingen kaum fassen kann. Aus Sicht der Kurden geht es nicht ohne Waffenlieferungen aus Europa - aber wie sehen die Europäer das? Plötzlich sind auch die Deutschen zur Auseinandersetzung herausgefordert. Kann man dem einfach zustimmen? Die meisten sind skeptisch. Aber es ist nicht leicht, das denjenigen verständlich zu machen, die so dringend auf Hilfe warten. Erst langsam, in langen Gesprächen über kollektive Traumata, verstehen die anderen, dass die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte so vorsichtig sind.

Besuch in Dachau

Das wird auch bei der Besichtigung der KZ-Gedenkstätte in Dachau deutlich - einem Programmpunkt, der bei keiner Sommerakademie fehlen darf. Das, was für die Deutschen die Erinnerung an ein einzigartiges Grauen ist und sie immer noch beschämt, weckt bei den Gästen Assoziationen zu dem Schrecken im eigenen Land: Delman Kareem denkt an den Mord an den Kurden, „den Genozid“ durch Saddam Hussein. Sanja aus Bosnien erinnert sich an die Bilder der Massengräber in Srebrenica. Und Kannaan Asi, ein Palästinenser aus Jerusalem, vergleicht die Baracken in Dachau mit israelischen Gefängnissen – eine Bemerkung, die seine Nachbarn aus Israel erstarren lässt. Für sie ist dieser Besuch etwas ganz Besonderes, gehört doch der Holocaust ganz wesentlich zu ihrer Geschichte.

So unterschiedlich die Assoziationen – so sehr sind sie in ihrem Mitleid mit den Opfern vereint. Und als Diakon Peter Klentzan, der sie über das Gelände führt, berichtet, wie den Häftlingen systematisch alle Individualität genommen wurde, sind alle entsetzt. „Dachau zeigt uns, dass wir alle Menschen sind und dass keinem einzigen sein Menschsein genommen werden darf“, sagt Kannaan hinterher. Als die jüdische Gruppe zum Gebet für die Verstorbenen einlädt, ist er selbstverständlich mit dabei.

Doch Dachau ist nicht nur Mahnung, sondern auch Hoffnung für die internationalen Besucher: „Hier ist ein ganzes Mahnmal für die Opfer entstanden!“ staunt Delman und berichtet bitter, dass sich Bagdad noch nicht einmal für den Mord an den Kurden unter Saddam Hussein entschuldigt hat. Sanja möchte verstehen, wie es in Deutschland gelungen ist, nach dem Entsetzlichen zu einem so dauerhaften Frieden zu finden, und davon lernen. „Dachau zeigt uns, dass Versöhnung möglich ist.“

Zeit für den Abschied

Neben viel Auseinandersetzung bleibt auch Zeit für Freizeit und heitere Begegnung, für Musik und Spiel. Alina berichtet begeistert von dem Hüttenabend in den Bergen, bei dem sie ein Friedenslied in unterschiedliche Sprachen übersetzten und dann alle gemeinsam sangen. Und am Abschiedsabend wird mit Augenzwinkern und Lachen noch einmal an die Höhepunkte der Woche erinnert. Alle erhalten einen Applaus - Anerkennung und Würdigung für das, was sie hier eingebracht haben an Offenheit und Toleranz.

Als sie tags darauf Abschied nehmen, wissen die meisten, dass sie in einen Alltag zurückkehren, der von militärischen Konflikten, politischer Instabilität und Spannungen geprägt ist. Sie müssen den geschützten Raum, in dem sie sich gegenseitig von ihrem Leid und ihren Ängsten erzählt haben, wieder verlassen. Jetzt muss sich in der Realität erweisen, was sie hier erfahren haben: Dass es auf der ganzen Welt – selbst unter den Gegnern - Menschen gibt, die sich nach Frieden sehnen und die zu Freunden werden können. Auf Facebook werden sie sich davon erzählen. Und zumindest in den ersten Tagen zur Zeit des gemeinsamen Morgengebets aneinander denken.

Was bleibt...

Die Gruppe aus Israel und Palästina hat sich viel vorgenommen: Wie schon ihre Vorgängerinnen und Vorgänger wollen sie sich gegenseitig besuchen, ihren Familien vorstellen und einander tiefer kennenlernen. Kannaan ist noch ganz erfüllt von den Begegnungen im letzten Jahr: Wie seine Familie die neuen Freunde aufnahm, obwohl sie die Israelis ablehnten. Und wie er auf einer jüdischen Hochzeit eigeladen wurde. Ob es in diesem Jahr wieder zu solchen Treffen kommt? Das wird von der politischen Lage abhängen.

Auch Alina und ihre deutschen Landsleute nehmen viel in die Evangelische Jugend nach Nürnberg mit: eine Ahnung davon, wie wenig selbstverständlich es ist, in Frieden und Sicherheit zu leben. Und die Erfahrung, dass die Konflikte in der Welt sie zu einer Stellungnahme herausfordern – ob sie das wollen oder nicht.


17.09.2014 / Anne Lüters
drucken