Polizeiseelsorge beim G-7-Gipfel

"Sie sind nahe bei den Menschen"

Schloss Elmau

Einsatz in den Alpen: 31 Polizeiseelsorger aus dem gesamten Bundesgebiet werden beim "41. G-7-Gipfel" vom 7. bis 8. Juni 2015 auf Schloss Elmau in Oberbayern vor Ort sein.

Bild: © iStockPhoto / NetMartin

Beim G-7-Gipfel will die Polizeiseelsorge zu Deeskalation beitragen. Oberkirchenrat Detlev Bierbaum, in der bayerischen evangelischen Landeskirche für Polizeiseelsorge zuständig, im epd-Interview.

Insgesamt 31 katholische und evangelische Polizeipfarrer und Polizeipfarrerinnen aus dem gesamten Bundesgebiet werden beim "41. G-7-Gipfel" am 7. und 8. Juni 2015 auf Schloss Elmau in den Ostalpen im Einsatz sein, sagte Oberkirchenrat Detlev Bierbaum im epd-Interview. Die Polizeipfarrer haben vor allem die Aufgabe, Ansprechpartner für die Polizisten zu sein.

epd: Am Rande des G-7-Gipfels ist mit großen Protestaktionen und Demonstrationen zu rechnen. Was kann die Polizeiseelsorge zu Entspannung und Deeskalation beitragen?

Bierbaum: "Für Deeskalation ist zunächst die Polizei beziehungsweise deren Einsatzleitung zuständig. Dies gelingt in Bayern insgesamt gesehen auch sehr, sehr gut. Kirchlicherseits begleiten wir die Einsatzkräfte vor Ort. So wird deutlich: Die Kirche lässt Menschen in schwierigen, persönlich fordernden Situationen nicht allein. Während des Gipfels haben wir ökumenisch gesehen insgesamt 31 Polizeipfarrer und Polizeipfarrerinnen aus dem ganzen Bundesgebiet im Einsatz. Die Koordination und Planung liegt bei Landespolizeidekan Monsignore Simbeck und Kirchenrat Herling. Im Vorfeld des Gipfels ist ein Gottesdienst für Einsatzkräfte der Polizei und die Bevölkerung geplant. Sowohl Befürworter als auch Gegner des Gipfels sind eingeladen. Der Gottesdienst wird versöhnenden Charakter haben und hoffentlich auch ein klein wenig zur Entspannung beitragen."

epd: Was werden die Polizeipfarrer bei dem Gipfel konkret tun?

Bierbaum: "Polizeiseelsorger und Polizeiseelsorgerinnen werden deutlich sichtbar präsent sein und sich zum Beispiel auch immer wieder zu den Beamten in die Absperrketten stellen. Ich habe es eben schon angedeutet: Die Einsatzbegleitung steht im Vordergrund. Wichtig wird sein, dass die Seelsorger und Seelsorgerinnen Ansprechpartner für die Polizisten sind; in der Unterkunft, auf dem Weg zum Einsatz, beim stundenlangen Stehen und Warten. Dann kann es um sehr persönliche Fragen gehen, die von der Partnerschaft bis zu einem überraschenden Todesfall in der Familie reichen. Manchmal geht es aber auch um ein ausgefallenes Hobby, das einen Seelsorger und eine Polizistin überraschend verbindet. Die Polizeiseelsorge wird außerdem für die 16.000 Beamten, die bei dem Gipfel im Einsatz sind, täglich an verschiedenen Orten eine Andacht anbieten und spezielle ,Orte der Stille' organisieren."

Mehr zum Thema

epd: Welche Bedeutung hat die Polizeiseelsorge im Berufsalltag der Beamten?

Bierbaum: "Wie uns immer wieder von Führungskräften, aber auch von den ,Polizisten auf Streife' zurückgemeldet wird, hat die Polizeiseelsorge eine hohe Reputation. Das liegt auch ganz wesentlich am berufsethischen Unterricht, der für alle Polizistinnen und Polizisten im Rahmen ihrer Ausbildung verpflichtend ist. Hier werden von den Seelsorgern zentrale und existenzielle Themen angesprochen: schwierige Einsatz-Situationen, etwa bei Demonstrationen, Schusswaffen-Gebrauch, Sterben und Tod; natürlich geht es immer auch um die Reflexion der eigenen Persönlichkeit. Zum Aufgabenbereich unserer Seelsorgerinnen und Seelsorger gehören ebenso die Familien. Familienangehörige sind direkt betroffen von den physischen und psychischen Belastungen, die ein Polizist in seinem Dienst erlebt und die er nicht einfach mit der Uniform ausziehen kann. Unsere Pfarrer und Pfarrerinnen gestalten auch Kasualien, Taufen, Beerdigungen oder Trauungen für die Beamten und Beamtinnen. So erarbeiten sie sich Stück für Stück Vertrauen. Für diesen intensiven Dienst bin ich allen Polizeiseelsorgern und Seelsorgerinnen sehr dankbar; sie sind nahe bei den Menschen."

epd: Wie viele evangelische Polizeiseelsorger gibt es in Bayern, nach welchen Kriterien werden sie ausgewählt?

Bierbaum: "Wir haben derzeit 3,5 Stellen für hauptamtliche Polizeiseelsorge in München, Nürnberg, Eichstätt und Sulzbach-Rosenberg. Dazu kommen noch vier nebenamtliche Polizeiseelsorger - zwei in Augsburg und zwei in Würzburg. Alle machen einen äußerst engagierten Dienst mit einem sehr hohen Qualitätsstandard. Diese Tätigkeit ist mit ganz besonderen Herausforderungen verbunden. Deshalb gehen wir bei Stellenbesetzungen sehr sorgfältig vor. Die Bewerber brauchen als Zusatzqualifikation eine klinische Seelsorge-Ausbildung oder eben vergleichbares und Kenntnisse in der Notfallseelsorge, beziehungsweise in der Seelsorge für Einsatzkräfte. Im Dienst dann lassen sich Polizeiseelsorger und Seelsorgerinnen laufend durch Supervision und Coaching begleiten. Eine große Bedeutung haben auch die dienstlichen Jahresgespräche, bei denen vor allem auch die psychischen Belastungen angesprochen werden können. Sinnvoll ist, wenn Polizeiseelsorger nach einer gewissen Zeit wieder eine andere Pfarrstelle antreten. Die Belastungen in diesem Dienst sind sehr hoch."

epd: Welche Eigenschaften braucht ein Polizeiseelsorger?

Bierbaum: "Natürlich eine psychische und schon auch physische Belastbarkeit und die Bereitschaft zu einer ausgeprägten ,Gehstruktur'. Polizeiseelsorger sollten hellwach durch die Flure der Polizeiinspektionen und Unterkünfte gehen und einen ,siebten Sinn' dafür haben, wo dem einzelnen Beamten, der Beamtin der Schuh drückt. Zudem braucht es persönliche Beweglichkeit und damit die Gabe, sich immer wieder auf neue Menschen und neue Situationen einstellen zu können. Eine unabdingbare Voraussetzung ist auch die Verschwiegenheit. Polizistinnen und Polizisten müssen sich hundertprozentig darauf verlassen können, dass alles, was sie an Nöten und Problemen berichten, bei dem Seelsorger, der Seelsorgerin bleibt und nicht in irgendeiner Weise den Vorgesetzten zu Ohren kommt. Denn den Wert dieser Seelsorge macht gerade aus, dass sie innerhalb des Systems Polizei, aber außerhalb der Hierarchie, in einem geschützten Raum geschieht. Ich bin sehr dankbar, dass das von der bayerischen Polizei so ermöglicht wird. Das setzt ein Vertrauensverhältnis nach allen Seiten voraus, das der Polizeiseelsorger pflegen und immer wieder neu schaffen muss."

epd: Wie ist die Stimmung innerhalb der Polizei, wo braucht sie mehr Unterstützung?

Bierbaum: "Eine generelle Antwort wage ich für die große Zahl von 38.000 Beamten und Beamtinnen in Bayern nicht zu geben. Zu beobachten ist aber, dass die Verunsicherungen zugenommen haben. Polizisten und Polizistinnen erleben immer häufiger Gewalt gegen sie, Übergriffe und eine steigende Respektlosigkeit. Verunsichernd kann für Polizisten auch der Einsatz bei Demonstrationen sein. Für das hohe, aber erst einmal abstrakte Gut der Demonstrationsfreiheit müssen sie auch völlig fehlgeleitete Rechtsextremisten oder Linksradikale schützen, die sie beschimpfen und bespucken. Persönlich bin ich einmal vor der Nürnberger Lorenzkirche nahe einer Polizei-Kette gestanden, die Demonstranten und Gegendemonstranten voneinander trennte. Der Lärm und die verbalen Anwürfe gegen die Polizisten waren unbeschreiblich. Unsere Polizei braucht eine breite gesellschaftliche Unterstützung und Anerkennung für ihren unverzichtbaren Dienst in unserer freiheitlichen Demokratie."


02.06.2015 / epd / Achim Schmid