Münchner Insel

Rettungsinsel in Lebenskrisen

Die Münchner Insel ist offen für Menschen in akuten Lebenskrisen.

Die ökumenische Beratungsstelle Münchner Insel zieht nach drei Jahren Umbauarbeiten wieder ins Marienplatz-Untergeschoss.

Drei Jahre lang hatte die Krisenberatung "Münchner Insel" ihr Quartier am Viktualienmarkt. Am kommenden Montag zieht sie wieder in den Untergrund - der beste Platz für vertrauliche Gespräche, findet Insel-Leiter Pfarrer Tilmann Haberer.

Schicke Glasfassaden, neue Deckenbeleuchtung in orangerot - am kommenden Montag wird nach dreijähriger Umbauphase das neue Zwischengeschoss am Münchner Marienplatz eröffnet. Mittendrin im hektischen Treiben liegt wieder die Münchner Insel, die ökumenische Beratungsstelle, die schon seit den Olympischen Spielen von 1972 hier ihren festen Platz hat. Während der Bauzeit arbeitete das Insel-Team um Pfarrer Tilmann Haberer oberirdisch am Viktualienmarkt. "Aber für unsere Arbeit ist das anonyme Gewühl hier unten besser", sagt der evangelische Leiter der Einrichtung.

Denn zur Münchner Insel kommen Menschen in akuten Lebenskrisen. Berufstätige, die dem Druck im Job nicht mehr standhalten und kurz vorm Burnout stehen, Paare, deren Beziehung gerade zu zerbrechen droht, Menschen, die die Arbeit verloren haben und ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können. Eines haben sie alle gemeinsam: das Gefühl, im Leben zu versagen. "Keiner möchte gern zeigen, dass er Hilfe braucht", sagt Haberer, "hier unten können sie im Strom der Massen unbemerkt bei uns hereinschlüpfen."

Drinnen warten neun Insel-Mitarbeiter, allesamt Psychotherapeuten, Sozialpädagogen, Seelsorger oder Juristen. Sie schicken niemanden weg: Hilfe gibt es ohne Termin und Wartezeit. Rund 57 Prozent der Kontakte sind Erst- und Einmalgespräche, mehr als 60 Prozent sind ausführliche Beratungen, die die Menschen entlasten sollen und ihnen weitere Hilfsangebote vermitteln. 44 Prozent der Ratsuchenden sind zwischen 40 und 60 Jahre alt, gefolgt von den 20- bis 40-jährigen, die 31 Prozent ausmachen. Jeden Tag kommen rund 32 Menschen in die "Insel", das macht im Jahr knapp 8.000 Gespräche.

Seit annähernd zehn Jahren ist Tilmann Haberer bei der "Insel". In dieser Zeit ist die Zahl der jüngeren Klienten leicht gestiegen, auch die Beratungen bei Beziehungsproblemen haben zugenommen. "Ich sehe das positiv, wenn schon junge Paare zu uns kommen, weil sie ein Problem ändern wollen", sagt der Seelsorger. Nachdenklich stimmt ihn der wachsende Druck in der Gesellschaft. "Das Tempo hat sich so stark beschleunigt, dass viele Menschen nicht mehr mitkommen", so Haberer. Gerade in der Großstadt nähmen außerdem die persönlichen Kontakte immer mehr ab.

Dass die Münchner Insel auch im luxussanierten Marienplatz noch einen Platz bekommt, verdankt sie der Stadt, die die monatlichen Mietkosten von 14.000 Euro übernimmt - vor dem Umbau waren es 2.000 Euro. Die evangelische und die katholische Kirchen teilen sich Personal- und Sachkosten. Und so bleibt für Menschen in Not die Rettung auf die Münchner Insel, wie seit über 40 Jahren, kostenlos.


30.10.2015 / Susanne Schröder (epd)
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