Pressemitteilung vom 30.10.2015

Die europäische Solidarität muss gestärkt werden

Internationale Konferenz von Bischöfen und Kirchenführern beendet.

Mit der Verabschiedung eines gemeinsamen Communiques ist gestern Abend ein eintägiges Treffen von 35 Bischöfen und Kirchenführern aus 20 Ländern in München zu Ende gegangen.
Der bayerische Landesbischof und EKD Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sagte zum Abschluss: „Kirchen aus 20 Ländern haben gemeinsam ein Zeichen der Hoffnung gesetzt. Humanität und Menschenwürde kennen für uns keine Grenzen. Die Solidarität mit Flüchtlingen verbindet in diesen Tagen viele Millionen Christen weltweit. Lokal verwurzelt und global vernetzt sind die Kirchen ein wichtiger internationaler Akteur der Zivilgesellschaft. Wir wollen in unseren Ländern Mut machen, auch in Zukunft solidarisch mit Menschen auf der Flucht vor Krieg und Terror zu sein.“

Olav Fykse Tveit, der Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen lobte auch die deutsche Kanzlerin: "Wenn es darum geht, Verantwortung für Menschen in einer verzweifelten Lage zu übernehmen, muss das ohne Ansehen der Person und alleine mit Blick auf ihre Not geschehen. In diesen Tagen brauchen wir politisch Verantwortliche, die ihr Handeln auf Menschenwürde gründen. Kanzlerin Angela Merkel hat klare und verantwortungsvolle Führung bewiesen, als sie Menschen auf der Flucht Schutz geboten hat."

 

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Hier der Wortlaut des Communiques:

„Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Evangelische Kirche in Deutschland waren die Gastgeber einer Konsultation von Kirchenleitenden zur Flüchtlingskrise in Europa. Die Kirchenleitenden trafen sich am 29. Oktober 2015 im Kardinal-Wendel-Haus in München. 35 Teilnehmende kamen von Kirchen und ökumenischen Organisationen aus dem Nahen Osten, Europa und Afrika. Mit Begrüßungen von ÖRK-Generalsekretär Pastor Dr. Olav Fykse Tveit und Bischof Heinrich Bedford-Strohm wurde der Rahmen gesteckt für Vorträge aus Ländern aller Regionen.

Bei diesem Treffen gab es Gelegenheiten zum Austausch von Informationen zwischen Herkunftsländern von Flüchtlingen, Transitstaaten und Aufnahmeländern. Die Diskussionen konzentrierten sich auf die tragische Situation im Nahen Osten und die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika.

Die Teilnehmenden waren sich während der Diskussionen zutiefst bewusst, dass Christen im Nahen Osten seit 2000 Jahren präsent sind und dass sie der Ursprung der Kirchen in Europa sind. Wir sind aufgerufen, ein Volk des Glaubens und der Hoffnung zu sein und wir sind überall verankert; wir kennen die Herzen und Wünsche unserer Menschen, sowie auch die Ressourcen und spirituellen Reichtümer, die uns allen potenziell zur Verfügung stehen.

In diesem Vorgehen hörten wir folgende Aussagen:

1. Als Christen teilen wir den Glauben, dass wir im Anderen das Bild von Christus selber sehen (Matthäus 25,31 46). Wir glauben auch, dass alle Menschen zum Bilde Gottes geschaffen wurden (Genesis 1,26 27).

2. Die Erfahrung der Migration und der Überquerung von Grenzen sind der Kirche Christi bekannt. Die Heilige Familie selber war auf der Flucht; auch die Menschwerdung unseres Herrn ist eine Überquerung einer Grenze, nämlich diejenige, zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen.

3. Während wir die Krise, die Menschen dazu zwingt ihre Heimat zu verlassen, zutiefst bedauern, heißen wir alle Flüchtlinge in Europa willkommen, denn für uns sind sie das Bild Gottes und als Gottes Kinder bringen sie ihre Begabungen in unseren Kontinent.

4. Heute ist offensichtlich, dass eine Renationalisierung der Politik stattfindet. Die Kirche ist aber sowohl lokal als auch universell, und im Leben der Kirchen widerstehen wir den Tendenzen, isoliert zu arbeiten, und wir bekräftigen unsere tiefe Verpflichtung zu einem universellen und ökumenischen Horizont.

5. Viele in Europa zeigen ihren Willen, allen Flüchtlingen Unterstützung und Hilfe zu bieten. Gleichzeitig kann ein hoher Grad an Angst und Befürchtungen festgestellt werden. Darüber hinaus können polarisierende Tendenzen beobachtet werden, die zu Instabilität führen. Angesichts dieser Herausforderung begünstigt die Kirche die partnerschaftliche Zusammenarbeit und die Solidarität.

6. Aus vielen Berichten ging deutlich hervor, dass die Unterstützungssysteme nachhaltig sein müssen. Die Flüchtlingskrise ist nicht bloß ein kurzfristiges Thema. Die Kirche wählt immer die langfristige Perspektive; wir sind bereit, Menschen in ihre Zukunft zu begleiten. In Europa entsteht ein neues Paradigma — leben mit Unsicherheit, doch als Christen verstehen wir, wie unsere Unsicherheit auch zur Stärke werden kann.

7. Regierungen anerkennen, dass die Kirchen zusätzliche und frische Erfahrungen bieten können; gewisse Regierungen wenden sich an Kirchen, um nach Ideen, Visionen und Partnerschaften zu fragen. Die Vereinten Nationen haben den Wunsch geäußert, sich in einem engeren Dialog mit dem ÖRK zu engagieren. Wir heißen diese Entwicklung der intensiveren Zusammenarbeit willkommen.

8. Die zentrale Aussage, die aus den Berichten herausgehört werden konnte, war der Aufruf, Kriege, Verfolgung und Ungerechtigkeit zu beenden. Dies sind die Hauptgründe, die Menschen zwingen, aus ihren Heimatländern zu fliehen.

9. Wir widerstehen der Tendenz, die Flüchtlingskrise nur in Form von Zahlen und Statistiken zu betrachten. Dies verstößt gegen den christlichen Wert des Respekts für die Würde eines jeden Menschen. Es geht hier um Menschen mit einem Leben, mit Familien, einer Heimat und um Jugendliche.

10. Wir anerkennen die verheerenden Folgen, die die Flucht von vielen jungen, begabten und gebildeten Menschen auf ihre Heimatländer hat.

Auf der Grundlage dieser Erklärungen sprechen wir die folgenden Empfehlungen aus:

1. Uns ist bekannt, dass es keine schnellen Lösungen gibt und wir fordern unsere politische Führung deshalb nachdrücklich auf anzuerkennen, dass nachhaltige, konsequente und langfristige Bemühungen erforderlich sind. Als Kirchen haben wir den Wunsch, unsere Regierungen bei der Suche nach solchen langfristig tragbaren Lösungen zu begleiten.

2. Als Kirchenleitende empfehlen wir den Regierungen und den politischen Parteien, darauf zu verzichten, diese humanitäre Krise für politische Ambitionen zu missbrauchen oder politische Vorteile daraus zu ziehen. Wir fordern die politische Führung nachdrücklich dazu auf, die Ängste in der Bevölkerung nicht die Gestaltung ihrer Politik bestimmen zu lassen.

3. Wir nehmen ebenfalls die Ängste von Christinnen und Christen und anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft zur Kenntnis. Es ist die Angst vor materiellem Verlust, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor dem Wettbewerb mit anderen und vor dem Verlust der Identität. Wir bitten alle Christinnen und Christen inständig, aufgrund dieser Ängste Flüchtlinge nicht zurückzuweisen. Wir wissen, dass die Integration der Neuankömmlinge harte Arbeit bedeutet. Christen sind ein Volk der Hoffnung und wir können die Ankunft von Flüchtlingen in unserer Mitte als einen potenziellen Segen ansehen, bringen sie doch neues Leben und Energie in unsere Gemeinschaften.

4. Wir appellieren an alle Regierungen in Europa, als eine auf diesem Kontinent lebende Gemeinschaft auf unseren gemeinsamen Werten und unserer geteilten Verantwortung für das Leben zu bestehen. Das bedeutet, dass wir im Geiste der Solidarität, Zusammenarbeit und Gemeinsamkeit nicht nur diese Notsituation bewältigen, sondern auch die damit verbundenen zukünftigen Herausforderungen schultern, diese Menschen in die Gesellschaft zu integrieren, ihnen Bildung zu geben und eine geeignete Inklusionspolitik zu gestalten.

5. Für uns als Kirchen bietet sich die Gelegenheit, umfassend Erfahrungen und Wissen weiterzugeben und spirituelle und seelsorgerische Unterstützung anzubieten, ökumenisch und konfessionsübergreifend zusammenzuarbeiten und Brücken zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften zu bauen.

6. Wir fordern die politische Führung nachdrücklich auf, ausgewogene Antworten auf die Krise zu finden und die eigentlichen Ursachen der Flüchtlingskatastrophe zu bekämpfen, Flüchtlingscamps in Nachbarländern zu unterstützen und Flüchtlinge im eigenen Land aufzunehmen. Diese Maßnahmen müssen sich gegenseitig ergänzen. Als Kirchenleitende betrachten wir alle Situationen als gleich wichtig.

7. Als Kirchenleitende empfehlen wir allen gutwilligen Menschen, die Wahrheit zu vermitteln und verzerrende Darstellungen und Übertreibungen zu vermeiden.

8. Wir empfehlen die Bereitstellung von finanziellen Mitteln, damit diesen Menschen eine sichere Passage gewährt wird und damit die Regionen unterstützt werden können, die den größten Teil der Flüchtlinge aufnehmen. Dazu gehören Griechenland, Italien und andere Transitländer.

Wir fühlen uns verpflichtet, unseren ökumenischen Dialog über die Flüchtlingskrise in Europa fortzusetzen. Wir haben festgestellt, dass dieser Freiraum für Diskussionen zwischen Kirchenleitenden in Europa in Zusammenarbeit mit ÖRK, KEK, CCME und anderen ökumenischen Partnern von großem Wert ist.
Möge unser Herr Jesus Christus, der Gott des Lebens, der Hoffnung und des Mitgefühls, uns weiterhin seinen Geist schenken und uns alle in seiner Gnade empfangen.“

 


30.10.2015 / München, Johannes Minkus, Pressesprecher