Für Flüchtlingsfamilien

Nürnberger Stadtteilmütter geben Starthilfe

Bunte Spielfiguren

Bringen Farbe ins Leben: Die "Stadtteilmütter" sind offen für Menschen aller Kulturen.

Bild: iStockPhoto / fotobauer

In Nürnberg engagieren sich Frauen ehrenamtlich für das Projekt "Stadtteilmutter": sie begleiten Menschen mit Migrationshintergrund und helfen ihnen, sich im hiesigen Sozialsystem zurechtzufinden.

Ein Mal in der Woche begegnet Zahre Ahmed-Wahab ihrer Vergangenheit. Die 39-Jährige besucht dann Familien, die vor ihrer Flucht nach Nürnberg Schlimmstes erlebt haben. Krieg, Verfolgung, Armut. Ahmed-Wahab weiß in diesen Momenten, wovon ihr die Menschen erzählen. Die Irakerin hat vor zwölf Jahren mit ihrem Mann in Deutschland Asyl beantragt. Heute ist die Familie gut integriert, die drei Kinder besuchen das Gymnasium - aber der Weg zu diesem Glück in einer fremden Welt war schwer.

Zahre Ahmed-Wahab ist eine Stadtteilmutter - eine Frau mit einem großen Herzen und warmen Lächeln, jemand der die Not der anderen versteht und schon deshalb helfen will. Zusammen mit 22 anderen Frauen, die sich ebenfalls bei der Stadtmission Nürnberg für das Projekt "Stadtteilmutter" ehrenamtlich engagieren, begleitet sie Menschen mit Migrationshintergrund.

"Eine Brücke zwischen zwei Welten bauen"

Stadtteilmütter helfen ihren Schützlingen dabei, sich im hiesigen Sozialsystem zurechtzufinden. Ahmed-Wahab dolmetscht, begleitet Menschen zum Jobcenter und Jugendamt, nimmt an Gerichtsterminen teil, unterstützt bei Gesprächen in der Schule. Die Stadtteilmutter klärt aber auch über den Verhaltenskodex in einer deutschen Behörde auf: "Seid respektvoll, pünktlich, streitet nicht und redet nicht auf den Angestellten ein", lautet ihr Rat an die Menschen, für die sich Deutschland noch fremd anfühlt.

Für die Stadtmission, die das Projekt 2009 initiiert hat, sind die Stadtteilmütter schon deshalb wertvoll, weil sie die Sprachen der Zuwanderer sprechen und aus einem ähnlichen Kulturkreis kommen. Die Leiterin des Projekts, Alexandra Frittrang, lobt die Vorbildfunktion der Frauen. "Unsere Stadtteilmütter bringen einen wertvollen Schatz an Wissen und Erfahrung mit und bauen damit eine Brücke zwischen zwei Welten."

Informationen zum Thema

Projekt "Stadtteilmütter"

In den vergangenen Jahren wurden 36 Frauen zu ehrenamtlichen Helferinnen ausgebildet. Sie absolvieren eine fünfmonatige Schulung. Dabei lernten sie das Sozialsystem Deutschlands kennen. Seit Projektbeginn wurden von den Frauen insgesamt 80 Familien mit 120 Eltern und 160 Kindern betreut. Die Familien kommen aus 18 Staaten, darunter Albanien, China, Iran, Irak, Russland, Sri Lanka und Weißrussland. Das Projekt wird ausschließlich über Spenden finanziert. Pro Jahr betragen die Kosten 30.000 Euro. Im Rahmen ihrer Sommerspendenaktion "Willkommen in Nürnberg" bietet die Stadtmission Nürnberg derzeit um Unterstützung für das Projekt "Stadtteilmütter".

Quelle: epd

Derzeit betreuen die Stadtteilmütter 27 Familien. Ahmed-Wahab begleitet ein Ehepaar aus dem Irak. Die Frau hat auf der Flucht in Serbien ein Baby zur Welt gebracht und musste das Frühgeborene zurücklassen. Ahmed-Wahab hat für die Familie gebetet, und sie hilft dem verzweifelten Paar dabei, seinen Sohn nach Deutschland zu holen.

Erste Erfolge hat die Stadtteilmutter bereits erzielt - das Ehepaar hat einen Aufenthaltstitel bekommen. Noch vor der Ausländerbehörde haben die beiden Ahmed-Wahab mit Dank überschüttet. "Was würden wir nur ohne Sie tun?" - diesen Satz wird die ehrenamtliche Helferin nicht mehr vergessen. "Ich fühle doch auch als Mutter", sagt sie.

Zum Abschied in glückliche Kinderaugen blicken

Ähnliche Erfahrungen als Stadtteilmutter hat Ayse Korkmaz-Ceribasi gemacht. Die 33-Jährige ist zwar in Deutschland geboren, ihre Eltern aber stammen aus der Türkei. Von ihnen weiß sie, wie schwer es ist, Fuß zu fassen. Derzeit begleitet Korkmaz-Ceribasi eine alleinerziehende Mutter, die mit ihren vier Kindern aus Nigeria nach Nürnberg gekommen ist. "Ihr ist alles zu viel. Sie ist seelisch sehr belastet", weiß die ehrenamtliche Betreuerin.

Ihre Hilfe setzt bei vermeintlich einfachen Dingen an. Korkmaz-Ceribasi schafft Struktur, sie kauft Locher und Ordner, heftet Dokumente ab, die auf dem Boden gelegen haben. Nach spätestens einem Jahr endet die Hilfe zur Selbsthilfe. Dann, das hofft Korkmaz-Ceribasi, sollten die Menschen ohne ihre Unterstützung durch das Leben kommen. Wenn dies wieder einmal gelungen ist und die 33-Jährige zum Abschied in glückliche Kinderaugen blickt, "dann", sagt sie, "brauche ich selbst kein Glück mehr".


18.08.2014 / epd / Katrin Riesterer-Kreutzer
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