ELKB-Ehrenamtspreis

Theaterprojekt "Tagasyl" ausgezeichnet

Männer im Kreis

Ausgezeichnet mit dem Ehrenamtspreis: Das Theaterprojekt "Tagasyl - Szenen aus dem Leben syrischer Asylanten" trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen - hier ein Szenenfoto.

Bild: (c) Kirchengemeinde Murnau

Zum fünften Mal hat die ELKB ehrenamtliche Projekte mit dem ELKB-Ehrenamtspreis ausgezeichnet. Unter den Preisträgern: die Kirchengemeinde Murnau und ihr Theaterstück „Tagasyl“.

„Hier wird eine ganz aktuelle Problematik aufgegriffen. Asylanten werden zu Akteuren und bringen sich selbst ein - auch beim gemeinsamen Essen. So werden Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut.“ Mit diesen Worten begründet der Fachbeirat „Ehrenamt“ des Nürnberger Amtes für Gemeindedienst die Auszeichnung des multikulturellen Projektes „Tagasyl“ mit dem diesjährigen ELKB-Ehrenamtspreis.

„Tagasyl“ ist ein Theaterstück, das die Kirchengemeinde in Murnau am Staffelsee im oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen mit Asylbewerbern aus Syrien entwickelt hat. Das Leben in Syrien, die Flucht und das Asylverfahren stehen im Mittelpunkt – das Stück hat eine bewegende Hintergrundgeschichte. Projektbetreuer Dieter Kirsch (77) erzählt, wie er vor etwas mehr als einem Jahr auf die Idee zu „Tagasyl“ kam:

Eine Familie, frierend im Wald

An einem kalten Dezembertag hätten zwei Frauen aus seiner Gemeinde einen Waldspaziergang durch den Wald bei Bad Kohlgrub gemacht, zwölf Kilometer entfernt von Murnau, erzählt Kirsch, „Bad Kohlgrub gehört zu unserer Kirchengemeinde. „Bei diesem Waldspaziergang begegnet den beiden Frauen eine Familie, auch durch den Wald stolpernd, aber nicht nur wegen der Wurzeln und der Steine auf dem Waldweg. Sie waren völlig unzureichend ausgestattet für einen Waldspaziergang zu dieser Jahreszeit.“ Die beiden Frauen erkannten die Familie als Menschen, die in Deutschland Asyl suchten.

„Das Ergebnis einer verfehlten Weltpolitik traf auf das einer verfehlten Gesundheitspolitik“, erzählt Kirsch. „Zwei Tage später fuhr ein Renault Kangoo mit den zwei Frauen, bepackt mit Kleidung und Schuhen nach Bad Kohlgrub. Eine Woche später fuhr ein Renault Clio mit mir und meiner Frau zu einem Ortstermin zum Urihof, der Unterkunft der Asylbewerber, ein aufgegebenes Kurhotel. Kontakte wurden gelegt, Termine abgesprochen. In der letzten Dezemberwoche hatte ich dann eine Dolmetscherin und die ersten Interviews konnten beginnen.“

Grausiges Weltgeschehen in Oberbayern angekommen

Erschüttert von den Berichten der Asylbewerber habe er im Januar 2014 direkt in der ersten Sitzung des Kirchenvorstandes der Gemeinde seine Idee eines Theaterprojektes über das Schicksal von Asylbewerbern vorgestellt. „Niemand wusste bis dahin, dass das grausige Weltgeschehen im friedlichen Oberbayern angekommen ist. Meine Idee war gespeist aus der Erfahrung als Leiter eines Goethe-Instituts, als Leiter von Theaterprojekten in vielen Ländern der Welt und den damit verbundenen erfolgreichen Versuchen, über Theatererlebnisse, über ein szenisches Lernen einen anderen Unterricht für Deutsch als Fremdsprache zu entwickeln“, so Kirsch.

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Die Vision des 77-Jährigen, den Weg Asylsuchender, ihr vertrautes Leben in ihrer Heimat, die gewaltsame Zerstörung dieser Vertrautheit, „dann die Flucht, das Ankommen in Deutschland, das Verfahren der Anerkennung, das Bangen darum“ begeisterte den Kirchenvorstand so, dass die Gemeinde beschloss, „Tagasyl“ umzusetzen. Kirsch konnte als Mitspieler sechs Menschen aus Syrien gewinnen, die sich zu dem Zeitpunkt in Murnau befanden, um Asyl zu beantragen, in Deutschland eine neue Heimat zu finden.

„Der Titel ,Tagasyl‘ spielt auf das Stück ,Nachtasyl‘ an, von Maxim Gorki 1901 geschrieben“, erklärt Kirsch. „Gorki zeigt gescheiterte Existenzen, die sich nach einem besseren Leben sehnen, aber zu schwach sind, sich gegen menschenunwürdige Verhältnisse aufzulehnen. Dieses Motiv sollte ans Licht, an den Tag kommen, darum ,Tagasyl‘.“

"Einige warteten bis zu neun Monaten auf Anerkennung"

Gemeinsam mit dem Murnauer Samir Yacoob, der in Bagdad Schauspiel und Regie studiert hat, gestaltete Kirsch die Regie und entwickelte aus seinen persönlichen Gesprächen mit den Asylbewerbern die einzelnen Szenen. Die Spieler hätten „hartnäckig nachgefragt und sie dann probend und erprobend mit den Mitteln des Theaters in Spiel umgesetzt, den Text inszeniert“.

Premiere war am 19. März 2014. Mit Menschen, die mit Feuereifer auf der Bühne standen, während ihr Leben voller Probleme war. „Bis zur Premiere war keiner der sechs Spieler Mitbürger“, erzählt Kirsch. „Einige warteten bis zu neun Monaten auf die Anerkennung“, die es ihnen erlaubte, sich in Deutschland frei zu bewegen, eine Wohnung zu suchen, zu arbeiten – Bürger dieses Landes zu sein.

"Eine wirkliche Willkommenskultur"

Umso nachdenklicher hat „Tagasyl“ sein Publikum gemacht – und letztlich den mit 1000 Euro dotierten ELKB-Ehrenamtspreis geholt, den Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel den Murnauern unlängst in Regensburg verlieh. Zu Recht, denn das „Tagasyl“ berührt, sagt Kirsch.

„Das Stück hört mit einem neuen Text auf eine alte Melodie auf: Kein schöner Land in dieser Zeit, jetzt endlich Ruhe, Sicherheit. Wie Menschen leben, Leben uns geben, in Einigkeit. Das mit einer aus dem Saal kommenden Querflöte zu hören, das bewegt, das hat bewegt. Im Anschluss an das Stück gab es ein syrisches Essen, das viele Herzen und Köpfe geöffnet, in Bad Kohlgrub und dann auch in Murnau und eine starke Unterstützerszene in beiden Orten entwickelt hat, eine wirkliche Willkommenskultur.“


11.12.2014 / ELKB / Poep