Kundgebungen gegen Antisemitismus

Mitleid nicht zur Waffe werden lassen

Fahnen bei der Demonstration gegen Antisemitismus in München

Zeichen setzen gegen die Gewalt: Fahnenmeer bei der Demonstration gegen Antisemitismus in München

Bild: Christoph Breit / ELKB

Die Gewalt in Gaza schlägt Wellen: Kundgebungen in deutschen Städten zur Solidarität für die Opfer nahmen antisemitische Züge an. Demonstrationen in München und Nürnberg setzten ein Zeichen dagegen.

Als "offene Wunde" empfindet die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler den Krieg im Nahen Osten. "Frieden in Gerechtigkeit und Freiheit für Israel und die palästinensischen Gebiete ist weit von der Realität entfernt", sagte die evangelische Theologin am 29. Juli bei einer Kundgebung gegen "Judenhass" auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus in München laut Redemanuskript.

Die Kundgebung "Wehret den Anfängen" wurde von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern initiiert. Zu den Rednern zählten neben Breit-Keßler auch die Präsidentin der Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, die Präsidentin des bayerischen Landtags, Barbara Stamm, Innenminister Joachim Herrmann und Kultusminister Ludwig Spaenle (alle CSU). Bei Nahost-Demonstrationen hatten Teilnehmer in den vergangenen Tagen wiederholt judenfeindliche Parolen skandiert. Mehrfach kam es auch zu körperlichen Angriffen gegen Juden und Pro-Israel-Demonstranten.

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Das ist Perversion ehrlicher Solidarität"

Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin von München

Anlass genug für Demonstrationen, die ein Zeichen gegen die erschreckende Entwicklung setzen. Es sei "geradezu obszön", wenn in Deutschland tatsächliche oder vermeintliche Sympathiekundgebungen für die leidtragenden Menschen in Gaza dafür genutzt würden, Israel "polemisch in Bausch und Bogen anzuklagen und Kritik antisemitisch einzufärben", sagte Breit-Keßler. Damit werde eine differenzierte Diskussion unmöglich. Zudem werde klar, dass der Krieg im Nahen Osten manchen als "willkommener Anlass" diene, endlich ihren antijüdischen Ressentiments freien Lauf zu lassen. Mitleid für Palästina werde zur Waffe, um Leid für Israel gut zu heißen: "Das ist Perversion ehrlicher Solidarität", so die Regionalbischöfin.

Der Dialog über Wege zum Frieden dürfe nicht abreißen. Es könne kontrovers über Grenzverläufe, Siedlungsgebiete, Einstellungen und Haltungen diskutiert werden. "Aber gemeinsam müssen wir darauf achten, dass nie und nimmer das Existenzrecht Israels bestritten wird", bekräftigte Breit-Keßler. Diese Sorgfalt gehöre zur geschichtlichen Verantwortung Deutschlands und der Kirchen.

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Und dann ist es für mich höchste Zeit zu demonstrieren"

Stefan Ark Nitsche, Regionalbischof von Nürnberg

Nach München war auch für Nürnberg eine „Kundgebung gegen Antisemitismus“ geplant, organisiert von der Stadt und einem breiten Bündnis demokratischer Kräfte: am 31. Juli auf dem Sebalder Platz in Nürnberg. Und ebenso wie in München waren in Nürnberg natürlich auch die Kirchen beteiligt; die ELKB wurde vertreten durch Regionalbischof Stefan Ark Nitsche.

„Wenn in der Stadt, in der ich so gerne lebe, das Recht auf freie Meinungsäußerung zu hasserfüllter Propaganda missbraucht wird“, so Nitsche, „wenn in unserer Stadt der Menschenrechte und in der Region antisemitische Parolen gegrölt und rassistische Parolen an Wände geschmiert werden, wenn Demonstrationen gegen die Politik eines Staates zu Gewalt gegen Menschen führt, dann zeigt sich darin jener Geist, der in Nürnberg grausame Spuren von Unrecht, Leid und Zerstörung hinterlassen hat.

Und dann ist es für mich höchste Zeit zu demonstrieren: Für die Achtung der Würde jedes Menschen aus jeder Kultur und jeder Religion, gegen dumme Sprüche und gewalttätige Sprache, für Frieden und gewaltfreie Konfliktlösungen, gegen dumpfes nachplappern hirnrissiger Argumente, für klare Worte.“


31.07.2014 / epd / ELKB
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