Landesbischof zur Jahreslosung

Bedingungslos angenommen

Das Bild zeigt zwei Hände unterschiedlicher Hautfarbe

Wer sich von Gott angenommen weiß, kann auch versuchen, andere Menschen anzunehmen, schreibt Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

"Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob." heißt die Jahreslosung 2015. Das ist ein guter Vorsatz für das neue Jahr, schreibt Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

War 2014 für Sie ein gutes Jahr? Vielleicht denken Sie in diesen Tagen darüber nach. Die Frage ist: Woran messen wir, ob es ein gutes Jahr war? Hängt es daran, ob wir beruflich Erfolg hatten? Oder dass wir einigermaßen gesund geblieben sind? Für mich persönlich am wichtigsten ist, dass ich gut ausgekommen bin mit den Menschen um mich herum. In dieser Hinsicht blicke ich dankbar auf das vergangene Jahr zurück. Ich freue mich an meiner Familie. Ich gehe gerne ins Büro, das Klima unter uns ist gut. Wir lachen viel, aber es gibt natürlich auch Zeiten, da ist es stressig und die Nerven sind angespannt. Wie können wir mit solchen Situationen umgehen? Wenn ich über diese Frage nachdenke, ist die Bibelstelle, die als Motto über dem Jahr 2015 steht, eine sehr konkrete Hilfestellung. Die Jahreslosung lautet: "Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob." (Röm. 15,7).

Reden hinter dem Rücken anderer

Wir kennen das ja: So leicht schauen wir zuerst auf das, was uns an anderen stört. Vielleicht nörgeln wir sogar an ihnen rum oder beschweren uns über sie - auch hinter ihrem Rücken. Es passiert so schnell, dass wir uns die Mäuler über andere zerreißen, dass wir uns an ihren schwachen Seiten weiden und vielleicht gar nicht merken, wie viel Gift wir damit streuen. Bei mancher Unterhaltung auf dem Flur wäre es ein guter Test, sich mal einen Moment vorzustellen, wie wir uns fühlen würden, wenn das alles über uns gesagt würde. Der Ton der Unterhaltung würde sich nach einem solchen Test schnell verändern.

Der Mensch ist ein Gesamtkunstwerk

Wir Menschen sind sehr unterschiedlich. Jeder bringt seine eigenen Erlebnisse, seine eigenen Wünsche, Hoffnungen und Freuden - und eben auch seine Schwächen mit. Man kann sagen: Jeder Mensch ist so eine Art Gesamtkunstwerk. Keine zwei Menschen sind gleich. Gott hat jeden von uns als ganz besondere Menschen geschaffen. Das merkt man auch beim Arbeiten: Menschen sind keine Automaten, sondern Persönlichkeiten. Wenn mehrere Menschen zusammen sind, besteht die große Kunst darin, jeden so nehmen zu können, wie er oder sie ist. Die Bibel hat schon recht: "Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat."

Den anderen anzunehmen, das ist eine große Kunst. Manchmal gelingt es mehr, manchmal weniger. Mir hilft dabei der Gedanke, dass ich, wenn ich den Anderen annehme, nur das tue, was ich selbst erfahren habe. Christus hat mich angenommen, und zwar unabhängig davon, ob ich dessen würdig bin. Ich muss es mir nicht verdienen. Weil Christus es für mich verdient hat. Wenn Paulus sagt, dass Christus für uns am Kreuz gestorben ist, dann mag das für Manche heute fremd klingen. Aber es ist eine wunderbare Botschaft. Christus hat all meine Unvollkommenheit, all das, was wir mit diesem alten Wort "Sünde" bezeichnen, auf sich genommen und mich damit frei gemacht. Was kann es Schöneres geben als das in der Seele zu wissen?

Ohne Einschränkung angenommen

Und wer das in der Seele weiß, der versteht auch genau, was die Jahreslosung sagen will: "Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat." Du hast doch selbst erfahren, wie wunderbar es ist, dass du ohne jede Einschränkung angenommen bist, nicht, weil du solch ein toller Typ bist, sondern um deiner selbst willen, aus reiner Liebe! Also begegne deinem Mitmenschen genauso!

Man sollte sie sich wirklich auf den Schreibtisch oder ans Bett legen, diese Jahreslosung. Und immer wieder darauf schauen. Das wird unseren Beziehungen das ganze Jahr über gut tun: "Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat."


02.01.2015 / Heinrich Bedford-Strohm
drucken