Landesbischof besucht den Nordirak

Ein Zeichen der Solidarität

Irak

In zahlreichen Begegnungen erfuhr der Landesbischof unmittelbar von der Angst der Flüchtlinge

Bild: Prieto Peral

"Die Menschen brauchen Sicherheit!" sagt Heinrich Bedford-Strohm. Nach seinem Besuch im Nordirak schildert der Landesbischof seine Eindrücke von der Konfliktregion und fordert eine UN-Schutzzone.

Bei einem Solidaritätsbesuch im Nordirak hat sich eine Delegation der bayerischen Landeskirche mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Oberkirchenrat Michael Martin über die Situation der verfolgten Menschen dort informiert und dabei auch Partnerorganisationen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern kennen gelernt.

Herr Landesbischof, warum dieser Besuch im Nordirak?

Heinrich Bedford-Strohm: Unsere Partner im Nordirak, mit denen wir seit langem intensive Beziehungen haben, haben uns darum gebeten. Wir haben uns auf den Weg gemacht, um den Menschen zu sagen, dass wir in Deutschland an sie denken und für sie beten. Und wir wollten uns selbst ein Bild von der Lage machen.

Hatten Sie keine Angst, in diese Region zu fahren? Fühlten Sie sich jemals in Gefahr?

Bedford-Strohm: Nein, ich habe mich nicht in Gefahr gefühlt. Das Risiko war vielleicht ein bisschen höher als bei einer anderen Reise. Aber wir hatten gute Begleiter, die wussten, wo wir hinfahren können und wo nicht.

Zitat

Der UN-Sicherheitsrat muss endlich handeln!"

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Hat sich Ihre Einschätzung durch ihren Besuch verändert? Mussten Sie ein Bild korrigieren?

Bedford-Strohm: Ich habe gespürt, dass die Menschen sich in den kurdisch kontrollierten Städten, in denen ich war, jetzt sicher fühlen, nachdem die IS zunächst gestoppt werden konnte. Anders ist es in den Dörfern der Ninive-Ebene, aus denen die IS wieder vertrieben werden konnte. Die Menschen trauen sich nicht mehr zurück. Sie haben große Angst. Ich hatte vorher gedacht, dass die humanitäre Versorgung sichergestellt ist. Aber hier ist oft die Angst vor dem Winter zum Ausdruck gebracht worden. Das Geld reicht bisher nicht aus, um all die Menschen zu versorgen.

Wie wurde ihr Besuch aufgenommen?

Bedford-Strohm: Wir wurden überall sehr herzlich empfangen. Allein dafür, dass wir da waren, waren die Menschen sehr dankbar. Wir haben alle miteinander ein Gefühl gehabt, dass wir über die nationalen und kulturellen Grenzen hinweg Brüder und Schwestern sind. Und die Menschen sind dankbar zu wissen, dass wir für sie beten. Das wurde auch in den gemeinsamen Gottesdiensten spürbar: So haben wir mit Flüchtlingen aus der von der IS-Terrormiliz eroberten Stadt Mosul in Erbil, der Hauptstadt Kurdistans, Gottesdienst gefeiert. Es hat mich sehr berührt, diesen kraftvollen Gottesdienst mit Menschen mitfeiern zu dürfen, die in den letzten Wochen so Schweres erlebt haben.

Was brauchen die Menschen in Erbil und Dohuk jetzt am dringendsten?

Bedford-Strohm: Das habe ich auch immer wieder gefragt. Und immer wieder sagten die Leute: Sicherheit! Manche haben nach drei oder vier Fluchterfahrungen in den letzten Jahrzehnten jedes Vertrauen verloren und wollen nur weg. Aber nicht wenige sagen auch: "Wir wollen in unsere Dörfer zurück. Aber nur, wenn wir wirklich und auf Dauer vor der IS sicher sind." Die Brutalität dieser Leute und all die Gräuelberichte haben panische Angst erzeugt – wen wundert es. Die Leute sagen aber auch: "Es muss schnell passieren, sonst verlassen wir dieses Land für immer."

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Stimmungsvoller Gottesdienst
Ein beeindruckender Mensch
Letzte Rettung

Wir haben auch ein Flüchtlingscamp der Jesiden besucht, die zu Zigtausenden in den Bergen massenhaft verdurstet wären, wenn sie nicht in letzter Minute von den Amerikanern und den kurdischen Kämpfern Hilfe bekommen hätten. Die Familie, mit der wir gesprochen haben, hat davon erzählt, auch von denen, die es nicht mehr geschafft haben und liegen geblieben sind. Das Lager haben 30 Leute aus einer jesidischen Kommune alleine und dann mit Unterstützung der UNO aufgebaut – jetzt finden dort 60 000 Menschen eine erste Zuflucht. Aber es fehlt an vielem, z.B. an Toiletten.

Sie haben sich ja sehr schwer zu einem „Ja zu Waffenlieferungen" durchgerungen – wie stehen Sie jetzt dazu?

Bedford-Strohm: Für mich hat sich die Einschätzung erhärtet, dass die Menschen hier vor der IS leider nur mit Waffen geschützt werden können. Das stellt dort auch niemand in Frage, auch niemand in den Kirchen, mit dem ich gesprochen habe. Ob überhaupt Waffengebrauch in diesem Fall ethisch als das kleinere Übel gelten kann, ist zunächst die entscheidende ethische Frage. Wenn es so ist, müssen die Akteure auch die Waffen haben, die dazu nötig sind. Ob man deutsche Waffenlieferungen akzeptieren kann, hängt von der Einschätzung ab, ob solche Waffenlieferungen zum Schutz der Menschen wirklich nötig sind. Hier habe ich oft gehört, dass die Peschmerga ohne Ausrüstung mit moderneren Waffen der IS nicht gewachsen wären – aber ich kann das mit meinen Mitteln nicht wirklich beurteilen. Es ist für mich klar, dass eigentlich die UNO der richtige Akteur wäre. Nur ist sie bisher leider zum Schutz der Menschen vor der IS ausgefallen. Bei der humanitären Unterstützung leistet sie allerdings Großes.

Ihre Botschaft an die Politik in Deutschland und in Bayern?

Bedford-Strohm: Erstens: Es muss dringend sofort eine Schutzzone für die Menschen hier eingerichtet werden, die ihnen endlich Sicherheit gibt und die Möglichkeit, jedenfalls in die Dörfer zurückzukehren, die nicht mehr unter der Kontrolle der IS sind. Der UN-Sicherheitsrat muss endlich handeln. Zweitens: Es muss alles Menschenmögliche getan werden, dass die Menschen hier mit dem Notwendigsten versorgt werden. Unsere eigene Landeskirche, die Diakonie Katastrophenhilfe und viele andere tun schon sehr viel. Wir dürfen die Menschen hier nicht vergessen, wenn das Medieninteresse nachlässt. Drittens: Alle Unterstützungskanäle der IS durch andere Länder müssen ausgetrocknet werden. Viertens: Eine zivile Perspektive für den Irak und für Kurdistan geschaffen werden – durch Unterstützung politischer Versöhnungsprozesse und wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Was können wir denn von hier aus tun?

Bedford-Strohm: Beten, für humanitäre Unterstützung spenden und politisch für den Schutz der Menschen eintreten.

Zur Person

Landesbischof , Bild: © ELKB

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er macht sich stark für Themen wie Soziale Gerechtigkeit, Öffentliche Kirche, Ökumene und Bewahrung der Schöpfung.

10.09.2014 / Anne Lüters