Kirchenleitung besucht Mecklenburg

Neue Wege für ländliche Gemeinden

Pfarrerin Pohle stellt den Gästen aus Bayern ihre Gemeinde vor.

Lernen von den Erfahrungen der Partnerkirche: Interessiert lauschen Mitglieder der bayerischen Kirchenleitung Pfarrerin Friederike Pohle, die von ihrer Landgemeinde berichtet. Nur noch 17 % der Bevölkerung in Mecklenburg ist evangelisch.

Bild: ELKB

"Kirche im ländlichen Raum" ist Thema der kommenden Frühjahrssynode. Bei einem Besuch in Mecklenburg hat sich die ELKB-Kirchenleitung über die Situation der Gemeinden auf dem Land informiert.

 Die junge Pfarrerin hat Herzklopfen. 30 Personen aus der mecklenburgischen und bayerischen Kirchenleitung sitzen in ihrem Pfarrhaus und warten. Bischof Andreas von Maltzahn aus dem Kirchenkreis Mecklenburg der Nordkirche sitzt neben den bayerischen Regionalbischöfen Gisela Bornowski aus Ansbach und Michael Grabow aus Augsburg. Auch Synodenpräsidentin Annekathrin Preidel und Vizepräsident Walter Schnell sind mit einer Gruppe von Synodalen aus Bayern in die Dorfgemeinde Grünow-Triepkendorf eine Stunde nördlich von Berlin gekommen. „Zukunft ländlicher Räume“ ist das Thema des Kirchenleitungstreffens.

Pfarrerin Friederike Pohle (35) beginnt ihr Projekt vorzustellen. In den sechs Dörfern ihrer Gemeinde gibt es keine echte Dorfgemeinschaft. Die alteingesessenen Familien betrachten selbst die Flüchtlinge, die nach 1945 kamen, noch als Außenseiter. Und gemeinsam blicken sie skeptisch auf die Neubürger aus Berlin und Westdeutschland, die einen verlassenen Bauernhof gekauft haben, um das Landleben zu genießen. Die Gräben zwischen den Menschen lassen sich nur überwinden, wenn man sich besser kennt, sagt Pfarrerin Pohle.

Kirche als "einziger Kulturträger im Ort"

Doch die Kräfte ihre Kirchengemeinde sind begrenzt. 380 Gemeindeglieder hat sie, verteilt auf sechs Dörfer mit sechs Kirchen. „Ich bin schon glücklich, wenn fünf Menschen in den Gottesdienst kommen“, sagt Pohle. Die Christen sind eine Minderheit, nur jeder Zehnte gehört zur Kirche. Da kam der Maler und Künstler Wolf Leo (Alter: „unter 80“) ins Spiel. Mit schwarzer Jacke und weißem Bürstenhaarschnitt sitzt er unter den Kirchenleuten. Gemeinsam mit der Gemeinde will er in einer der Dorfkirchen eine Ausstellung machen. Die Geschichte von sechs Familien aus jedem der Dörfer will er präsentieren – durch Interviews, Fotos und Dokumente. Das Ziel: Die Bewohner lernen sich gegenseitig besser kennen, das Misstrauen untereinander abbauen. Das Ungewöhnliche: Wolf Leo ist kein Gemeindeglied. Nicht einmal Christ. Mit der Kirche arbeitet er zusammen, „weil sie der einzige Kulturträger im Ort ist“.

Synodale Kathrin Neeb, Synodalpräsidentin Annekatrin Preidel, Kirchenrat Albert Küspert, Regionalbischof Michael Grabow, Künstler Wolf Leo, Dana Jeschke und Pfarrerin Friederike Pohle im Atelier des Künstlers.

v.l. Synodale Kathrin Neeb, Synodalpräsidentin Annekatrin Preidel, Kirchenrat Albert Küspert, Regionalbischof Michael Grabow, Künstler Wolf Leo, Dana Jeschke und Pfarrerin Friederike Pohle im Atelier des Künstlers.

Bild: ELKB

Für einen Mentalitätswechsel

Muss Pfarrerin Pohle jetzt Kritik von ihrem Bischof befürchten? Nein. Im Gegenteil. Denn Bischof v. Maltzahn will einen Mentalitätswechsel. Seit 1990 sind in der mecklenburgischen Kirche 40% der Pfarrstellen eingezogen worden, nur 17% der Bevölkerung ist noch evangelisch. Unter diesen Bedingungen könne man auf dem Land nicht ein Gemeindeleben aufrechterhalten „wie es früher einmal war“, so der Bischof. Er ermutigt die Kirchengemeinden, Abschied zu nehmen vom flächendeckenden Gemeindeaufbau. Gemeinden sollen neue Formen des Gemeindelebens ausprobieren – etwa auch mit Nicht-Christen, wie in Grünow-Triepkendorf.

„Kirche mit anderen“ nennt das v. Maltzahn. Die Kirche habe nicht die Aufgabe, anderen eine „Botschaft zu vermitteln, die wir schon haben“, sondern erst „im Hingehen zum Anderen erhält sich die Gemeinde das Evangelium“. Synodalpräsidentin Preidel zeigt sich am Ende beeindruckt. Um neue Ideen ausprobieren zu können, brauche es Erprobungsräume, sagt sie. Das Thema bleibt auch in Bayern auf der Tagesordnung. Die Kirche im ländlichen Raum ist das Schwerpunktthema der Frühjahrssynode in Ansbach. 


27.01.2016 / Johannes Minkus
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