Predigten zu Karfreitag

Leiden ernst nehmen

Glasfenster mit Kreuzwegdarstellung

Das Leiden Jesu Christi und die Bedeutung seines Sterbens für die Menschen - das stand im Zentrum der Karfreitagsbotschaften der Regionalbischöfe in Bayern.

Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Mit Leiden und Tod Jesu Christi aber auch mit der Not in der Welt haben sich am Karfreitag zahlreiche Gottesdienste auseinandergesetzt. Hier finden Sie die Predigten der bayerischen Regionalbischöfe.

Die erschütternden Ereignisse vergangener Monate haben auch ihren Ausdruck in den Predigten der bayerischen Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe gefunden, die am Karfreitag in München, Augsburg und Nürnberg auf der Kanzel standen. Die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler rief in Erinnerung an das Aushalten Jesu Christi am Kreuz zum Aushalten mit den Leidenden auf: "Wir brauchen Sympathie und Empathie, um selbst bewegt vom Schicksal anderer sein, um wirklich helfen zu können." Dazu gebe es heute zahlreiche Gelegenheiten: "Denken wir an Flüchtlinge und Asylbewerbende, die täglich zu Hunderten aus Syrien, Irak, Afghanistan und Nigeria zu uns kommen mit ihrem Leid im Gepäck. Denken wir an die Kinder, die zu uns fliehen, an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.... Es schüttelt einen, lässt einen bis in die Träume nicht mehr los, wenn man erfährt, was diese Ebenbilder Gottes an Grauem erlitten haben."

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, München

Susanne Breit-Keßler,© ELKB / Poep

In ihrer Karfreitagspredigt betonte Susanne Breit-Keßler, indem der Gottessohn dem eigenen Leid nicht ausgewichen sei, konfrontiere er mit der Frage nach dem Leid im eigenen Leben. Leid müsse ernst genommen werden. "Wer zu weinen lernt, über eigenes und fremdes Leid, der entwickelt Sensibilität für das, was Menschen bedroht, gefährdet, zerstört." Menschen mit einem solchen Gespür seien ein Segen. "Wir brauchen den Mut, uns dem Leid zu stellen in einer Gesellschaft, die Leid nach Möglichkeit nicht wahr-, sondern forthaben will. Es sei denn, sie kann sich ihm wie derzeit nicht entziehen."

Die Predigt als PDF

Regionalbischof Michael Grabow, Augsburg

Regionalbischof Michael Grabow,© Kirchenkreis Augsburg
"Wie können Menschen damit leben, dass Gott nicht eingreift ins Weltgeschehen?  Wo können die vertriebenen und entwurzelten Menschen auf der Flucht Gottes Begleitung erleben? Wo können Menschen in Todesnot Gott finden?" Diese Fragen gehören für Michael Grabow eng zu den Geschehnissen des Karfreitags.. "Denn wir können auch fragen: Warum hat Gott das zugelassen, was da auf Golgatha geschah?" Die Antwort des Karfreitags sei nicht leicht zu ertragen, so der Regionalbischof in St. Ulrich in Augsburg. Dass Gott mitleide und den Weg der Verzweiflung und des Sterbens gehe, sei keine Antwort, aber mache Mut, "dass Gott alle unsere Not kennt und weiß", und uns damit nicht allein lasse.

Die Predigt als PDF

Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyharn, Nürnberg

Eine Frau in einem Talar,© (c) Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Nürnberg

„Der Weg Jesu führt in die Tiefen des menschlichen Lebens, in die Hölle, die Menschen einander bereiten“ sagte Elisabeth Hann von Weyhern in ihrer Karfreitagspredigt. „In der Tiefe beginnt das Vollbringen: Dort wird überwunden, was das Leben kaputt macht, dort entsteht neue Hoffnung.“  Nur in diesem Sinne könne der Evangelist Johannes von Jesu Kreuzigung, der schrecklichsten Todesstrafe der Antike, als einer „Erhöhung“ reden, die Menschen helfe, sich wieder aufzurichten. Doch „der Verstand kann das nicht begreifen – nur die Liebe kann das. Deshalb erfolgt diese Vertauschung aller Wert- und Machtvorstellung an Karfreitag auch nicht gewaltsam, nicht mit Zwang.“

"Wo warst Du, Gott, als so viele Menschen in Syrien und Irak wegen ihres Glaubens vertrieben und ermordet wurden? Wo warst Du, Gott, als hunderte von Frauen und Kindern in Nigeria verschleppt wurden in Sklaverei? Wo warst Du, Gott, als ein Verzweifelter 149 Unschuldige mit in den Tod riss und ihre Angehörigen in tiefes Leid stürzte? " fasste Augsburgs Regionalbischof Michael Grabow das Entsetzen in Worte und zog eine Linie zum Verzweiflungsschrei Jesu von Nazareth am Kreuz: "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen – so schrie Jesus am Kreuz, so schreien unzählige Menschen in ihrem Leid."
Zitat

Wenn der Boden unter unseren Füßen schwankt,
dann reiche uns die Hand, Gott, und halte uns fest.
Wenn die Finsternis alles zu verschlingen droht,
wenn wir den Weg im Dunkel nicht mehr finden,
dann leuchte uns mit deinem Licht.
Wenn die Erde sich auftut, uns zu verschlingen,
dann bewahre du, Gott, uns in deiner Liebe.

Regionalbischof Michael Grabow
Und Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern, Nürnberg machte einen deutlichen Unterschied "zwischen der christlichen Vorstellung vom „Opfer“ Gottes für uns und allen anderen Vorstellungen von Gewaltopfern, die angeblich im Namen Gottes gebracht werden." Die Vertauschung aller Welt- und Machtvorstellungen erfolge am Karfreitag nicht mit Zwang, sondern als Bitte: "Lasst Euch versöhnen mit Gott!"

03.04.2015 / Anne Lüters
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